Locarno 2013: Sehtagebuch (1)

Ein paar Tage, ein paar Filme. Notizen zu den Filmen, die ich in Locarno sah.


Ehekrieg (Adam’s Rib; Regie: George Cukor; USA 1949)

Ein Festival mit einem Film aus der Retrospektive zu beginnen ist immer eine gute Idee. Und das, obwohl ich tatsächlich erst mal nicht sonderlich beeindruckt bin von dieser amüsanten, aber recht braven Komödie, bei der ich den Verdacht nicht loswerde, dass der im Zentrum stehende Feminismus womöglich doch recht abfällig betrachtet wird. Ideologischen Überlegungen steht zum Glück der Eigenwert einiger herausragender Szenen entgegen, besonders der akrobatischen Kraft einer Frau im Gerichtssaal.

 

El Mudo (Regie: Daniel and Diego Vega; Peru, Frankreich, Mexiko 2013)

Ein Mann wird stumm und zieht alles Leid auf sich. Eine sehr wehleidige, paranoide Figur, der wenig gegönnt wird vom Film, der ich auch wenig gönne als stets auf Distanz gehaltener Zuschauer. Die Digitalästhetik wirkt eher unbeabsichtigt. Am Schluss muss auch noch eine etwas penetrante Subjektive her. Immerhin verschiebt das den Film stärker ins Surreale, wo er vermutlich von Anfang an besser aufgehoben gewesen wäre als in der Zwischensphäre von bemühtem Sozialrealismus und abstrakter Bedrohungsfantasie.

 

The Dirties (Regie: Matthew Johnson; Kanada, USA 2013)

Aufdringlicher Mockumentary-Stil, gleich in der ersten Szene müssen einem die Figuren bei einem Mikrofon-Test den doppelten Boden erklären. Am Meta-Aspekt ergötzt sich der Film. Doch dann passiert etwas Ungewöhnliches: Immer eindringlicher werden die Schicksale, obwohl die Verwirrung über die jeweilige diegetische Position der Bilder noch zunimmt. Ein Highschool-Film über Bullys, der immer noch eine Volte mehr schlägt, als man erwartet, zwischen Racheplänen und selbstfilmerischem Exhibitionismus schleichen sich Zärtlichkeit und ein existenzialistisches Coming-of-Age-Drama ein. Der Hauptdarsteller ist gleichzeitig Regisseur, einer der Drehbuchautoren, der Produzenten und der Monteure. Es ist sein Spielfilmdebüt.

 

By the River (Sai nam tid shoer; Regie: Nontawat Numbenchapol; Thailand 2013)

Was mich zunächst störte, ein plötzliches, hässliches, explizit politisch-aktuelles Intermezzo in der Mitte, ist das, was den Film nun in der Erinnerung bestehen lässt. Sein kontemplativer Gestus, sein Interesse für die Anrainer eines verseuchten Flusses wirken im Kontrast dazu eher unglaubwürdig.

 

A Spell to Ward Off the Darkness (Regie: Ben Rivers, Ben Russell; Frankreich, Estland 2013)

Für solche Filme fahre ich auf Festivals.

 

When Evening Falls on Bucharest or Metabolism (Când se lasă seara peste Bucureşti sau metabolism; Regie: Corneliu Porumboiu; Rumänien, Frankreich 2013)

Ein Kreuz mit der Selbstreferenzialität. Schwer zu entscheiden nach nur einer Sichtung, ob der Film stark und klug oder eitel und paternalistisch ist. Für die Wehmut, die Porumboiu mit dem Beharren auf 35mm verbindet, für die Bedeutung, die er der Komposition von Bildern und Beziehungen beimisst, muss man ihn schätzen.

 

Batang West Side (Regie: Lav Diaz; Philippinen 2001)

Kino, für das ich um die Welt reisen würde.

 

Master of the Universe (Regie: Marc Bauder; Deutschland, Österreich 2013)

Ein Ex-Banker berichtet. Leider nur mit einem ästhetischen Einfall, der aber immerhin überzeugend ist. Die Kollegen werden von den Qualitäten des Protagonisten schwärmen, weil er sein Charisma des überheblichen, süffisanten Reichen, der über allem thront, noch nicht ganz eingebüßt hat und recht freimütig erzählt. Tatsächlich ist er aber die größte Schwachstelle des Films. Weil der Regisseur ihm folgt, als sei er unser Verbündeter in der Aufklärung der Banken-Machenschaften, statt ihn selbst zu erforschen. Und wenn Bauder an ein paar Stellen penetrant nachfragt, dann nur, um ins Fach des Allzu-Persönlichen zu wechseln, aus dem nichts zu schöpfen ist. Ein Film zur Bestätigung der eigenen Überzeugungen.

 

David Copperfield (Regie: George Cukor; USA 1935)

Ich will Cukor mehr Chancen geben, mich für ihn einzunehmen. Aber nicht mit diesem Film. Eine geflissentliche Literaturadaption, für die ich gerade keine Geduld aufbringen kann.

 

Our Sunhi (U ri Sunhi; Regie: Hong Sang-soo; Südkorea 2013)

Mein Meister, Hong Sang-soo. Ich sehe den Film in einer Unterwasserversion: Die Tonanlage will mit der Festplatte nicht, oder umgekehrt. Die Stimmen und Laute drängen nur stumpf durch die Lautsprecher. Ich will den Film unbedingt noch mal sehen, denn selbst so ist das Vergnügen groß, eine neuerliche, luftig-leichte Variation im Hongversum zu entdecken. Eine Frau und drei Männer, zwei Empfehlungsschreiben. Wie sich die Worte, die wir niederschreiben, die wir sprechen und hören, in unser Leben einschleichen. Bei Hong ist das Selbstreferenzielle eine Finte.

 

Feuchtgebiete (Regie: David Wnendt; Deutschland 2013)

Seltsamer Film, bemüht um einen jugendlichen, bunten Flair, angelehnt an televisuellen Stil der 1990er Jahre bei der Protagonisten-Vorstellung. Danach immer nur halbe Provokationen, Ekel ist stylisch, die Hauptdarstellerin führt einen interessanten Kontrast ein, weil sie wie fehlbesetzt wirkt, zu lieb, zu unschuldig im Vergleich zu den Worten und Taten der Figur. Ein Film für Leute, die ihn laut FSK nicht sehen dürfen. Kein Wunder, dass die Presseagentur versucht, Stimmung zu machen mit der Nebensache, dass YouTube den „unzensierten“ Trailer gesperrt hat.

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