Jane Eyre

Die Waise von Lowood, eine frühe Inkarnation der modernen, emanzipierten Frau, weiß auch heute noch zu faszinieren. Chris Fukunaga überrascht mit einer sehr überzeugenden Neuverfilmung von Charlotte Brontës Klassiker. 

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Als „klein und bleich“ beschreibt sie sich selbst, als Mädchen mit „unregelmäßig markierten Zügen“. Die Unansehlichkeit der Titelheldin ist ein immer wieder erwähntes Leitmotiv, und auch der geheimnisvolle, brütende, abweisende Mr. Rochester soll, glaubt man der Vorlage, alles andere als ein gutaussehender Mann sein. Michael Fassbender gelingt es passabel, seine Attraktivität unter schlecht gelauntem Gebaren zu verbergen, und Mia Wasikowska sieht in diesem Film so klein und bleich aus, wie es eine Schauspielerin von ihrer Schönheit nur eben vermag.

Ein junges, unschuldiges Mädchen fühlt sich hingezogen zu einem wesentlich älteren, gefährlich anmutenden Mann. Klingt vertraut? Schon, aber gemeint ist nicht die Twilight-Serie (Twilight  4: Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht (Teil 1), 2011), sondern Jane Eyre, ein Klassiker der englischen Literatur (1847), häufig verfilmt, unter anderem mit Orson Welles und Joan Fontaine (1944). Diese neue Version, von Regisseur Cary Fukunaga (Sin Nombre, 2009) beeindruckend atmosphärisch in Szene gesetzt, muss sich hinter den berühmten Vorläufern nicht im Mindesten verstecken.

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Es geht nicht um Vampire, aber vieles von der schaudernd-schönen emotionalen Reichhaltigkeit der Teeny-Romane hat ihren Ursprung in diesem Roman – noch dazu in unvergleichlich viel schönerer Sprache. Furcht und Sehnsucht, die wortreich beschriebenen Stimmungen der Vorlage, kommen auch im Film voll zur Geltung: die dunklen, von Kerzenlicht wenig erhellten Räume, eine geisterhafte Verpuffung im Kamin, die Jane als Kind eine Heidenangst einjagt. Ebenso die Natur: Die starken Winde in karger Landschaft, der Regen, die Weite des Landes sind inszeniert als Spiegelbild von Janes Seelenzustand. Der Ausdruck ist immer stimmig, nie effekthascherisch.

Das Drehbuch von Moira Buffini hat die Struktur der Vorlage geändert und die ausufernden Passagen gestrafft. Der Film beginnt, anders als der Roman, mit der Flucht Janes aus Thornfield Hall. In dieser ersten Sequenz, die mit der Aufnahme des halb toten Mädchens ins Haus von John Rivers (Jamie Bell) endet und in eine lange Rückblende mündet, ist Jane den Elementen ausgeliefert, steht ratlos und sorgsam kadriert an einer Wegekreuzung. Als sie gefunden wird, ist ihre Wahrnehmung vor Schwäche schon so weit getrübt, dass auch die Kamera nur extrem unscharfe Bilder zeigt.

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Was die Exposition verspricht, wird den gesamten Film über eingehalten. Diese neue Jane Eyre ist kein Kostümfilm, sondern eine feine psychologische Studie, eine auf kleinste atmosphärische Details Wert legende Erforschung. Allein schon, wie die dunklen Innenräume bei Nacht inszeniert sind! Geheimnisvoll und bedrohlich, nur Schritt für Schritt sich der Petroleumlampe offenbarend.

Jane wächst als Waise bei ihrer lieblosen Tante (Sally Hawkins in einer ungewohnten Rolle) auf, von ihrem verwöhnten Cousin sadistisch malträtiert und vom Rest der Familie feindselig ignoriert. Wem dazu Harry Potters Leidenszeit bei den Dursleys einfällt, liegt nicht falsch. So wie die Schauerroman-Einflüsse der Twilight-Serie stammen auch viele Harry-Potter-Elemente aus der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, etwa die an Charles Dickens erinnernde Adoleszenz in eindeutig feindlicher Umgebung. Das Besondere an Jane Eyre ist, dass es hier um die Unterdrückung einer weiblichen Figur geht – und damit um Emanzipation.

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Jane wird schließlich auf das Internat Lowood geschickt, wo sie weiter leidet, dieses Mal unter dem brutalen Regiment des Direktors. Sie findet und verliert eine Freundin, Helen Burns. Weil sie klug ist und fleißig, wird aus Jane eine zwar arme, aber gebildete junge Frau, die einige Jahre als Lehrerin arbeitet, bevor sie eine Stelle als Erzieherin auf dem düsteren Landsitz Thornton Hall annimmt.

Hier entfaltet sich dann das zentrale Thema von Film und Roman, die Liebe zum Hausherrn Edward Rochester, einem Mann mit Vergangenheit. Getrennt durch Standesgrenzen, spüren beide eine Seelenverwandtschaft, die erst durch Janes erstaunliches Selbstbewusstsein möglich wird.

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Beide begegnen sich „equal – as we are“, und diese Gespräche sind Höhepunkt von Buch und Film sowie ein Triumph für die beiden Schauspieler. Janes Schlagfertigkeit, aus der Literatur geboren, ist wie geschaffen für die filmische punch line-Kultur. („Ich muss versuchen, gesund zu bleiben und nicht zu sterben“, sagt sie als kleines Mädchen auf die Frage, was sie denn tue, um nicht in die Hölle zu kommen.) Mia Wasikowska und Michael Fassbender schaffen das Kunststück, es zwischen zwei enorm spröden Figuren knistern zu lassen. Wasikowska (Alice im Wunderland, 2010) entfaltet, und sei sie noch so „klein und bleich“, eine in jeder Nuance glaubwürdige Leinwandpräsenz, und man kann sich zur Zeit keinen Schauspieler vorstellen, der Grantigkeit und Charisma so zu verbinden wüsste wie Fassbender.

Regisseur Fukunaga widersteht der Versuchung, aus seiner Heldin eine moderne Frau zu machen, wie es etwa in der Neuverfilmung von Effi Briest (2008) so kläglich versucht wurde. Jane bleibt ihrer Zeit verhaftet, nichts verbindet sie mit der Gegenwart. Ihre Emanzipation als Frau, ihr Drang zur Freiheit, gründet sich nicht in politischem Bewusstsein, das es Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht gab, sondern einzig in ihrem schillernden Charakter, der Leser (und angesichts von über 20 Adaptionen auch Zuschauer) seit vielen Generationen fesselt.

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