Der Ornithologe

Der heilige Antonius in der Golden Shower: João Pedro Rodrigues verführt uns mit seinem so rätselhaften wie zugänglichen neuen Film dazu, an das Unglaubliche zu glauben.

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Während ich im Kino sitze, fällt mir ein Witz aus meiner Schulzeit ein. „Bist du gut zu Vögeln?“ fragte man damals sein im Idealfall noch nicht ganz verdorbenes Opfer und hoffte, dass es bei diesem sprachlichen Vexierspiel nur die Sympathie für Flugtiere raushören würde und nicht die Bereitschaft zum Sex. Gelang das, konnte man auf sein „Ja“ schließlich in hemmungsloses Gelächter ausbrechen. Dass mir dieser Kalauer ausgerechnet in João Pedro Rodrigues' neuem Film wieder einfällt, kommt nicht von ungefähr. Der Ornithologe (O Ornitólogo) erzählt von einem Vogelkundler namens Fernando, der sich im unberührten Norden Portugals auf die Suche nach Schwarzstörchen macht. Und diese vom hünenhaften Franzosen Paul Hamy verkörperte Figur vereint tatsächlich eine nerdige Begeisterung für Zoologie mit einer sexuellen Strahlkraft und Offenheit, die man in diesem Metier nicht unbedingt vermuten würde. Aber warum sollte sich das auch widersprechen?

Diese Frage kann man sich im Laufe des Films immer wieder stellen; etwa wenn auf ausgiebige Naturbeobachtungen surreal überzeichnete Momente folgen, wenn christliche und heidnische Motive derart durchmischt werden, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann oder sich der Film gänzlich in seiner Traumlogik auflöst. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto größer wird auch die Gewissheit, dass es vielleicht gar keine Dinge gibt, die nicht zusammenpassen, sondern lediglich festgefahrene Vorstellungen, die uns das glauben lassen.

Freche Pilgerinnen, mysteriöse Rowdys, Latein parlierende Amazonen

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Doch noch einmal zurück zum Anfang: In seinem zwar äußerst rätselhaften, dafür aber ungewöhnlich zugänglichem neuem Film erzählt Rodrigues von einer Reise, die nicht nur im übertragenen Sinn eine Verwandlung ist. Zunächst wird Fernando noch von einer weltlichen Beziehungskrise mit seinem Freund im Diesseits gehalten, doch wegen des schlechten Handy-Empfangs steht er schon bald vor neuen Herausforderungen. Als er nach einem Bootsunfall von zwei chinesischen Pilgerinnen gerettet wird – die zwar vorgeben, anständige christliche Mädchen zu sein, es tatsächlich aber faustdick hinter den Ohren haben – begibt sich Der Ornithologe immer tiefer in einen unergründlichen Märchenwald. Zunächst trifft Fernando auf mysteriöse Rowdys in Karnevalskostümen, später wird er von einem taubstummen Ziegenhirten namens Jesus angeflirtet, und irgendwann begegnen ihm auch noch ein paar barbusige Amazonen, die sich auf Latein unterhalten. Was das alles miteinander zu tun hat, ist nicht immer leicht zu erklären, vor allem, wenn man nicht ins Esoterische abgleiten möchte. Aber am Ende ergibt sich doch ein zwar nicht unbedingt in sich schlüssiges, aber doch organisches Gesamtbild.

Dass einem der Film immer wieder durch die Finger flutscht, hat auch damit zu tun, dass er die Wandlung zum Grundprinzip erhebt. Nichts ist, wie es scheint oder gerade noch war – auch Fernando nicht, der langsam zu Antonius von Padua wird. Dieser Heilige war ein Missionar und Rhetoriker, der eine Zeit lang bei dem Tierfreund Franz von Assisi lebte und selbst eine tiefe Beziehung zur Natur im Allgemeinen und zu den Tieren im Besonderen hatte. Rodrigues greift zwar die Ikonografie des Heiligen auf, lässt Fernando (übrigens der Geburtsname von Antonius) sogar eine eigenwillige Version seiner berühmten Predigt zu den Fischen durchführen, ist aber weder an religiöser Erhabenheit noch an einem Heiligen-Biopic interessiert. Es ist eine gar nicht bockig wirkende Verweigerung vor dem Eindeutigen, die sich durch Der Ornithologe zieht und am deutlichsten im Motiv des Doppelgängers niederschlägt. Das zeigt sich etwa bei den zwei Pilgerinnen, die Fernando partout nicht auseinanderhalten kann, bei den maskierten Rowdys, einem Zwillingsbruder des Hirten Jesus, der unvermittelt auftaucht, und vor allem natürlich Fernando selbst, der nicht nur zum Heiligen wird, sondern irgendwann auch zu Rodrigues selbst – der plötzlich anstatt seines Helden vor uns steht.

Eine schwule Mythologie

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Der Regisseur – selbst einmal Student der Ornithologie und optisch gewissermaßen eine weniger idealisierte Version von Paul Hamy – macht keinen Hehl daraus, dass er auch einen Film über sich selbst gemacht hat; seine Ängste, seine Zweifel, seine Hoffnung und eben auch eine Abkehr vom Irdischen und eine Hinwendung zum Glauben. Dass damit kein traditionell praktizierter Katholizismus gemeint ist, ist schnell klar. Das Blasphemische und Heidnische haben es Rodrigues ebenso angetan wie das campige Pathos des Christentums. Er nimmt sich einfach die Referenzen, die ihm am besten gefallen und verwebt sie in seiner persönlichen Mythologie, die auch eine explizit schwule ist. In einer Szene wird Fernando zum Heiligen Sebastian im Bondage-Korsett, hinter dem sich der steife Schwanz abzeichnet, in einer anderen erlebt er im goldenen Strahl eines Wildpinklers eine Epiphanie. Dabei wirken solche Momente keineswegs wie kalkulierte Tabubrüche. Sie legen vielmehr den erotischen Subtext offen, der schon immer in die christliche Kunst eingeschrieben war.

Der Glaube bezieht sich somit weniger auf eine konkrete Religion als auf etwas, das sich rational nicht erklären lässt. Fernandos Reise gleicht einer Sinnsuche, die man mit Rodrigues im Hinterkopf auch als Abkehr von der Wissenschaft und Hinwendung zum oft nicht erklärbaren Zauber der Kunst verstehen kann – aber eben nur kann. Denn im Film steckt eine Vieldeutigkeit, die man heute nur noch aufgrund der historischen Distanz in geistlichen Texten findet. Der Ornithologe will uns zwar das Glauben lehren, kennt dabei aber nicht nur eine Wahrheit.

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