Skandale, die keine waren

Was uns 2012 hätte bewegen können: Alle lieben Barbara; mehr Geld für größere Filme mit Kopftuch; Politiker vereinnahmen das Oberhausener Manifest; das Ende zweier Filmzeitschriften.

Statt in die allerorts verfügbaren Bestenlisten einzustimmen, haben wir uns entschieden, das Jahr auf etwas andere Art Revue passieren zu lassen: Mit dem Blick auf die Werke, die zu wenig Aufmerksamkeit erhalten haben (siehe: Sechs Filme, die in den Bestenlisten fehlen) und auf die Missstände, die es nicht zum Skandal geschafft haben.

Alle lieben Barbara

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Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte 2012 der Berlinale-Wettbewerb wieder in der Breite überzeugen – durch eine ganze Reihe an herausragenden Arbeiten und eine größere Offenheit gegenüber experimentierfreudigen Ansätzen (Leb wohl, meine Königin; Aujourd’hui; Meteora; Tabu ...). Mittendrin der neue Film von Christian Petzold, Barbara, der schon auf dem Papier verspricht, nach interessanten, aber auch durchwachsenen Jahren – vor allem was die Zuschauerzahlen angeht (sein größter Erfolg war bis dato Die innere Sicherheit mit knapp 120.000 verkauften Karten, und das war 2001) – wieder eine größere gesellschaftliche Resonanz zu erreichen: Ein Historienfilm. Über die 80er Jahre. In der DDR. Mit Fluchtversuch. Und Bespitzelung. Ja, das klingt nach Resonanz, und das klingt auch mächtig angestaubt und erwartet, oder nach umso mehr Gründen, auf den Petzold-Touch, den Kniff und den originellen Ansatz zu hoffen. Und so kommt es auch: Barbara erfüllt keine Geschichtsfilmnostalgiesehnsucht, gibt sich stattdessen souverän und filmisch kompromisslos. Und dennoch wirkt der Film auf mich vor allem merkwürdig. Bei der Zweitsichtung komme ich nicht umhin, in ihm doch auch das wiederzufinden, was das deutsche Kino in meinen Augen lähmt: das Kalkulierte von Filmen, die an Relevanzkriterien andocken, den Pfad des Korrekten suchen und das Wagnis meiden. Überhaupt wird mir sehr mulmig zumute, wenn ich daran denke, wie stark Petzold (nicht nur) in der Kritik zu einem Konsensfall geworden ist, obwohl seine Filme selbst starke Positionen suchen und er zum Anecken einladen müsste. Dass es darauf kein Echo gibt: ein Paradebeispiel, an dem sich der Zustand der deutschen (Film-)Publizistik ablesen lässt? Immer mehr scheint Petzold zum Heilsbringer der deutschen Kinolandschaft stilisiert zu werden, Film um Film festigen sich die Erwartungen: Petzold als Everybody’s Darling, gegen dessen Werke kaum mehr Einwände erhoben werden, und Diskussionen lösen sie eh spätestens seit Gespenster (2005) keine mehr aus. Dass Barbara jedenfalls trotz seines großen Erfolgs mit etwa 360.000 Zuschauern – also dem Dreifachen von Petzolds vorher zugkräftigsten Film – und der tatsächlich sehr breiten Rezeption nur im Modus der respektvollen Würdigung, ach, was sag ich da, in ehrwürdiger Liebesbekundung medial stattfand, das ist schon ein mittelgroßes Problem. Geschenkt: Es ist zunächst ein Problem der Medien, erst in zweiter Linie eines von Petzold.

Barbara 01

Dominik Graf formulierte in seinem, dem Artikel zur Lage des deutschen Kinos 2012 einen anderen Vorwurf gegenüber den Lobeshymnen auf Barbara: Sie würden den Film in Richtung Geschichtsbild-Ablieferung erst rücken, was der Film aber ganz nebenbei erledige. Dass Vergleiche mit Das Leben der Anderen (2006) die Wahrnehmung verzerren können, dem kann ich noch folgen. Nur: Sie drängen sich auf. Denn genau das ist der filmische Erfahrungs- und Erwartungshorizont, in den sich Petzold beim deutschen Kinopublikum einschreibt. Und überhaupt: Lässt sich Grafs auf andere (ungenannte) Werke gemünzte Kritik nicht auch auf Barbara übertragen? Gibt es nicht auch dort diese „tödliche Schwäche“ zu besichtigen, die „unverzeihliche Nähe zum korrekten Gesellschafts- oder Geschichtsverständnis“ und ein „selbst auferlegtes Gewichtigkeitspathos“? Oder umgekehrt: Wo, bitte, ist Barbara noch „inspiriert vom amerikanischen B-Movie“? Ich will es gerne sehen. Hab ich es nur ver-sehen? Die Leichtigkeit und schillernde Magie eines Films wie Yella – kann ich sie vor lauter Deutungshypnose nur nicht mehr wahrnehmen? Oder ist nicht doch Barbara sehr viel mehr Themenfilm, als er gerne wäre? Inzwischen weiß ich immer weniger, was von meiner Erinnerung an Barbara dem Film und was dem Kontext geschuldet ist. Aber auch das gehört zu großen Werken dazu, dass sie hinausgreifen in die Welt, unseren Blick auf diese infizieren und sich umgekehrt von diesem auch anstecken lassen. Petzold hält aber so viel Distanz zu seinem Stoff, lässt seine Figuren so wenig Gesicht zeigen, dass noch jede kritische oder politische Vereinnahmung glückt. An dessen Ende steht dann gewissermaßen folgerichtig der große Aufschrei, wenn er nicht den Deutschen Filmpreis in Gold gewinnt. Aber was gibt er im Gegenzug für diese (Selbst-)Liebe wirklich zurück? Wo schlägt er die Haken, die sich in uns einbrennen?

