Lore

„Vor dem Sieg gibt es immer Schmerzen.“ Lore erzählt die Coming-of-Age-Geschichte eines „Täterkinds“.

Lore 03

„Er kommt, Mutti, oder?“ – „Wer denn?“ – „Der Endsieg.“ Lore ist 15 Jahre alt und ein Nazikind. In der abgeschiedenen Idylle des Schwarzwalds hofft sie im Frühjahr 1945 noch auf den versprochenen deutschen Sieg. Stattdessen kehrt der Vater heim, aus Weißrussland, und die Familie beginnt hektisch ihre Sachen zu packen. Das Tafelsilber muss mit, das kleine Porzellan-Reh, an dem Kindheitserinnerungen hängen, ein letzter Blick aufs vom Regime verliehene Mutterkreuz. Der bärige Papa in SS-Uniform wirkt mit einem Mal verunsichert, seine Frau raucht eine nach der anderen. Lore, als Älteste von fünf Geschwistern, merkt, dass etwas nicht mehr stimmt. Eben noch spielt sie ausgelassen im Wald, als große Ascheflocken vom Himmel regnen. Es ist eine unvergessliche Szene aus Schindlers Liste (Schindler’s List, 1993), die hier zitiert wird. Im KZ schneite es Menschenasche. In Lore segeln noch glimmende Fotos durch die Luft, Aktenfetzen, Beweismaterial, das hastig verbrannte Nazileben der Erwachsenen. Cate Shortlands Spielfilm nimmt nicht die Perspektive der Opfer oder Retter im Zweiten Weltkrieg ein, sondern die einer Täterfamilie. Ohne Klischees und Unschuldskitsch.

Lore 01

Der „Führer“, das geliebte Vateridol, ist tot, und Deutschland wird in Zonen aufgeteilt. Plötzlich haben viele etwas zu verbrennen, Fotoalben und Hitlerandenken zu vernichten. Und dann sind da noch diese anderen Bilder, von den Alliierten an Stellwänden angebracht. Sie zeigen die ausgemergelten Menschen, die Leichenberge. „Propaganda“, sagen die besiegten Deutschen. Als Lore auf die so unverständlichen wie eindeutigen Plakate starrt, deren Leim noch ganz frisch ist, sind ihre Eltern als ranghohe Nationalsozialisten schon inhaftiert. Die 15-Jährige muss sich mit ihren Brüdern, der kleinen Schwester und dem Baby Richtung Hamburg in den britischen Sektor durchschlagen, um zur Großmutter nach Husum zu gelangen. Auf ihrer mühseligen Reise durch ein Land im Zerfall treffen die Geschwister auf einen schweigsamen jungen Mann mit jüdischem Pass, der sich ihnen anschließt. Lore hasst Juden. „Vergiss nie, wer du bist“, hat ihre Mutter zu ihr gesagt. Aber was ist aus den Gewissheiten des angeblich tausendjährigen Nazi-Reichs geworden?

Lore 04

Lore ist so gut, weil die von Saskia Rosendahl großartig gespielte Protagonistin kein unschuldiges niedliches Mädchen ist, sondern eine ideologiegläubige junge Frau, deren Wertesystem Schritt für Schritt und Lüge für Lüge ins Wanken gerät. Dagegen wehrt sich Lore, so wie die Deutschen sich gegen das Erkennen der Verbrechen gewehrt haben. Der zweite Spielfilm der Australierin Cate Shortland (Somersault, 2004) reiht sich nicht in die übliche NS-Folklore ein, er kopiert keine stereotypen Bilder, führt kein Ausstattungstheater und auch kein Tränendrüsen-Melodrama auf. Lore ist so gut, weil der Film nicht spektakulär sein will, sondern sich auf einige wenige Charaktere konzentriert, nicht spekulativ auftritt, sondern ehrlich fragend. Wie mag sich das Ende des „Dritten Reichs“ für die Kinder und Jugendlichen angefühlt haben, die nichts als Nationalsozialismus kannten? Wie tief sitzt die Erziehung zu Gehorsam, Ausgrenzung und Härte in ihnen? Wie entsteht Schuld, und welche Kraft hat die Verdrängung? Was haben die eigenen Eltern getan – und was tut man selbst? Während sich zahlreiche Fragen unter der Oberfläche des ruhig erzählten Films bilden, brodelt es zunehmend auch in Lore.

Lore 05

Adam Arkapaws bemerkenswerte Kamera zerlegt die Wirklichkeit in bewegte Ausschnitte, anstatt im Halt gebenden Überblick zu ruhen. Sie zeigt lyrische Natureindrücke ebenso wie die heftige Gewalt, die Anarchie, den Dreck – und man möchte sagen: den Gestank –, die im Chaos des Kriegsendes und all der gründlich verfaulten Gewissheiten herrschen. Lore basiert auf dem Roman Die dunkle Kammer von Rachel Seiffert, der die Geschichten dreier „Täterkinder“ erzählt. Wie dem Buch geht es der Verfilmung ums beunruhigende Erkunden menschlichen Verhaltens, ums genaue Hinsehen. Dabei erträgt Lore – und auch das macht diesen Film so gut – das Ausbleiben vollständiger Antworten.

Trailer zu „Lore“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Willi Winzig

Was, bitte schön, ist ein "junger Mann mit jüdischem Pass"?


Sonja

ein junger Mann mit dem in den Pass gestempelten J






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.