Point Blank

Lee Marvins Karriere als Protagonist im Hollywood-Kino begann recht spät, mit silbrig-weiß meliertem, schimmerndem Haar spielte er Mitte der sechziger Jahre seine eindrucksvollsten Rollen. Unsterblich gemacht hat er sich so als Rächer in Point Blank.

Point Blank

„Point Blank“: Im Wörterbuch findet sich die Übersetzung „aus kürzester Distanz“. Gemeint ist das Abfeuern einer Schusswaffe. Bei John Boormans Film aus dem Jahr 1967 zielt der Titel in zweierlei Richtung. Gangster Walker (Lee Marvin), der Mann ohne Vorname, ist von seinem vermeintlichen Freund Reese aus nächster Nähe kaltblütig niedergeschossen worden. Dies wird in der Exposition vermittelt, einem elliptischen Flashback, der von einer assoziativ montierten Titelsequenz gerahmt wird. Von nun an verfolgt Walker nur ein Ziel: es seinem Peiniger gleichzutun. Davon handelt der Film und bewegt sich unbeirrt auf sein Ende zu.

Point Blank erscheint in der Süddeutsche Zeitung Cinemathek, mit einem fundierten Text Klaus Theweleits ausgestattet. Der Kulturtheoretiker schreibt über den sprechenden Namen Walker, dessen Träger mit hallendem Schritt die Tonebene des Films bestimmt. Vieles in diesem Film hat eine unmittelbare und eine metaphorische Bedeutung. Befindet sich der Rächer auf einem langen Gang, so hat er ebenfalls einen solchen vor sich. So geradlinig der Film dabei ist, so wenig linear verläuft die Narration. Theweleits ursprüngliche Annahme, Point Blank sei ein Film Don Siegels, kommt nicht von ungefähr. Niemand hat den Gangster- und Polizeifilm derart geprägt wie Siegel, dessen Zusammenarbeit mit Clint Eastwood innerhalb von elf Jahren fünf gemeinsame Filme hervorbrachte und 1979 mit Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz) endete.

Auf Alcatraz, genannt The Rock, titelgebender Haupthandlungsort einer Simpson/Bruckheimer-Produktion (1996), beginnt auch Point Blank. Die Szenerie nutzt Kameramann Philip H. Lathrop für lange, starre Einstellungen. Henry Berman schneidet Walkers Entkommen von der Todesinsel wie einen Fotokalender. Gerade die Auslassungen berauben den Film nicht etwa seiner Stringenz, sie sind vielmehr ein Ausdruck seiner Reduktion. Jedes Bild treibt die Handlung bestimmt und doch ohne Hast voran. Die Direktheit der Bildkompositionen spiegelt sich in der körperlichen Unmittelbarkeit des Protagonisten.

1967 war das Jahr, in dem in Hollywood auf einmal alles möglich schien. Bonny und Clyde (Bonny and Clyde) und Die Reifeprüfung (The Graduate) waren zwei unabhängige Produktionen, die in ihrer Unkonventionalität, ihrem neuen Ton, dem Aufbruch von Normen und Genrestarrheit, einem Kino Gesicht verliehen, das später mit dem Namen New Hollywood versehen werden sollte. Regisseur John Boorman, der später noch Beim Sterben ist jeder der Erste (Deliverance, 1972) und Excalibur (1981) drehte, verband in Point Blank die Tradition des amerikanischen Gangsterfilms mit einer an der Nouvelle Vague orientierten Erzähltechnik und schuf damit einen Monolithen. Drei Jahre zuvor hatte sich Don Siegel einer Novelle Ernest Hemingways angenommen und mit Der Tod eines Killers (The Killers) gleichzeitig ein Remake des Robert Siodmak-Klassikers Rächer der Unterwelt (The Killers, 1946) geschaffen. Gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Lee Marvin hatte Siegel einen Stil und eine Coolness kreiert, die das gesamte Genre und auch Point Blank prägte, der in seiner Geradlinigkeit und der Wahrnehmung von Stadt und deren Architektur tatsächlich an die Handschrift Siegels erinnert. Es sind diese beiden Filme, die als erstes ins Gedächtnis kommen, wenn man sich Lee Marvins erinnert, der lange Jahre als Fernsehschauspieler arbeitete und seinen nachhaltigsten Auftritt in Fritz Langs Meisterwerk The Big Heat (1953) hatte. Don Siegel entdeckte ihn als Kinohauptdarsteller und setzte somit das Startsignal für eine langjährige und beeindruckende Karriere. Marvins letzte Filme vor Point Blank waren Die gefürchteten Vier (The Professionals, 1966) und Das dreckige Dutzend (The Dirty Dozen, 1967), die beide in ihrer Gewaltdarstellung das New Hollywood und vor allem Sam Peckinpah stark beeinflussten.

Sein Walker ist kein Vigilante, eine Figur so vieler Selbstjustizfilme der beiden folgenden Dekaden. Er verkörpert den klassischen, fast altmodischen Typus des Rächers, so eindrücklich und nachhaltig, dass man heute von Point Blank als dem großen Rachegangsterfilm seiner Zeit sprechen kann.

Die Kombination von Boormans komplexer Erzählweise, die viel mit überlappendem Ton und Rückblenden arbeitet, sowie Marvins intensivem aber stoischem Spiel ist ein Erfolgsgeheimnis des Films. Dieser beginnt mit einer ganz kurzen hypnotischen Sequenz, die im späteren Verlauf verortet wird und an Andy Warhols Arbeit mit Velvet Underground erinnert. Ein Schuss ertönt und schließlich erscheint der Name des Hauptdarstellers. Es folgt der Titel, dann besagter Flashback. Den Namen des britischen Regisseurs erfährt man erst sechs Minuten später, in einer fast unscheinbaren Einblendung. Seinen Reißer vordergründig ganz durch die Präsenz des Hauptdarstellers wirken zu lassen ist eine gleichsam herausragende wie selbstlose Leistung Boormans. Denn eines ist klar: der Name Point Blank wird für immer mit Lee Marvin assoziiert werden.

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