Habermann

Alle waren Opfer. Habermann ist der erste deutsch-tschechische Spielfilm über den Holocaust an den Deutschen – oops – über die brutale Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach 1945.

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Ganz Europa war vom Zweiten Weltkrieg betroffen, und alle europäischen Kinematografien versuchten auf ihre Weise, diese Zeit zu verarbeiten. Dabei entstanden zunächst ungebrochene Helden- und Widerstandserzählungen vom Kampf gegen die Nazis. Erst nach und nach zeigten einzelne Filme in den verschiedenen Ländern auch Kollaboration und Opportunismus während der Besatzung oder Rachetaten gegen die 1945 besiegten Deutschen. Gerade jüngere Produktionen wie Black Book (Zwartboek, 2006) stellen einstige moralische Gewissheiten auf den Kopf: Bei Verhoeven ist ein holländischer Widerstandskämpfer der größte Verbrecher, und die Jüdin wird nach Kriegsende als „Deutschen-Liebchen“ mit Exkrementen übergossen. Auch Habermann versucht, Gewalt und Gegengewalt darzustellen. Doch hier wirkt alles falsch.

Der junge Sägewerk-Besitzer August Habermann (Mark Waschke) lebt in den Sudetengebieten der Tschechoslowakei als angesehener Bürger und Arbeitgeber. Der Deutsche beschäftigt viele Tschechen und heiratet die Tschechin Jana (Hannah Herzsprung), die als Waise in einem Nonnenkloster aufwuchs und nicht weiß, dass sie Halbjüdin ist. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht kontrolliert Sturmbannführer Koslowski (Ben Becker) das Dorf. Während die tschechische Bevölkerung Widerstand übt, will August unpolitisch bleiben – was unmöglich ist. Jana wird nach einem Verrat des Bürgermeisters zunächst von den Deutschen als Jüdin verfolgt, nach Kriegsende dann von den Tschechen als „Deutschen-Schlampe“. Die Arbeiter und Dorfbewohner, für die sich Habermann bis zuletzt eingesetzt hat, foltern ihn nun aus Rache und Habgier zu Tode. Zuletzt werden die überlebenden Deutschen aus ihrer Heimat vertrieben.

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Flucht und Vertreibung sind immer noch ein politisches Reizthema, was die andauernden Kontroversen um das in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ beweisen. Der Streit entzündet sich dabei meist nicht an der Frage, ob an deutsches Leid erinnert werden soll, sondern wie dies geschieht. Und dieses Wie ist auch das Problem von Habermann. Denn der von Juraj Herz nach einem Drehbuch von Wolfgang Limmer inszenierte Film arbeitet nicht nur kräftig mit Stereotypen auf allen Ebenen. So entspricht Ben Becker dem alten Klischee vom sadistischen Nazi, der die schöne Jüdin begehrt – welche abgesehen von dieser Schönheit als Charakter ziemlich belanglos bleibt. Habermann überträgt zusätzlich Holocaust-Symbolik auf die an den Deutschen begangene Gewalt. Auf der Bildebene glaubt man zunächst, ein typisches Holocaust-Drama vor sich zu haben: Eine Gruppe von Menschen muss Spießruten laufen, sie werden blutig geschlagen, sie müssen über Glasscherben kriechen, ein Kopf knallt an die Mauer, dazu dröhnt dramatisch Musik. Habermann gibt sich ganz explizit brutal – beziehungsweise exquisit brutal, denn der Film ist sich seiner schicksalsschwer orchestrierten Gewalt-Schauwerte ganz bewusst. Selbst über den Filmtitel läuft Blut.

Die Bilder, die man so oder ähnlich schon oft gesehen zu haben glaubt, rasten sofort ein: Hier findet eine Judenverfolgung statt. Aber halt – die Zeichen sind umgedreht. Die rote Armbinde, welche die Schläger tragen, ist keine Hakenkreuzbinde, sondern eine kommunistische. Die verprügelten Frauen, Männer und Kinder tragen keinen Judenstern, sondern ein „N“ auf dem Mantel. Auf einem Koffer, der für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen ist, prangt nicht, wie bei den Deportationen in die Vernichtungslager, der Familienname, sondern ein Hakenkreuz. Alles geht sehr schnell, doch dem Publikum dämmert: Hier wird eine Deutschenverfolgung dargestellt.