Mehr Geld für größere Filme mit Kopftuch

DFFF-logo

9. November: Zunächst hört sich das nach einer Randnotiz aus dem parlamentarischen Betrieb an: Der Bundestag beschließt, den Kulturetat für 2013 um 100 Millionen Euro zu erhöhen (gesamt 1,28 Milliarden). Die Auflistung, wofür das Geld eingesetzt werden soll, liest sich noch dazu recht unspektakulär: Hier etwas für die Denkmalpflege und Infrastruktur, dort etwas für Sanierungsarbeiten, aber auch das Kino soll nicht leer ausgehen: Immerhin 10 Millionen Euro werden für den Film reserviert und fließen in die Erhöhung des Budgets des Deutschen Filmförderfonds (DFFF). Sind das nicht gute Nachrichten? Jein: So richtig dagegen sein kann ja niemand (außer Klaus Lemke), wenn mehr Geld in die Filmförderung fließt – aber Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat sich erneut für eine Aufwertung der automatischen, nach wirtschaftlichen Fragen operierenden Subvention entschieden. Und das, natürlich, unter dem Deckmantel der Kulturförderung. Es sagt alles über die Prioritäten von Neumann aus, wenn gleichzeitig für 2013 eine Anpassung der Richtlinien ebendieser Förderung verabschiedet wurde, die innerhalb dieser technokratischen Lösung (jeder, der die Kriterien erfüllt, kriegt Geld) dafür sorgen soll, dass kleinere Filme mit nur geringer marktwirtschaftlicher Rentabilität ausgeschlossen werden. Denn wer künftig noch Geld will, muss einen Verleiher finden, der rechtsverbindlich zusagt (und dies vor Drehbeginn), dass er den Film mit mindestens 20 Kopien ins Kino bringen wird (ungeachtet des fertigen Films und dessen tatsächlicher Chancen im Kino). Für viele kleinere Projekte ist ein solches Versprechen schlicht nicht zu halten. Die wären dann auf eine Kulturförderung angewiesen, könnte man meinen. Dafür aber wurde trotz erhöhtem Kulturetat kein Geld reserviert. Ein Paradoxon? Ja, und ein Skandal.

Aber Moment, es geht ja noch weiter. Der Beauftragte für Kultur und Medien, so der volle Titel von Staatsminister Neumann, behauptet immer wieder, der DFFF sei auch eine kulturelle Förderung. Wer sich noch wundert, was das wohl bedeuten kann in Deutschland, der sei auf den Kriterienkatalog für die kulturellen Merkmale verwiesen. Denn Filme müssen einen „Eigenschaftstest“ durchlaufen, um zu zeigen, wie deutsch und wie kulturell sie sind. In den Richtlinien finden sich dann lauter Aspekte, die dies garantieren sollen: Neben den rein praktisch-nationalistischen Fragen nach Drehorten und der Staatsbürgerschaft von Crew und Cast gibt es eine ganze Reihe an Punkten für den gewünschten Gehalt: Wer auf einer literarischen Vorlage aufsetzt, ist schonmal im Plus, wer Künstler oder Kunstgattungen behandelt, auch, deutsche Motive und deutsche Figuren sind ebenso ein Bonus wie die Behandlung einer „Persönlichkeit der Zeit- und Weltgeschichte (z.B. Gandhi) oder eine[r] fiktionale[n] Figur der Kulturgeschichte (z.B. Herkules, Siegfried, Hänsel und Gretel)“. Historische Ereignisse, Weltanschauungen oder „Themen von aktueller gesellschaftlicher oder kultureller Relevanz (z.B. Kopftuchfrage, Flüchtlingsproblematik etc.)“ wirken sich nochmal positiv auf die Förderungschancen aus. Prost, Deutschland, auf viele weitere Jahrzehnte vorgeschriebener Bedeutungsschwere im Kino.

