The Substance: Albert Hofmann's LSD

Martin Witz erzählt in seiner kulturhistorischen Dokumentation vom „bad trip“ einer Utopie.

The Substance 03

Für einen kurzen Moment der Weltgeschichte sollte ausgerechnet die spätere Modedroge LSD das Problem großer Opferzahlen bei Kriegen und Militäreinsätzen lösen. Ein heute fast absurd anmutender Werbefilm des US-Militärs propagierte Lysergsäurediethylamid als effektive Waffe in kriegerischen Auseinandersetzungen. Aus der Luft gesprüht sollte es die feindliche Armee lahmlegen können, ohne ihr dabei körperliche Schäden zuzufügen. In dem kurzen Ausschnitt, der in The Substance – Albert Hofmann’s LSD gezeigt wird, sind ein paar drollige Soldaten zu sehen, die recht unkoordiniert durch die Gegend stolpern, anstatt sich marschierend auf kriegerische Einsätze vorzubereiten. Doch die Idee währte nicht lange: Denn nach weiteren Tests wurde schnell klar, dass der durch LSD hervorgerufene Bewusstseinszustand jegliche Kontrolle unmöglich macht, und so könnten die drolligen Soldaten schnell auf die weniger drollige Idee kommen, gefährliche Raketen zu zünden oder wild durch die Gegend zu schießen.

The Substance 05

Diese kurze Episode aus der US-amerikanischen Kriegstheorie ist beispielhaft für die Debatten rund um die Substanz, die 1943 vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckt worden war. Der Hoffnung auf eine Instrumentalisierung der beruhigenden Wirkung von LSD stand immer das Fehlen von Kontrollmöglichkeiten gegenüber. Die radikale Manipulation der menschlichen Wahrnehmung faszinierte und ängstigte Wissenschaftler wie Machthaber, weil LSD immer im Verdacht stand, soziale Kontrolle eher zu unterminieren als zu erleichtern. Doch da war es schon zu spät. Die Substanz war auf dem Markt, wurde zur Mode-Droge der Sixties, und LSD stand endgültig zwischen dem Ruf als Wundermittel für die Utopie einer besseren Gesellschaft und den entsprechenden Verteufelungen als Suchtmittel und Gefahr für die bestehende Gesellschaft – Richard Nixon konnte LSD-Zar Timothy Leary gar als gefährlichsten Mann Amerikas bezeichnen.

The Substance 02

Regisseur Martin Witz lässt in seiner Dokumentation eine Reihe von Menschen zu Wort kommen, die in unterschiedlichen Kontexten mit LSD in Berührung gekommen sind, darunter ist auch der 2008 im Alter von 102 Jahren verstorbene Albert Hofmann selbst. Dessen Erinnerung an den ersten Selbstversuch, nach dem er überzeugt davon war, bereits im Jenseits angelangt zu sein, ist durchaus eindrücklich. Neben Hofmann werden in The Substance Historiker und Psychiater befragt, Alt-Hippies erinnern sich an ihre Erfahrungen, und fortschrittliche Mediziner sprechen sich für eine gemäßigte Verwendung von LSD in bestimmten Krankheitsfällen aus. Dazwischen schaltet Witz Archivaufnahmen aus Chemie-Labors, didaktisches Filmmaterial aus den 50er und 60er Jahren sowie Ausschnitte aus der Hochphase der Counterculture. Witz kann sich zwar nicht völlig dem Versuch versperren, mit entsprechender Ästhetik den LSD-Trips auch visuell nahe zu kommen, hält sich damit insgesamt aber zurück – da er die subjektiv unterschiedliche Wahrnehmung der Drogenwirkung betont und die immer wieder an sprachliche Grenzen stoßenden Beschreibungen der Konsumenten zeigt, ist das auch konsequent.

The Substance 07

Zwar bleiben manche Statements der vermeintlichen Autoritäten etwas unkritisch stehen und werden zu wenig miteinander konfrontiert, insgesamt ist The Substance aber ein durchaus spannender und vielseitiger Film. Das liegt vor allem daran, dass Witz weitgehend darauf verzichtet, über sein Objekt zu urteilen und die „Wahrheit über LSD“ zu enthüllen. Auch eine chemische Substanz ist eben kein Ding an sich, nicht einfach gut oder böse, sondern funktioniert immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext. The Substance ist daher kein Film über die Droge selbst, sondern eher eine Geschichte der vielfältigen Diskurse über LSD – von der zunächst für Psychologen interessanten Nutzung als „Modell für eine Psychose“ zu ersten Gehirnwäsche-Experimenten der CIA, über die Entdeckung eines Markts für Kreative und den LSD-Boom in den 60ern bis hin zu einem Revival seiner medizinischen Verwendung bei der Betreuung von unheilbar Kranken.

Gegen Ende verliert der Film seinen urteilsfreien Blick etwas und legt zumindest implizit nahe, dass mit dem Einsatz von LSD bei Todgeweihten die Droge nun ihre wahre Bestimmung gefunden habe und die Geschichte an ihr vernünftiges Ende gekommen sei. Dabei könnte man stattdessen fragen, was eine solche Umdeutung über die heutige Zeit aussagt. Heute soll das Wohlfühlerlebnis denen vorbehalten bleiben, die eigentlich schon draußen sind aus der Gesellschaft, für diese Gesellschaft aber ist der immer wieder beschriebene Ich-Verlust durch LSD anscheinend noch immer eine Gefahr. Die Medikalisierung der Droge stellt dagegen ihre Kontrolle sicher und befreit die Wirkung von ihrer sozialen Komponente, die vor einigen Jahrzehnten noch im Vordergrund der utopischen Erzählung rund um Albert Hofmanns Entdeckung stand. Anstatt diese letzte Verschiebung im LSD-Diskurs zu historisieren, scheint Witz einen medizinisch kontrollierten Gebrauch zu propagieren. Damit wird The Substance schließlich selbst zu einem Fragment der spannenden Kulturgeschichte von Lysergsäurediethylamid, die den Film so sehenswert macht.

Mehr zu „The Substance: Albert Hofmann's LSD“

Kommentare


hans

1943 war es


Michael

Danke, ist korrigiert.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.