Sechs Filme, die in den Bestenlisten fehlen

Was vom Jahre hängen blieb: Filme, die im Kino zu wenig Aufmerksamkeit bekamen oder es erst gar nicht dort hingeschafft haben.

Jahresrueckblick Teaser

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, ist die Zeit der Bestenlisten gekommen. Doch egal, wo man hinschaut, man sieht meist dieselben Filmtitel. Man kann diesen Umstand nun so interpretieren, dass es einen unstrittigen Kanon gibt und Qualität im Kino eine objektive Größe ist. Man kann es aber auch darauf schieben, dass kleinere und unauffälligere Filme einfach gerne vergessen werden und andere erst gar keinen offiziellen Kinostart bekommen. Vertritt man letztere Meinung, kann man eigentlich nur eines entgegnen: eine persönliche und unhierarchische Bestenliste, um auf jene Filme aufmerksam zu machen, die 2012 zu kurz gekommen sind. Filme aus Hongkong, Kasachstan, England, Israel, Deutschland und Japan, die weitgehend unbeachtet im Kino liefen, nur auf Festivals zu sehen waren oder lediglich auf DVD erschienen sind. Vielleicht waren die sechs folgenden Beiträge nicht die Besten, sie haben aber in jedem Fall die deutlichsten Spuren im Gedächtnis hinterlassen.

Weekend von Andrew Haigh

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Zwar hat es Andrew Haighs (Greek Pete, 2009) erster reiner Spielfilm ins Kino geschafft, über die Grenzen des queeren Interesses kam er dabei aber nicht. Im Grunde genommen ist Weekend so etwas wie eine schwule Version von Before Sunrise, allerdings weniger selbstgefällig und mit einer nicht zu unterschätzenden politischen Dimension. Haigh erzählt von einer ebenso leidenschaftlichen wie tragischen Beziehung auf Zeit. In langen Gesprächen machen sich die Figuren im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne nackt, reden, aufgeputscht von Drogen, ungeschminkt über ihre Ängste und Sehnsüchte und reflektieren das Verhältnis einer schwulen Minderheit zu einer ihnen überwiegend feindlich gesinnten heterosexuellen Mehrheit. Unnötig zu erwähnen, dass die beiden Männer in vielen Punkten sehr unterschiedliche Positionen einnehmen. Während Haigh diesen Beziehungskampf beobachtet, lässt er nie die soziale Realität aus den Augen. Selbst während der ergreifenden Abschiedsszene sind aus dem Off noch beleidigende Zwischenrufe zu hören.

Policeman von Nadav Lapid

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Israel ist ein Land im ständigen Ausnahmezustand. Das weiß man zwar schon aus den Nachrichten, bekommt es aber mit Nadav Lapids souverän inszeniertem Debütfilm noch einmal auf ungewohnte Weise vorgeführt. Denn Policeman erzählt nicht ein weiteres Mal vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, sondern widmet sich einem Krieg im eigenen Land. Mit einer zweigeteilten Struktur zeigt Lapid beide Seiten des politischen Spektrums: einen nationalistischen Polizisten und eine Terroristin aus gutbürgerlichem Haus. Beide Geschichten werden dabei nicht mühevoll zu einem Ganzen konstruiert, sondern ergänzen sich teilweise, manchmal aber auch nicht. Ohne naive Lösungen oder eindeutige Schuldzuweisungen breitet Policeman das ganze Dilemma eines Landes aus.