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Tatsächlich verliefen die Vertreibungen aus den ehemals nationalsozialistisch besetzten Gebieten wie auch aus den vormals reichsdeutschen Regionen im Osten gewalttätig, oft mörderisch. Das ließe sich durchaus ohne überdeutliche Märtyrersymbolik und ohne eine bildliche Überschreibung der Erinnerung an die Shoah erzählen. Doch Habermann inszeniert den Protagonisten als Christusfigur, die statt eines Kreuzes einen Mehlsack schleppen muss, die am Mühlrad hingerichtet und im Verbrennungsofen beseitigt wird. Zuvor hatte er noch, wie Oskar Schindler, seinen Besitz hergegeben, um möglichst viele Dorfbewohner vor der Ermordung durch die Nazis zu retten. Augusts christlich erzogene Frau Jana, die stets ein Kreuz um den Hals trägt, wird vom Drehbuch nur deshalb als jüdisch ausgewiesen, um eine Analogisierung des Opferstatus zu erreichen. Denn am Ende wird Jana mit dem Judenstern, den der Film schnell aus dem Hut zaubert, mit den durch ein „N“ stigmatisierten Deutschen (für „Nemec“) in den Viehwaggon gestoßen. Habermann schließt mit dieser Chiffre des Holocaust: dem abfahrenden Deportationszug.

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Seit den 1990er Jahren gibt es eine Entwicklung, die als „neuer deutscher Opferdiskurs“ bekannt geworden ist. Bücher, Filme und Zeitschriftenreihen thematisieren verstärkt das Leiden der deutschen Bevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg. Ärgerlich wird dieser Diskurs immer dann, wenn es ihm nicht allein um Trauer und persönliche Erinnerung geht, sondern um ein Aufrechnen von Kriegsschuld und um eine Gleichsetzung der deutschen Erfahrungen mit den jüdischen. Der beim bayerischen Filmpreis zweifach ausgezeichnete Habermann ist ein Paradebeispiel hierfür, das umso ekelhafter erscheint, je mehr die Produktion mit ihrer „wahrhaft historischen Bedeutung“ wirbt.

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Kommentare


Christoph

Danke für die Warnung! Gut geschrieben!


fritz

T ypisch von eigener Promotionsthematik voreingenommene Filmkritik.Tschechen (sogar Präs.Klaus) konzedieren "unentschuldbare sadistische Akte" (17.11.Radio Prag).
Völkerrechtl. Genozid an den Sudetendeutschen nicht bestreitbar


Sonja

Fritz - es geht um die Art der Darstellung im Film.


Anke

Sehr guter Beitrag, entspricht auch meinen Empfindungen.
Der Film ist einfach schlecht. Schade !


Katlyncat

Man kann diesen Film negativ sehen, wenn man pauschalisiert, wenn man in Kategorien zu denken gewohnt ist, wenn man meint, es hat nur böse Deutsche gegeben und alle anderen waren nur Opfer. Der Roman, der die lockere Grundlage zum Drehbuch bildete, beruht auf einer Information. Der Habermann wäre kein schlechter Mensch gewesen, im Gegenteil. Das ist die Geschichte dazu, nicht mehr und nicht weniger. Sie mag mit bekannten Bildern arbeiten, aber anscheinend ist der Holocaustdiskurs noch immer ein Bußeprozess, so dass wir nicht zu differenzieren vermögen, ohne
in den Ruch zu kommen, die deutsche Schuld zu verharmlosen.

Die menschliche Grausamkeit hat so viele Gesichter, sie ist des Menschen Natur sozusagen. Unter welchen Vorzeichen sie stattfindet ist doch für das Opfer egal. Sie ist immer unentschuldbar.

Ich glaube kaum, dass hier aufgerechnet werden sollte. Ich sah den Film eher als bildgewaltigen Versuch der Differenzierung.


Sonja

Differenzierung fände ich wunderbar und wichtig, ebenso wie ein Aufbrechen der ewigen Schwarz-Weiß/Gut-Böse-Kategorien. Ich verstehe aber nicht, warum sich nicht von den Vertreibungen und Rachemorden an Deutschen nach Kriegsende erzählen lässt, ohne Bilder aufzurufen, die es schon im anderen Kontext gibt - nämlich dem des Holocaustfilms. So findet automatisch ein Vergleich statt, denn diese Szenen sind einfach schon im Kopf. Interessanterweise ist der Film in Tschechien wohl sehr erfolgreich, und längst nicht alle Zuschauer empfinden dieses staunende Entsetzen beim Recycling ikonischer Holocaust-Bilder. Ich hätte mir von Juraj Herz sehr einen ganz eigenständigen, neuen, unerwarteten Film gewünscht.


einervonvielen

Die Vertreibung war ja auch eine art Holocaust weil sich die Bilder ähnlich sind
darf man nicht einen Film über die Suedetendeutschen machen?
Es ist halt nicht so einfach
Aus meiner Familie die im heutigen Polen lebte wurden wir zuerst von den Deutschen enteignet und am Kriegsende von Russen und d. ansässigen Bevölkerung
vertrieben vergewaltigt und ermordet
same old story


