Camp 14: Total Control Zone

Mordkorea – Skizzen aus dem Gulag.

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Seinen ersten Schritt in „Freiheit“ sei er gegangen, nachdem er den elektrischen Stacheldrahtzaun überwunden hatte, erzählt der junge Mann. Was er unmittelbar nach der Flucht erlebt hat, sei ihm wie das „Paradies“ vorgekommen. Freiheit, Paradies – Worte, die äußerst selten in Verbindung mit Nordkorea genannt werden, denn die Kim-Dynastie führt die Weltrangliste der schlimmsten aktuellen Diktaturen ziemlich konkurrenzlos an. Von den etwa 24 Millionen Insassen des Landes sind in den letzten zwei Jahrzehnten rund zehn Prozent an Hunger gestorben – dank einer desaströsen Wirtschaftspolitik, die Unmengen von Geld ins Militär pumpt, statt das Volk zu ernähren. Die Verzweiflung des Hungers hat mehrfach zu Fällen von Kannibalismus geführt. Etwa 200.000 Nordkoreaner malochen als politische Häftlinge in Straflagern. Die restliche Bevölkerung wird vom Kim-Clan und dem Militär unterdrückt, isoliert und belogen. Internet gibt es nicht, deshalb dringt kaum etwas aus dem Land heraus und noch viel weniger hinein. Nordkorea hat kein Erdöl, dafür aber Atomwaffen – zwei wichtige Gründe, warum der Westen nicht interveniert.

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Dieses Land beschreibt der 30-jährige Shin Dong-Hyuk als Paradies. Kein Wunder, ist er doch von Geburt an in einem Gulag aufgewachsen. „Die Außenwelt war für mich unvorstellbar“, erklärt er in der Doku Camp 14: Total Control Zone (2012). Mit sechs Jahren musste er anfangen in der Kohlemine zu arbeiten. Als Beilage zur Minimalration Reis aß er gelegentlich selbstgefangene Ratten oder Insekten. Und bei den regelmäßigen öffentlichen Hinrichtungen im Lager galt auch für ihn als Kind Erscheinungspflicht. Zusammen mit dem US-Journalisten Blaine Harden hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben und als Buch veröffentlicht. Der deutsche Regisseur Marc Wiese hat Shins Geschichte nun verfilmt.

Dass er nicht in Nordkorea drehen konnte und viele Momente aus Shins Leben selbst in (realistisch) nachgestellter Form einem größeren Publikum nicht zuzumuten wären, ist ein Problem, das Wiese mit Hilfe von Animationen umgeht. Die Comics des aus Nordkorea und Birma berichtenden Kanadiers Guy Delisle sowie Marjane Satrapis Persepolis (2007) haben dieses Prinzip in den letzten Jahren popularisiert.

Wenn Shin von der Feuerfolter berichtet, verzichtet der Film allerdings auch auf diese Möglichkeit, das Nicht-Zeigbare zu zeigen. Mit der Feuerfolter hat sich das System Nordkorea in Shins Körper eingebrannt. Narben überziehen seine Haut, die Arme sind deformiert. Beim Verhör haben die Wärter Shin mit Ketten an die Decke gehängt, den Leib mit einem ins Fleisch gerammten Haken fixiert und dann langsam immer näher an ein offenes Feuer auf dem Fußboden heruntergelassen.

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Einige Sekunden lang zeigt Wiese auch authentische, aus dem Land herausgeschmuggelte Folterszenen. Doch fast noch verstörender sind einige Aussagen des äußerlich unbewegten, aber mehrfach abbrechenden und lange Zwischenpausen brauchenden Shin: Als er der Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders zusehen musste, habe er nichts empfunden, außer dass sie die gerechte Strafe für ihren (angeblichen, von Shin selbst verratenen) Fluchtversuch erhalten hätten. Er habe nicht gelernt, „dass man dabei weinen sollte“. Auch dass Nächstenliebe und gegenseitige Fürsorge zum Repertoire menschlichen Verhaltens gehören, sei ihm lange nicht bewusst gewesen. Angesichts dieser schier unglaublichen Abtötung scheinbar naturgegebener Gefühle wird deutlich, warum Unorte wie das Camp 14 auch als Umerziehungslager bezeichnet werden.

Marc Wiese erdet die oft erschütternden Zeugnisse Shins durch eine sehr ruhige, betont unsensationalistische Darstellungsweise. Mitunter erscheint das Tempo gar etwas zu ruhig, wenn wir Shin zum fünften Mal minutenlang dabei betrachten, wie er stumm durch die Gegend schaut. Zwischendurch spielt Wiese immer wieder Passagen von Interviews ein, die er mit geflohenen Lagerwächtern geführt hat. Sie berichten schonungslos von ihren eigenen Untaten und jenen der Kollegen. Übereinstimmend schildern sie, wie die Soldaten inhaftierte Frauen sexuell missbrauchten und – wenn sie schwanger wurden – ermordeten. Er habe Angst vor einer möglichen Wiedervereinigung der zwei Koreas, gesteht einer der Wächter. Er fürchte sich davor, seinen Opfern gegenübertreten zu müssen.

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Shin lebt nach seiner Flucht über China mittlerweile in Südkorea und hält weltweit Vorträge über die humanitäre Lage in Nordkorea. Zwei Szenen von diesen Touren bleiben besonders im Gedächtnis, weil sie irritieren. Auf einer Konferenz wollen mehrere Teilnehmer mit Shin für ein Foto posieren – wie eine Trophäe stellen sie ihn in ihre Mitte, um mit Bildern von sich und einem nordkoreanischen Gulag-Flüchtling prahlen zu können. Ein andermal besucht Shin die US-Hilfsorganisation LINK (Liberty in North Korea). Während die Zielorte für die verschiedenen Kampagnen-Autos bestimmt werden, bricht das Team in einen ekstatischen Trommelwirbel aus, Shin steht befremdet und verloren daneben. Der verdienstvollen NGO ist das Engagement für das unterdrückte nordkoreanische Volk nicht abzusprechen – doch das juvenile Verhalten der Mitarbeiter in Anwesenheit Shins wirkt angesichts der von ihm erlittenen Qualen vollkommen deplatziert.

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Auch gegenüber Shin selbst mag man als Zuschauer eine gewisse Distanz verspüren, wenn er spät im Film davon spricht, dass er gerne nach Nordkorea, ja in das Straflager zurückkehren würde. Wie auch die Hauptfiguren der fiktionalen Filme The Journals of Musan (Musanilgi, 2010) und Dance Town (2011) berichtet er von der schwierigen Eingewöhnung in Südkorea und den dortigen Kapitalismus. Er vergleicht das Leid unter der Diktatur des Geldes mit dem Leid unter der Diktatur der Gewalt und verweist darauf, dass die industrialisierte Leistungsgesellschaft Südkoreas mehr Suizide zu verzeichnen habe als die Tyrannei im Norden. Das ist sachlich zutreffend – erklärt sich aber wohl nicht zuletzt dadurch, dass Selbsttötungen unter dem Kim-Regime nahezu überflüssig sind. Die Aufgabe des Tötens hat der Staat Mordkorea schließlich mit großem Eifer übernommen – nicht nur in Orten wie Camp 14.

Trailer zu „Camp 14: Total Control Zone“


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