Brothers

Wozu ein US-amerikanisches Remake, wenn das dänische Original großartig war? Vorhang auf für einen weiteren Beitrag aus dem „Varieté der Adaptionen“. Eine Vorstellung, in der vieles gleich und doch alles anders ist.

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In der Geschichte der Medien wird seit jeher und vor allem global zitiert, kopiert und adaptiert. Mit Brothers kommt nun ein Remake des irischen Regisseurs Jim Sheridan ins Kino, für das der Begriff der Adaption gleich auf drei Ebenen relevant zu sein scheint:
In erster Instanz, und damit am offensichtlichsten, handelt es sich um die Neuverfilmung eines bereits bekannten Stoffes: Wenige Stunden nach der Entlassung des Taugenichtses Tommy (Jake Gyllenhaal) aus dem Gefängnis verlässt sein in der Armee erfolgreicher und glücklich verheirateter Bruder Sam (Tobey Maguire) das Land für einen Einsatz in Afghanistan. Doch dann wird Sams Helikopter abgeschossen, und die Familie beginnt, ein Leben ohne Sam zu führen. Jim Sheridans Remake orientiert sich stark an Susanne Biers Vorlage, viele Szenen sind zumindest vom Wortlaut nahezu identisch. Und doch ist ein grundsätzlich anderer Film entstanden. Während Bier in Brødre (2004) eine komplexe Familiengeschichte über die eigentlich maßgeblich im US-amerikanischen Independent-Kino verhandelten Themen Verlust, Zerfall und Einsamkeit rund um die beiden titelgebenden Brüder konzipiert, ist Sheridans Neuverfilmung eindeutig auf eine historische Situation zugeschnitten und dabei leider auch wesentlich eindimensionaler.

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Brothers erzählt eine Heimkehrergeschichte, legt den Fokus auf die politisch traumatisierte US-amerikanische Gesellschaft und ist damit unangenehm aufdringlich. Schon in der Eingangssequenz werden Raum und Handlung konkret als US-amerikanische Geschichte markiert. Flaggen der Vereinigten Staaten wehen im Wind, eine Einheit der US-Marines joggt über ein Trainingsgelände. Immer wieder werden Erinnerungssymbole an den Krieg, wie etwa Schilder mit der Aufschrift „Save our fallen soldiers“ oder aber Aufnahmen von signalroten Feuerwehrfahrzeugen, Bilder, die sich nach 9/11 in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben haben, präsentiert. In Brothers geht es also nicht um irgendeine Nation, die Krieg führt oder geführt hat und von diesem traumatisiert ist, sondern konkret um die US-amerikanische Bevölkerung. Auch dem Kriegsgegner wird in Brothers im Gegensatz zum Original ein Gesicht gegeben. Bei Tommys Begrüßungs- und Sams Abschiedsessen auf amerikanischem Boden fragt Tommy seine Nichten, wer denn „the bad guys“ seien, worauf eines der Mädchen mit „The ones with the beards“ antwortet. In den wenig später folgenden, in Afghanistan spielenden Szenen fangen die unmotivierten Handkameraaufnahmen von Frederick Elmes immer wieder die bärtigen und mit dunklen Augen Furcht erregenden Gesichter der Taliban ein, während die Dogma-Regisseurin in ihrer Vorlage nahezu ohne Close-ups auskam. Biers Skizzierung „des Bösen“ blieb in Brødre uneindeutig, da ihr Interesse vielmehr einem grundsätzlich traumatischen Erlebnis, seinem Schmerz, dem Leid und der Zerrüttung, die dieses Erlebnis hervorrufen kann, gegolten hat.

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Auch auf der Ebene der Figuren spielt der Terminus Adaption eine signifikante Rolle: Nachdem Sams Familie in der Heimat die Nachricht von dessen Tod übermittelt wurde, entwickelt sich der vormals sozial geläuterte Tommy zunehmend zu einem liebevollen Familienoberhaupt. Tommy adaptiert die Rollen Sams als Vater, Sohn und Partner und erfüllt seine Aufgaben scheinbar besser als das „Original“. So versucht Tommy, über die Anfeindungen seines Vaters hinwegzublicken, spielt liebevoll und zeitintensiv mit seinen Nichten, versteht die Witze und Gedankengänge der Familie sowie die Bedürfnisse seiner Schwägerin Grace (Natalie Portman). In deren Küche, die im Laufe des Films umgebaut wird und damit symbolischen Wert besitzt, kreuzen sich immer wieder die Lebenswege der einzelnen Charaktere, die meist in der Konversation mit Tommy ihren Fluchtpunkt finden. Auf diesen wenigen Quadratmetern entwickeln sich sowohl im Original als auch im Remake Veränderungen in den Verhältnissen der einzelnen Familienmitglieder zueinander, die Sams Präsenz im Familiengefüge zunehmend obsolet werden lassen oder als Störfaktor entlarven.

Gespielt wird die Rolle Tommys von einem fantastischen Jake Gyllenhaal. Als dritte Ebene lässt sich entsprechend Gyllenhaals Leistung mit jener von Nikolaj Lie Kaas in der äquivalenten Rolle des Jannik in Brødre vergleichen. Mit einem Spiel, das an seine Leistung in Brokeback Mountain (2005) heranreicht, füllt Gyllenhaal nahezu jede Szene voller Präzision aus: Sein Blick verweilt ein wenig länger auf seinen filmischen Nichten und wirkt damit zärtlicher und fürsorglicher, als Kaas es in Brødre gelingt. Hinter Gyllenhaals Blicken für Grace verbirgt sich zudem ein tiefer Abgrund zwischen Anziehung und Angst. Vor allem jedoch in den Begegnungen mit der (Groß-)Vaterfigur Hank (Sam Shepard) kann Gyllenhaal seine ganze spielerische Bandbreite zeigen. Nahezu jedes Wort, das er Tommy sprechen lässt, klingt, das gestörte Vater-Sohn-Verhältnis anzeigend, gepresst und damit kräftezehrender als im Original.

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Im Gegensatz zu Gyllenhaal hält Natalie Portman in der Rolle der Schwägerin und Mutter dem Vergleich mit Connie Nielsen in Brødre nicht stand. Während man aus dem Beziehungsdrama Hautnah (Closer, 2004) weiß, dass Portman durchaus zugleich zerbrechlich, stark und erotisch wirken kann, ist hiervon in Brothers wenig zu sehen. Zwischen Portman und Gyllenhaal knistert es ebenso wenig wie zwischen Portman und Maguire. Auch die Rolle der fürsorglichen, zweifachen Mutter nimmt man der Kindfrau Portman nicht ab. Spannend wäre es gewesen, die aus Gladiator (2000) bekannte Nielsen mit Gyllenhaal interagieren zu sehen. Vielleicht wäre eine mit ähnlicher Energie und Wucht geladene Konstellation zwischen Anziehung, Verbot, Sehnsucht und Angst entstanden wie einst zwischen Diane Lane und Olivier Martinez in Untreu (Unfaithful, 2002). Und so stellt sich heraus: Über den Vergleich zwischen Original und Remake ergeben sich zwar anregende Beobachtungsperspektiven, diese reichen jedoch nicht aus, um die Existenz von Sheridans enttäuschendem Film zu rechtfertigen.


Trailer zu „Brothers“


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Kommentare


El Presidente

Muss man nicht gesehen haben.






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