Edge of Tomorrow

Tag für Tag dasselbe Alien abschlachten. Doug Liman bekennt sich leise zu seinem Sinn fürs Absurde.

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London, Heathrow ist ein gigantisches Militärareal. Von dort aus starten Tausende Schlachtmaschinen, eher fliegende Panzer als Kampfflugzeuge; über die Steilklippen Südenglands hinweg bewegt sich die Luftarmada in Richtung der nordfranzösischen Küste, sie werden durchgeschüttelt und zerfetzt, diese massiven Landungsapparate, wie Fliegen. Unzählige Soldaten werden zur Offensive schlichtweg aus ihnen rausgeschmissen, als würden sie einfach fallen gelassen. Ein Großteil stirbt noch in der Luft, sie prallen mit voller Wucht gegen eines der abstürzenden Schwermetalle, ihre Körper zerschellen, oder sie werden abgeknallt im Blindgängergeballer, dem einzig noch sinnvollen Kriegsprinzip in einem Gemetzel wie diesem. Wer es auf den Boden schafft, muss sich Meter für Meter ins Landesinnere eines von Aliens gänzlich belagerten Europa metzgern.

Reine Kino-Kreaturen

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Die Riesenviecher schälen sich aus dem Sand, sie wirbeln umher, schmettern und werfen sich selbst über dieses Kriegsterrain aus Dünen, Leichen und zerborstenem Metall, sie reißen mit sich, was im Weg steht. Später im Film wird uns ein Wissenschaftler eine dreidimensionale Simulation dieser Außerirdischengattung vorführen – es wird ein seltsam kontemplativer Moment sein, ist es doch gerade ihre Art der Bewegung, eine Bewegung, die nach allen Richtungen zugleich ausschlägt, mit einer Unzahl an Extremitäten, die um sich hacken und schleudern, sich zusammenziehen und ausholen, eine Bewegung, nahezu ohne Körper, an den sie gebunden wäre, die diese Wesen als derart unbesiegbar zeichnet: eine gänzlich undurchschaubare, am ehesten noch krakenhafte Physis, die nur in dieser unkontrollierten Bewegung selbst hervorgebracht wird – gänzlich kinematografische Kreaturen.

Eine Kriegsgroteske in der Normandie

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Die Kampfanzüge der Todesmutigen, Waffengestelle, in die man den eigenen Körper einhakt, um selbst Kriegswerkzeug zu werden – überhaupt: Was sind diese futuristischen Panzerkleider eigentlich? Nostalgische Sehnsucht nach der Ritterrüstung, nach einer Ästhetik des archaisch-martialischen Nahkampfs, oder die Euphorie über die Prothese, über das Ausstechen der Avantgarde, die doch aus dem Militärischen herrührt, die Schöpfung eines neuen Menschen, eines Waffenmenschen? Bizarre Apparate jedenfalls, deren Faszination so einfach nicht auf einen Nenner gebracht werden kann. Im Angesicht dieser menschenfremden Spezies jedoch wirken sie geradezu lächerlich, als würde David Goliath mit einem Teelöffel begegnen. Mitten in dieser Kriegsgroteske in den Sandhügeln der Normandie (!) ringt der US-Offizier und -Hosenscheißer Bill Cage (Tom Cruise) um sein Leben, schweißgebadet und überfordert mit der Elektronik seines MG-Gerüsts, er ringt vergeblich, ein Monster erfasst ihn, er stirbt. Im nächsten Moment erwacht er auf einem Haufen Seesäcke. Was mittlerweile fast zum No-Go der Filmdramaturgie geworden ist, der simple „Es war alles nur ein Traum“-Effekt, macht Doug Liman zum erzählerischen Prinzip, und das nicht nur sachkundig und mit gepfefferter Intensität, sondern vor allem auch gewitzt, durchdrungen vom Witz eines ... und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day, 1993).

Außerzeitliche Außerirdische

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Jeden Tag aufs Neue also muss Cage dieselbe Schlacht bestreiten, sich in dieses absurde Getümmel begeben; und jeden Tag muss er einen Schritt vorankommen, er muss diesen Tag studieren, er muss Herr über dieses Level, dieses – natürlich – videospielhafte Kriegsplateau werden. Hilfe bekommt er von der toughen Rita Vrataski (Emily Blunt), einer zänkischen Schwertfechterin und nebenbei Popikone. Außerirdisch an den Biestern ist nämlich nicht nur der Stil ihrer Bewegung, sondern –was noch viel schlimmer ist – ihr Sein in der Zeit. Omega, der Chef des Alientrupps, die Schaltzentrale der Invasion, der End-Gegner, hat die Zeit annektiert und setzt die Menschheit on repeat, lässt sie in Dauerschleife hampeln, in ihren dämlichen Gefechtsanzügen (an einer Stelle im Film wird Cage seine Roboterprothese einfach auf einem leeren Feld stehen lassen – ein hochironisches Bild: Ein zurückgelassener, seelenloser Waffenapparat wirkt schwer pikiert). Omega also gilt es zu finden (in den deutschen Alpen (!)) und zu zerstören.

Kleine Kontaminationen des Genres

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Man sollte vermutlich nicht zu weit gehen in der Kopfarbeit über Edge of Tomorrow, man sollte vermutlich nicht den großen historischen Sinnkomplex (auch Verdun wird eine Rolle spielen) wachrütteln, der sich hier kaum verhüllt als topografischer Teppich aufspannt. Man kann sich aber anstandslos mit in eine Schieflage im Bollwerk der Genrekonvention begeben und sich irritieren lassen von kleinen gewissen Kontaminationen der tradierten Endzeitpoetik, nicht nur deshalb, weil der amerikanische Kontinent, selbst noch als latentes Bezugssystem, völlig ignoriert wird. Was Doug Liman im Kosmos der Genremuster reaktiviert hat, ist ein Feingefühl für Ironie. Immer dasselbe Frage-Antwort-Spiel, täglich muss Cage da durch, wird in Serie montiert, als würde Edge of Tomorrow seine eigene YouTube-Parodie schon vorwegnehmen. Dass der Attraktionswert des gegenwärtigen 3D-Großfilms mit der Düsternis und Bitterkeit, vielleicht sogar dem grimmigen Ernst des säkularen Fingerzeigs auf die Gegenwartspolitik eines The Dark Knight Rises (2012) oder Godzilla (2014) verschwistert sein müsste, ist offensichtlich ein Irrtum. Edge of Tomorrow ist gewiss kein Querschläger in der studiogedrosselten Blockbuster-Ökonomie, das Hauptprinzip ist auch hier die digitale Sensationsästhetik, ein Prinzip im Übrigen, das fraglos gelingt, aber er wirkt doch oft erfreulich irregulär und auch – man darf das heute tatsächlich wieder anmerken – erheiternd.

Trailer zu „Edge of Tomorrow“


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Kommentare


Wolfgang Stadler

Klasse Kritik. Trifft voll ins Schwarze.






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