Georges Méliès: Der Demiurg des Kinos

Rund 100 Jahre nach seinem letzten Film erscheinen die Meisterwerke von Georges Méliès, dem großen Geschichtenerzähler des frühen Kinos, in einer DVD-Sonderedition bei Arthaus.

Melies - Reise zum Mond 01

Als Hugo Cabret dem alten Mann mit dem Spitzbart endlich gegenübertritt, ist dieser längst schon in Vergessenheit geraten, doch eigentlich kennt ihn die ganze Welt – seine berühmte Fantasie, die Rakete im Auge des Mondes, seine Verwandlungs- und Verdoppelungskünste bleiben unvergessen, sie gehören zu den Urbildern des Films, die mit den Jahren zwar etwas verblassen, aber dennoch unsterblich sind. Von den rund 500 Filmen, die der Zauberkünstler und Theaterbesitzer Georges Méliès zwischen 1896 und 1912 gedreht hat, sind knapp 250 erhalten, und es hätten wenige gereicht, um seine Stellung innerhalb der Filmgeschichte und die bahnbrechenden Impulse, die für das narrative Kino von ihm ausgingen, noch zu Lebzeiten zu bezeugen.

Seine künstlerische Spannweite reicht vom dokumentarischen Frühwerk im Stile der Lumière-Filme, die noch ganz dem Modus der akademisch orientierten Wirklichkeitsabbildung verhaftet bleiben – etwa Ein Kartenspiel (Une partie de cartes, 1896) – bis hin zu seinen an technischer Raffinesse förmlich sprudelnden fantastischen Filmen, in denen er seine Bühnenkunst an einem neuen Medium erprobt. Zwei wesentliche tricktechnische Neuerungen sollten hierbei die Erzählmöglichkeiten des Kinos maßgeblich erweitern: die Mehrfachbelichtung von Filmstreifen und die Stop-Motion-Technik, bei der die Dreharbeiten unterbrochen, die Szenerie verändert und anschließend weitergedreht wird, sodass die Illusion eines nahtlosen Übergangs entsteht. Selbst das Funktionsprinzip des Zooms nimmt Méliès in Die Meerjungfrau (La Sirène, 1904) bereits vorweg, indem er, anstatt die Szene mittels Brennweitenveränderung optisch zu vergrößern, das ornamental gerahmte Aquarium so dicht an die Kamera heranfährt, bis die besagte Nixe bildfüllend zwischen den winzigen Fischen erscheint.

Melies - Un Homme de tetes 01

Bildmanipulationen durch Mehrfachbelichtung, Stop-Motion und Miniaturen, wie sie der Varietékunst entlehnt und für das Kino fruchtbar gemacht wurden, schaffen eine Vielzahl neuer Ausdrucksmöglichkeiten. Genau genommen hat Méliès mit seinen innovativen tricktechnischen Neuerungen das Inszenierbare erst hervorgebracht, denn selbst Traumwelten sind nun potenziell verfilmbar. Das Kino findet zu sich selbst, löst sich allmählich von dem wissenschaftlich motivierten Imperativ des bloßen Abbildens, den die zeitgenössische Fotografie schon längst überwunden hatte. Mit solchermaßen skizzenhaft entwickelten narrativen Strukturen, die über den inszenatorischen Ansatz der Brüder Lumière weit hinausgehen, betritt der frühe Film das Reich der Imagination. Das Kino beginnt zu erzählen.

Den Abenteuerromanen eines Jules Verne verpflichtet, legt Méliès in der Konzeption seiner Fantasiewelten immensen Einfallsreichtum an den Tag: Agile Fabelwesen, Mondbewohner, die auf naivste Art den „wilden“ Ureinwohnern der damaligen französischen Kolonien nachempfunden sind, sardanapaleske Monarchen, welche den romantischen Orient-Darstellungen des frühen 19. Jahrhunderts entstammen könnten, bevölkern seine Filme, die merklich einem spielerisch-frivolen Erfindergeist entspringen, einem Geist, dem nicht minder an den technisch-ästhetischen Möglichkeiten des Films liegt wie an guter Unterhaltung. Immerhin stand der Name Méliès seinerzeit für massentaugliche Mainstream-Produktionen. Dass unter diesen Vorzeichen die Weichen eines jungen Mediums zur Kunstform gestellt wurden, ist aus heutiger Sicht eine einigermaßen kuriose Begleiterscheinung, hinter der die eigentlich kommerzielle Ausrichtung dieser Filme manchmal vollständig zurücktritt.