Franz Gehrer

Spätestens wenn man sich erlaubt, auch das Leiden einer deutschen Bevölkerung aufzuzeigen, das natürlich in seiner Tendenz eine gewisse Art der Aufrechnung in sich birgt, wird dies zumeist negativ bewertet. Wieso? Weil es eine "Gerechtigkeit" der Siegermächte gibt, ein Messen mit zweierlei Maßen? Weil auch andere Länder schreckliche Greueltaten verübt haben. Das Problem ist, dass diese Länder noch immer nicht fähig sind, auch ihren Teil der geschichtlichen Verantwortung, Einsicht und Reue zu übernehmen. Wenn Gleiches mit Gleichem vergolten wird erhebt sich niemals ein moralischer Rechtsanspruch.


Sonja

Ich würde dies nur negativ bewerten, wenn die Filme partout auf Klischees zurückgreifen oder ich das Gefühl habe, es wird tatsächlich verrechnet oder gleichgesetzt. Es geht durchaus anders, und zum Beispiel in Frankreich oder den Niederlanden sind durchaus Filme entstanden, die von der Kollaboration der dortigen Bevölkerung oder Rachemorden an Deutschen nach Kriegsende erzählen. Es werden also durchaus Verantwortung und Schuld mitunter differenziert dargestellt.


Rati

Vorweg sei gesagt, daß ich das "Glück" hatte, diesen Film ohne jede Vorinformation zu sehen. Bei mir führte er zu einem ähnlichen Unbehagen wie bei der Rezensentin. Daß Deutsche nach dem Krieg zu Opfern von Brutalitäten wurden, steht außer Frage. Hier geht es jedoch um die Darstellung in einem Film. Die Evokation von Holocaust-Film-Elementen beim Zuschauer, die in diesem Zusammenhang einer gewissen Perfidie nicht entbehrt, zeigt die Rezension sehr deutlich.

Was mich darüber hinaus stört, ist die Darstellung DER Deutschen und DER Tschechen. Auf der deutschen Seite gibt es den Protagonisten ohne jeden Makel, selbstlos und am Ende ein Opfer,dem alle Sympathie zugespielt wird, weil seine Bestrafung als die zentrale Ungerechtigkeit des ganzen Films rüberkommt. Es gibt den SS-Offizier, der trotz der vermutlich intendierten Bösartigkeit, nicht zuletzt wegen des jungenhaften Charmes von Ben Becker, als eine filmtypische Negativfigur angelegt ist, die als solche jedoch durchaus Sympathie weckt. Im Film ist das ja - anders als in der Wirklichkeit - möglich und oft gewollt: Fieslinge, die gerade durch ihre "elegante" Fiesheit glänzen und den Zuschauer vereinnahmen. Kurzum: Als Verkörperung des SS-Schergentums mehr als eine Fehlbesetzung und auch mehr als eine Verharmlosung. Zuletzt gibt es dann noch die gesichtslosen Deutschen, die auf Befehl Erschießungen durchführen oder als gequälte Kriegskrüppel im Lazarettzug liegen sowie jenen Kindsoldaten, der um sein Leben bettelt und doch erschossen wird.

Und nun die Tschechen: Ihnen scheint es - vom Freund des Protagonisten abgesehen - an Charakter zu mangeln. Als Widerständler gefährden sie andere, wobei ihr Tun plan- und ziel- und sinnlos erscheint. Sie erschießen kopflos ausgerechnet die harmlosesten deutschen Soldaten. Sie sind verschlagen und opportunistisch, wie etwa der Hotelier, der sich jedem auf schleimige Weise andient und der selbst dann noch boshaft wirkt, wenn er den Filmbösewicht ans Messer liefert. Sie sind als Nazisympathisanten - wie der eine Arbeiter und Denunziant im Sägewerk - Knallchargen. Sie kennen in Gestalt des Pfarrers den Organisator der "Rattenlinie" in Rom persönlich, verhelften also Naziverbrechern zur Flucht. Sie plündern aus vermeintlich plebejerhafter Habgier. Sie quälen - extensiv in Szene gesetzt - den Filmhelden. Und zum Schluß sind sie der Mob, der blindlings Rache nimmt.

Fazit: In meinen Augen ein Ärgernis, wie in diesem Film Deutsche hier und Tschechen dort präsentiert werden. Dabei fände ich es sehr wohl interessant, eine filmische Aufarbeitung von Verbrechen an Deutschen nach dem Krieg zu sehen. In der Art dieses Filmes jedoch nicht.






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