Motorway von Soi Cheang

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Mit seinen düsteren und sozialkritischen Genre-Bastarden hat sich Soi Cheang zu einem der wichtigsten Regisseure des aktuellen Hongkong-Kinos entwickelt. Der für Johnnie Tos Produktionsfirma Milkyway entstandene Accident war dann ein überraschend geradliniger Actionfilm. In Motorway geht Cheang noch einen Schritt weiter. Selten hat man einen derart puristischen und minimalistischen Genrefilm gesehen, handwerklich perfekt und von allem unnötigen Ballast befreit. Man könnte auch einfach sagen, Cheang habe hier den besseren Drive gedreht. Denn während sich Nicholas Winding Refn darum bemühte, einen Genrefilm für ein Publikum zu drehen, das eigentlich keine Genrefilme mag, bleibt Cheang konsequent innerhalb des Actionkinos, spielt mit wenigen Bausteinen und erreicht damit eine maximale Wirkung. Leider scheint für Qualitätskino aus Hongkong in den deutschen Kinos kein Platz zu sein. Zumindest auf DVD erscheint der Film demnächst. Ähnlich erging es auch schon Dante Lam, einem weiteren erstklassigen Genre-Regisseur aus Hongkong, mit seinem letzten Film The Viral Factor (2011).

Our Homeland von Yang Yong-hi

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Ein Film so leise, dass man ihn selbst bei der nicht besonders qualitätsstarken Berlinale übersehen konnte. Mit Dokumentationen wie Dear Pyongyang (2005) und Sona, the Other Myself (2009) hat sich die in Nordkorea aufgewachsene Regisseurin Yang Yong-hi ihrer eigenen Biografie gewidmet. Mit Our Homeland setzt sie nun ihre Vergangenheitsbewältigung mit einem emotional dichten und todtraurigen Spielfilm fort. 25 Jahre hat eine nach Japan emigrierte nordkoreanische Familie den Sohn nicht mehr gesehen. Einst haben sie ihn in die Heimat geschickt, um ihm ein besseres Leben zu ermöglichen, ihn damit aber nur einem gefräßigen totalitäten Regime ausgesetzt. Wegen eines Gehirntumors darf der verlorene Sohn nun für eine Woche zurück zu seiner Familie. In einer ausweglosen Situation, in der es nur Opfer geben kann, inszeniert Yang immer wieder kurze Momente des gemeinsamen Glücks, die von der Gewissheit eines jähen Endes eingeholt werden. Ein Film, der einem das Herz zerreißt, mit einer wie immer großartigen Andô Sakura als kämpferischer Schwester, die einfach nicht loslassen kann.

Das unsichtbare Mädchen von Dominik Graf

Jahresrueckblick Das unsichtbare Maedchen

Es ist mittlerweile fast zur Phrase verkommen, dass amerikanische Fernsehserien das neue Kino sind. In Deutschland gibt es dagegen nur einen Regisseur, dem es gelingt, Fernsehen in Kinoqualität zu realisieren, und zwar Dominik Graf. In regelmäßigen Abständen wüten die Krimi-Fans in Internetforen darüber, was ihnen denn da schon wieder vorgesetzt wurde. Nun ja, nicht weniger als ein Genrekino, das hierzulande seinesgleichen sucht, mit Lokalkolorit, erfrischend anderer Soundästhetik, herausfordender Dynamik und wild wuchernden Erzählsträngen. In Das unsichtbare Mädchen wird zwischen Provinz und Stadt, Deutschland und Tschechien, Vergangenheit und Gegenwart nach einem Mörder gesucht und bis zur Erschöpfung vorgeführt, was im deutschen Fernsehen alles möglich sein kann.

Student von Darezhan Omirbayev

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Es gibt nicht gerade wenige international bedeutende Regisseure, von denen in Deutschland noch kein einziger Film im Kino lief. Darezhan Omirbayev aus Kasachstan ist einer von ihnen. Seine dieses Jahr in Cannes uraufgeführte Verfilmung von Dostojewskis Verbrechen und Strafe ist keine herkömmliche Adaption, sondern eine Aneignung im spannendsten Sinne. Ausgehend von der Romanhandlung erzählt Omirbayev in Student davon, wie in seiner Heimat die Menschlichkeit vom Hyperkapitalismus überrannt wird. Dabei lässt sich der Film weder auf seine Handlung noch auf eine politische oder moralische Botschaft reduzieren, sondern bewegt sich fließend zwischen satirischen, surrealen und selbstreflexiven Momenten, ohne dass Kamera oder Darsteller eine Bewegung zu viel machen. Nicht weniger als eine Schande, dass einem so stilsicheren und inhaltlich reichen Film die gebührende Aufmerksamkeit versagt blieb.

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