Melies - 20000 Lieues Sous 01

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang jene Metakomponente im Méliès’schen Kosmos, die mit feinen Pinselstrichen eine Art Selbstporträt dieses Multitalents zeichnet: Indem der Magier sich selbst und seinen Berufsstand in der Rolle des Magiers und einer Reihe allegorischer, dem Zauberkünstler nachempfundener Figuren wie Köchen, Forschungsreisenden und Musikbesessenen verkörpert, reflektiert er zugleich die Existenzbedingungen und Ausdrucksmöglichkeiten seines künstlerischen Daseins. Es ist wohl das erste umfassende Selbstzeugnis eines Filmemachers überhaupt. Dass außerdem die Zauberkunst und der dahinter stehende „Zwang zur Magie“ dem Normalsterblichen mitunter zum Fluch gerät und ihn vor lauter Sinnvernebelung das Wirkliche vom bloß Erfundenen nicht mehr unterscheiden lässt, wie der Kurzfilm Aschenputtel (Cendrillon, 1899) eindrücklich belegt, will womöglich als ein selbstkritischer Kommentar gelesen werden, der schon früh auf den Topos der Wahrnehmungsverzerrung beim Künstler (und Rezipienten) hinweist.

Ungewöhnlich ernste Töne schlägt Méliès auch in seinem 1906 geschaffenen Werk Die Brandstifter (Les incendiaires) an, das auf wenige Minuten verknappt und in für damalige Verhältnisse geradezu spannungsvollem Wechsel zwischen Tableau- und Weitwinkelansichten das Schicksal eines Herumtreibers schildert, vom titelgebenden Verbrechen bis zum Schafott. In betont dokumentarischem Gestus, der tatsächlich nur den Anschein eines Abbildcharakters im Sinne der Lumière-Filme erweckt, zeigt Regisseur Méliès die letzten Lebensstunden eines Menschen, jedoch nicht ohne die entscheidende illusionistische Zutat beizugeben, die den vermeintlich veristischen Handlungsablauf als Konstruktion ausweist: Als das Fallbeil niederfährt, wird der Kopf (scheinbar) vom Rumpf getrennt – der Schlüsselmoment des Films, da im Moment des Auftreffens der Klinge einmal mehr der bekannte Stopptrick zum Einsatz kommt; an die Stelle des Schauspielers tritt fast übergangslos ein Modell, welches geköpft wird.

Melies - Les incendiaires 01

Die Brandstifter gehört zu jenen Exempeln des jungen Mediums Film, die den mit Auguste und Louis Lumières Der begossene Gärtner (L’arroseur arrosé, 1895) losgetretenen Diskurs um abgefilmte versus inszenierte Wirklichkeit weiter anfachen; sie demonstrieren die problematische Grenzziehung zwischen Erzähltem und Faktischem, indem sie vorführen, dass auch ein Film, der die Wirklichkeit nur wiedergeben will, nicht ohne inszenatorischen Eingriff in diese Wirklichkeit auskommt. In diesem Sinne ist Die Brandstifter, diese Ausnahmeerscheinung im Œuvre des Meisters, ein Film, der nur in dokumentarischem Gewand daherkommt, um dergestalt die noch ungeübten, leicht irritierbaren Sehgewohnheiten des frühen Filmpublikums gehörig aufzustören. Dass Méliès hier ausgerechnet den Todesmoment eines Menschen zum Gegenstand seiner Tricktechnik macht, liefert ganz nebenbei noch eine krude, schwarzhumorige Pointe der Filmgeschichte.

Melies - 400 Farces du Diable 01

Das Label Arthaus würdigt nun den großen Kinopionier mit der Doppel-DVD „Georges Méliès – Die Magie des Kinos“, die 29 Kurzfilme und reichhaltiges Bonusmaterial versammelt, darunter die kolorierte Fassung des Science-Fiction-Klassikers Die Reise zum Mond (Voyage dans la lune, 1902) sowie die sehenswerte Dokumentation Le voyage extraordinaire, die die Entstehungsumstände und den erheblichen Einfluss von Méliès’ berühmtestem Film näher beleuchtet.

Originaltitel: Georges Melies - Die Magie des Kinos - Arthaus Premium

Produktionsland: Frankreich

Jahr: 2012

Vertrieb: StudioCanal

Filme: 28 Kurzfilme von Georges Méliès aus den Jahren 1896 bis 1912, Dokumentation „Eine außergewöhnliche Reise“ von Serge Bromberg und Eric Lange über Méliès und den Werdegang seines wichtigsten Films, Dokumentation „Méliès, Vater und Sohn" von Georges Franju

Filme von: Georges Méliès

Kommentare zu „Georges Méliès: Der Demiurg des Kinos“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.