Das vereinnahmte Oberhausener Manifest

Das Oberhausener Gefuehl2

Das Gedenken und Feiern filmischer Strömungen, Filmemacher und Ereignisse gehorcht stets den gleichen Regeln: Jahrestage, aktuelle Anlässe und nationale Zusammenhänge braucht es. Das liegt freilich auch in gewissen kulturellen Gepflogenheiten begründet. Dass diese Regeln nur selten durchbrochen werden und wir zum Beispiel fast nie in den Genuss einer trinationalen Filmreihe kommen, das liegt schon eher daran, dass unsere Kultur in vielerlei Hinsicht eine Kultur nach Fördergesichtspunkten ist. 2012 war nun also das Jahr des Oberhausener Manifests – dem 50. Jubiläum und der Kulturstiftung des Bundes sei Dank. Die darum gesponnenen Projekte, wie die von Max Linz inszenierte Webvideoserie Das Oberhausener Gefühl (siehe Interview), waren ambitioniert. Erschreckend aber, wie das Manifest für eine Legitimierung des politischen Status quo missbraucht wurde – allen voran wieder von Staatsminister Bernd Neumann. In seiner Rede zur Eröffnung des Festakts in München am 28. Februar stellte er eine absurde These auf: „Sie forderten Freiheit – ich zitiere: ‚Freiheit von den branchenüblichen Konventionen. Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner. Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen‘. Wenn wir die heutige Filmlandschaft in Deutschland daran messen, meine ich, kann man schon sagen: Mission doch weitgehend erfüllt.“

Seine gegenüber dem Manuskript („kann man nur sagen: Mission erfüllt“) leicht abgeschwächte Formulierung weist bereits auf den zentralen Widerspruch hin: Das heutige Kino in Deutschland ist alles andere als frei von Konventionen und erst recht nicht frei von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner. Nur müsste man noch hinzufügen: Die Abhängigkeiten sind mehr geworden, allen voran die von staatlichen Regulierungen und mit ihnen vom Fernsehen. Freilich war die Rede des bayerischen Staatsministers Thomas Kreuzer (die mir nur als Manuskript vorliegt) nicht besser. Denn auch er stellte aktuelle Investitionen in die Filmwirtschaft sowie Standortpolitik in eine Linie mit dem Ansatz der Oberhausener, sich gegen die bestehende Ordnung zu wenden. Dabei scheute er nicht, Besuchermillionäre mit bayerischer Subvention und den Neubau der Hochschule für Film und Fernsehen als Anknüpfung an das Manifest zu deuten. Wie absurd das ist, gerade bei der konservativen Förderpolitik Bayerns, ist wohl offensichtlich. Nur leider war auch das 2012 kein Skandal.

Print stirbt: Das Ende zweier Filmzeitschriften

Splatting Image Logo

Es ist eine traurige Angelegenheit, und noch trauriger eigentlich, dass es zum Skandal nicht reicht: Der Schnitt wird eingestellt, die Splatting Image gibt es künftig nur noch online. Die deutsche Printlandschaft in Sachen Film war auch schon Anfang 2012 alles andere als satisfaktionsfähig: Wären da keine Liebhaberprojekte wie Cargo oder Revolver, man müsste sie ins Leben rufen. Dass 2012 dann auch noch die Vielfalt einen starken Schlag abkriegt, macht es umso schlimmer. Wer sich in Printform über das Filmgeschehen aus unabhängiger Quelle informieren will, wird nämlich künftig wieder auf die etwas gediegeneren katholischen und evangelischen Hefte (Film-Dienst bzw. epd Film) angewiesen sein – oder man blickt womöglich besser gleich ins Ausland. Andererseits sind mit dem Schnitt und der Splatting Image natürlich zwei Hefte betroffen, die sich in gewisser Hinsicht vielleicht überlebt hatten: Durch die auf beiden Seiten starke Fokussierung auf Filmkritiken setzten sie eine Textgattung in den Mittelpunkt, wie sie im Netz nicht verbreiteter sein könnte. Wo die einen anscheinend stärker damit zu kämpfen hatten, dass eine auf dem Ehrenamt basierende Autorschaft gewisse Fluktuationen und Qualitätseinbußen bei einem Medium der Routine oft mit sich bringt, konnten die anderen in der stärker leidenschaftlich aufgeladenen Genre- und Undergroundsphäre stets mit einer beeindruckenden Riege an Autoren aufwarten, die nur die Verlagerung der Fandiskurse ins Netz (jenseits der eigenen Seite) auch aufgrund einer eigenen Nonline-Strategie nicht aufhalten konnten. Nicht zu vergessen natürlich, dass andere deutsche Printpublikationen im Genresegment mit härteren Bandagen kämpfen in Punkto Marketing (vulgo: indem sie Werbekunden positive Kritiken verkaufen). Dass dies im Jahr 2012 weiterhin Normalität und stärker noch zur Überlebensmaxime wird, das überrascht nur leider keinen mehr. Wer unternimmt etwas dagegen?

Wer sich an dieser Stelle etwas über Til Schweiger erhofft hatte, der blicke bitte auf unsere beiden im Herbst veröffentlichten Artikel und die daran anschließenden Diskussionen: Schutzengel, Fördermillionen und PressefreiheitWer marschiert mit der Filmbranche?

Kommentare zu „Skandale, die keine waren“

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