Love Alien

All you need is love. Doch was, wenn man nicht bekommt, was man braucht?

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„Du zelebrierst die Messe eines Mädchenarms“, beschreibt Wolfram Huke einmal seine eigene Wahrnehmung. Er spricht oft in der zweiten Person von sich. Das schafft Distanz zu seinem Leid und spricht zugleich jeden Zuschauer an, der seinen Schmerz nachvollziehen kann. Wolfram hat nämlich noch nicht viele Begegnungen mit Mädchenarmen erlebt, denn er ist Single. Schon immer. Der 31-Jährige hat noch nie eine Liebesbeziehung gehabt. Was das bedeutet und wie er versucht den Status des „Absoluten Beginners“ abzulegen – das zeigt seine Doku Love Alien (2012).

Darin begleitet der Student der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film sein Leben ein Jahr lang mit der Kamera. Wolfram geht zu Partys und kehrt wieder heim, ohne eine Frau kennengelernt zu haben. Er sucht auf Online-Dating-Plattformen nach einer Freundin und muss dabei in seinem Profil angeben, ob er eher attraktiv oder sympathisch ist (beides geht anscheinend nicht) – fündig wird er allerdings auch hier nicht. Ja, er fliegt sogar nach Zagreb zu einer Bekannten, in die er sich mal verguckt hatte – und wälzt sich doch alleine im viel zu großen Doppelbett des Hotels. Gerade in Betten spürt Wolfram seine Verzweiflung: „Die Abende sind eigentlich das Problem“, sagt er. Denn jeder Abend endet damit, dass er alleine schlafen geht.

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Mit welcher Offenheit der Filmemacher von seiner Einsamkeit erzählt, ist bewundernswert. Schließlich vertraut er hier seine intimsten und wohl traurigsten Geheimnisse nicht nur der Öffentlichkeit an, sondern auch seinen Eltern, Verwandten und Freunden. Zu diesen Einblicken in sein Seelenleben zählt beispielsweise der Bericht über einen gescheiterten Besuch bei einer Prostituierten. Sich selbst beim Masturbieren zu zeigen zeugt ebenfalls von großem Mut. Und auch die teilweise für ihn recht unvorteilhaften, extrem nahen Kameraperspektiven lassen erkennen, dass Wolfram Huke die eigene Imagepflege gegenüber der künstlerischen Aufrichtigkeit hintanstellt.

Zugleich beweist der Regisseur trotz oder gerade wegen seiner oft bedrückenden Schilderungen immer wieder Sinn für Humor. Als er beispielsweise darüber nachgrübelt, warum er sich als tiefgläubiger Christ bei seiner Suche nach einer Partnerin noch nie an Gott gewandt hat, vergleicht er diese Idee mit dem kindlichen Gebet für ein neues Fahrrad: „Für Fahrräder und Frauen ist Gott nicht zuständig.“ Auch wenn das Leid hinter seinen ironischen Kommentaren deutlich spürbar ist, vermeidet Wolfram Huke konsequent, aus Love Alien eine selbstmitleidige Nabelschau zu machen.

Besonders stark ist der Film, wenn Wolfram andere Menschen mit seinem höchst unfreiwilligen Single-Dasein konfrontiert. Angesichts hilfreicher Tipps à la „Mach Sport“ und „Du darfst nicht suchen“ oder Hohlphrasen wie jener vom Topf und dem passenden Deckel kann man ihm nur zustimmen: „Da möchte man am liebsten zuschlagen.“

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Dieses Bedürfnis steigert sich nochmals, wann immer seine Psychotherapeutin auftritt. Ihre Zustimmung zur Veröffentlichung der eigenen Äußerungen kann man nur als geschäftsschädigend bezeichnen. Statt sein fragiles Selbstbewusstsein zu stärken, macht sie Wolfram Vorwürfe wegen seines Übergewichts. Nicht nur offenbart sie mit dieser monokausalen Herleitung seiner amourösen Misserfolge ein extrem oberflächliches Menschenbild – sie macht ihm zusätzlich die falsche Hoffnung, dass der Verlust einiger überflüssiger Pfunde quasi die Garantie fürs Liebesglück wäre. Schließlich versucht sie ihm sogar einzureden, er habe eigentlich Angst vor Beziehungen und sorge unbewusst dafür, abgewiesen zu werden, um Nähe zu vermeiden.

Noch grusliger sind zwei Style-Beraterinnen, die Wolfram engagiert. In ihrem Motto „Du musst dich als Produkt betrachten“ kündigt sich die endgültige Vereinnahmung des menschlichen Körpers durch kapitalistische Begriffe an. Wenn eine der beiden dann auch noch ausführt, jeder drücke mit seinen Klamotten aus, wie viel er „wert“ sei, also warum andere ihn „kaufen“ sollten, wird man im Kinosessel plötzlich sehr unglücklich darüber, zur selben Spezies zu gehören.

Hukes größter Coup besteht aber darin, seine verschlossene Mutter vor die Kamera zu bekommen. Dass er aus einer sehr körperlos miteinander agierenden Familie stammt, in der nie über Liebe, Sexualität und den Mangel daran gesprochen wurde, merkt man sofort, wenn die Mutter noch die wichtigsten Erlebnisse hinter einem unpersönlichen „man“ versteckt. Die eigene Hochzeit führt sie auf eine ungeplante Schwangerschaft zurück: „Das hat man dann eingesehen, dass es nicht anders geht, dass es das Vernünftigste ist.“

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Liebe kann in der Tat sehr vernünftig, langweilig und auch anstrengend sein – und doch ist das Finden und Erhalten von Liebe das alles überragende, mitunter auch alles überschattende Thema für viele Menschen. Weil das Leben in Paaren als Norm und das Allein-Sein als Defizit gilt. Weil die Werbewirtschaft und Kitschfilme verklärte Liebesideale produzieren. Weil Wolfram in den Straßen von turtelnden Paaren und aggressiver Valentinstag-Propaganda umzingelt ist und zu Hause laut vögelnde Nachbarn nur dank Ohropax ertragen kann. Und weil es gegen die sirenenhaften Glücksversprechen der Liebe kein Ohropax gibt.

Trailer zu „Love Alien“


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Kommentare


inèz

ich freu mich jetzt schon sehr auf diese offenen einblicke in das konstrukt aus sehnsucht, kompensation und (nicht)abfinden und bin sehr begeistert von der "kritischen" kritik.


Martin

Hallo Martin,

eine super Kritik und ich bin endlich froh das man mal darüber redet.

Bei der Psychologin und den zwei Model Stylistin lief mir ein schauer über den rücken, wie kann man sich nur so äußern? Des Menschen sein ist sein Bewusstsein, Medien beeinflussen uns imens. "Weil ich es mir Wert bin" wtc Kampagnen sorgen für solche Denkweisen!

Naja, es wird zwar nicht sofort was geschehen, aber ich hoffe doch das der Mensch irgendwann mal lernt...






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