Happy End

Login fehlgeschlagen: Michael Haneke knackt den Code einer eher schrecklichen als netten Familie.  

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LHappy End beginnt mit einer Reihe wackeliger Handyaufnahmen. Die 12-jährige Eve (Fantine Harduin) hat ihrem Hamster die Antidepressiva ihrer Mutter ins Futter gemischt und schaut ihm nun dabei zu, wie er langsam verendet. Wenn wir kurz darauf das Mädchen selbst sehen, ist in ihrem melancholischen, fast schon erwachsenen Gesicht nichts von dieser Grausamkeit zu erkennen. Auch bei den anderen Mitgliedern der gut bürgerlichen Familie aus Calais, der sich Michael Haneke in seinem neuen Film widmet, ist auf den ersten Blick alles denkbar normal. Man hat gute Manieren, lächelt, auch wenn man es nicht so meint, und verbirgt die bösen Absichten, die pathologische Liebesunfähigkeit und die überwältigende Verzweiflung hinter neutraler Miene.

Das Internet als Blendwerk des Menschen

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Haneke hat es sich schon immer zur Aufgabe gemacht, jene Gefühle aufzudecken, denen wir vor allem im Geheimen freien Lauf lassen. Dabei zeigt er sich nicht an kathartischen Konfrontationen interessiert, sondern an dem Moment, in dem die Fassade Risse bekommt. Etwa in heimlichen Facebook-Chats, in denen Eves Vater Thomas (Mathieu Kassovitz) seine sexuellen Gewaltfantasien auslebt, in der beiläufigen Skrupellosigkeit, mit der Anne (Isabelle Huppert) versucht, einen Unfall ihrer Baufirma zu vertuschen, oder in der intimen Beichte des Patriarchen Georges (Jean-Louis Trintignant), der seinen schockierten Friseur darum bittet, ihn bei seinen Selbstmordabsichten zu unterstützen.

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Über die Jahre ist Hanekes kühle und distanzierte Ästhetik zwar ein wenig zugänglicher geworden, aber das ideologische Programm ist immer noch das Gleiche. Auch Happy End erzählt wieder von Menschen, die sich gegenseitig nichts zu sagen haben und stattdessen lieber alles in sich reinfressen. Zwar wohnt die gesamte Familie unter einem Dach, aber so zerstückelt, wie die Erzählweise ist, so verteilt und isoliert sind auch die Mitglieder in den verschiedenen Gebäudeflügeln. Dass wir uns in Calais, also einer der großen Transitstationen des Flüchtlingsstroms befinden, bekommt man nur am Rande mit. Haneke interessiert sich stattdessen für das Leben im Elfenbeinturm und in der virtuellen Welt. Waren früher noch Fernsehen und Kino das Blendwerk, ist es nun das Internet, das als Ersatz für physische zwischenmenschliche Beziehungen dient.

Aktualisierung und Resümee

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Überhaupt geht es wieder hauptsächlich um misslungene Kommunikation. Für das gestörte Verhältnis zwischen Eve und ihrem Vater findet der Film ein einfaches Bild: Als sich das Mädchen auf Thomas’ Laptop einloggen will, gibt sie ein ums andere Mal das falsche Passwort ein. Eine ähnliche Szene gab es auch schon in Code: unbekannt (2000), und auch sonst wirkt Happy End, als ließe der österreichische Regisseur hier noch einmal sein bisheriges Werk Revue passieren. Es gibt da etwa ein Kind, das von seinem übermäßigen Medienkonsum abgestumpft wurde (Bennys Video, 1992), zwei marokkanische Hausangestellte als schlechtes Gewissen der Bourgeoisie (Caché, 2004), eine emotionale Verrohung, die ihr Ventil in sexuellen Perversionen findet (Die Klavierspielerin, 2001), und sogar eine Szene, in der nahegelegt wird, dass Georges der Protagonist aus Liebe (2012) ist. Letzterer Film markierte, ähnlich wie Das weiße Band (2009), zwar keinen Neuanfang, variierte Hanekes Leitmotiv aber in kleinerem Format und vor historischer Kulisse. Happy End fühlt sich nun eher wie eine Mischung aus Aktualisierung und Resümee an.

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Obwohl Haneke als der große Autoritäre des gegenwärtigen europäischen Autorenkinos gilt und auch diesmal kein Geheimnis aus seinen Absichten macht, findet er doch einen Weg, seine Kritik an der Ignoranz des Bürgertums und der Verführungskraft der Medien nicht mit dem Rohrstock durchzuprügeln. Interessanter als seine zahlreichen Epigonen, die sich zuhauf im internationalen Festivalkino tummeln, ist er allemal. Happy End hat es weder nötig, seine Figuren zu Monstern zu stilisieren, noch ihre kleinen Grausamkeiten als spektakuläre Attraktionen zu inszenieren. Gerade die Leerläufe in der Erzählung, die alltäglichen Betrachtungen sind am hinterhältigsten, weil sie den Zuschauer einlullen, um ihm unvorbereitet wieder eine vor den Latz zu knallen. Einmal gibt es die Einstellung einer Überwachungskamera zu sehen, die eine Baustelle in Vogelperspektive zeigt. Lange passiert überhaupt nichts im Bild, doch mit einem Mal stürzt eine Wand ein und begräbt mehrere Arbeiter unter sich. Es ist natürlich nicht ohne Ironie, dass Haneke in solchen Momenten ebenso berechnend vorgeht wie das Horrorkino, das er mit Funny Games (1997) verteufelt hat.

Trailer zu „Happy End“


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