Ava

Cannes 2017: Flirts am Strand und finstere Nächte. Ava von Léa Mysius dürfte der schönste Film der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes gewesen sein.

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Ein Wimmelbild – Anstau, Zusammenstauchung lebendiger Materie. Körper am Strand, an der französischen Küste. Dicht gedrängt; sie machen Liegestützen, cremen sich ein, öffnen Tiefkühltruhen, prügeln sich mit Schaumstoffstangen. Ein überschüssiges Sehen: vereinzelte, durch Sonnenschirme verursachte, amorphe Schattenzonen, gestreifte Bikinis, nackte Oberkörper, bunt-behütete Köpfe, ein Betonsteg, der sich krümmend ins Meer hineinschiebt. Es ist die wahrscheinlich schönste Einstellung des diesjährigen Cannes-Jahrgangs; die Einstellung, mit der Léa Mysius’ wunderbarer Film Ava (gezeigt im Programm der Semaine de la Critique) beginnt – und die von diesem Film sogleich aufs Spiel gesetzt wird. Das Auge wird geflutet, ein Auge, das blind wird.

Der aus dem Hotdog tropfende Senf 

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Ava (Noée Abita, wahrscheinlich bald ein Superstar des französischen Kinos) ist 13 Jahre alt, sie hat große, braune Augen, einen Schmollmund, dunkles, wildes, sonnengetrocknetes, vom Salzwasser verklebtes Haar. Ein tiefschwarzer Hund führt den Film zu ihr, löst sie aus der Körpermasse; der Hund futtert die Pommes aus der Schale, die auf ihrem badebeanzugten Bauch liegt. Ava öffnet die Augen; Augen, die blind werden, die damit begonnen haben, immer weniger zu sehen, sehr viel früher als erwartet, zunächst nur nachts, bald aber permanent und für immer. Ein diffuser Fatalismus liegt über diesem Film, eine Traurigkeit, die viel mehr öffnet als sie blockiert  – sie schiebt sich in das Abenteuer der Jugend, verdunkelt es aber nicht, im Gegenteil, macht es nur umso abenteuerlicher. Reiches Sehen, flüchtiges Sehen. Ava ist kein Film, der sich in einen tragischen Prozess begibt; er ist ein Film, der sehen will, so viel wie nur möglich: die Opulenz der ersten Einstellung, die Augen der anderen, Urlaubslieben am Strand, das von der Waffel tropfende Eis, der aus dem Hotdog tropfende Senf. Flirts: Haut, Augen, Genitalien. Sonne, Schatten, Sand, junge Körper in Bewegung, oft alleine, sich lösend, Zweisamkeit suchend, findend, nicht findend – das Kino Éric Rohmers.

Vom Strand ins Landesinnere

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Gefährlich wandert Ava mit Augenbinde und Blindenstock auf Häuserdächern. Sie probt. Auf dem Gehweg knallt sie mit voller Wucht gegen ein Stoppschild; die Mutter lacht sich schlapp; Ava auch ein bisschen. Nachts küsst Ava Jungs. Der eine liegt verwundet in einem Betonbunker am Strand. Sie und er teilen sich einen Hund – den Hund, den Ava ihm geklaut hat, bald ein Blindenhund. Sie pflegt den etwas älteren Juan (Juan Calamy), stützt ihn, verteidigt ihn gegen die Polizei. Sie werden nackt, sprechen kaum, bemalen die Körper, rauben Strandtouristen aus. Sie haben ein Gewehr. Ava löst sich aus der Rohmer’schen Welt, zeigt ein couple on the run. Ava und Juan schieben ein Motorrad ins Landesinnere, werfen es in den Straßengraben.

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Dann eine Musikszene, eine Tanzszene, wie aus dem Nichts: gefällig und wunderbar. Eine Hochzeit zwischen Wohnwagen, es gibt Paella, eine riesige Torte. Ein spanisches Wandervolk, sesshaft am Flussufer. Ava schmuggelt sich auf die Feier, soll Juan, der hier mal wohnte, aber verstoßen wurde, den Autoschlüssel besorgen, um fliehen zu können, nach Südamerika – von Frankreich aus mit dem Auto, warum nicht? Es wird dunkel, ein Platzregen, Ava sieht kaum noch, ein Schuss fällt, die Polizei stürmt in die Szene. Eine Flucht. Ava und Juan im Auto. Dann wird die Bewegung gestoppt, wie durch das Stoppschild. Ein Freeze Frame von Ava. Dann wird das Sehen, das vielleicht in keinem anderen Film aus Cannes reicher, wilder und geschätzter war als in diesem, angehalten, dann endet ein Film – dann endet Ava leider.  

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