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Wie im Himmel

Kay Pollaks schillerndes Künstlerportrait erzählt technisch brillant eine hoffnungslos naive Erlösungsgeschichte, die sich stellenweise ideologisch gefährlichen Positionen nähert.

Wie im Himmel

Der erfolgreiche Komponist Daniel Daréus (Michael Nyqvist) kehrt dem schillernden Leben der Opernhäuser und Gala Dinners den Rücken und unternimmt künstlerisch wie körperlich ausgebrannt eine Reise in sein nordschwedisches Heimatdorf. Zuerst zieht er sich in seine Erinnerungen zurück, doch bald tritt er eine Stelle als Kantor der örtlichen Gemeinde an. Zu seinen neuen Aufgaben gehört auch die Leitung des Kirchenchors. Bei dieser Arbeit gelingt es ihm nicht nur, die ihm anvertrauten Bauern, Lehrer und Rentner zu ungeahnten musikalischen Höhen zu führen, in der blonden Lena (Frida Hallgren) findet er auch die Liebe seines Lebens. Allerdings bringt seine Anwesenheit die angestammten Verhältnisse in vielerlei Hinsicht ins Wanken und so stellen sich ihm bald Neider in den Weg.

Kay Pollak bedient sich in seiner ersten Kinoarbeit seit 18 Jahren einer äußerst reichhaltigen Filmsprache. Die Figuren werden effizient charakterisiert, in kleinen, prägnanten Szenen in ihre soziale Umwelt eingeschrieben. Dabei nutzt der Regisseur alle Mittel aus, die ihm zur Verfügung stehen, um die größtmögliche emotionale Wirkung zu erzielen. Die Kamera ist ständig in Bewegung, fährt nah an die Figuren heran, führt den Zuschauer in die Erzählung. Gerade die einführende Montagesequenz, die den Zuschauer mit Daréus vertraut macht, ist filmisch brillant, verknüpft virtuos mehrere Zeitebenen in wenigen Einstellungen zum schillernden Künstlerportrait. In ähnlicher Weise entwirft der Regisseur das zwar klischeetriefende, jedoch in sich stimmige Bild einer nordschwedischen Provinzgemeinde und ihrer Bewohner, welche unter der durch die protestantische Kirche bestärkten Doppelmoral zu leiden haben. Der Pfarrer etwa predigt wider Unmoral und fordert Demut, während er gleichzeitig Pornozeitschriften versteckt, ohne die ihm ein erfülltes Sexualleben nicht möglich wäre, ein jähzorniger Lastwagenfahrer, der seine Frau schlägt, wird von der gesamten Dorfgemeinschaft gedeckt. Erst dem Neuankömmling Daréus gelingt es, mit Unterstützung der wahrhaft engelsgleichen Lena die Fesseln der Ignoranz zu lösen. Doch dieser musikalische Messias hat auch mit der eigenen Vergangenheit zu kämpfen, muss sich immer noch als Künstler in der Welt positionieren und findet erst weit entfernt von seinem gewohnten, mondänen Umfeld seine Erfüllung.

Wie im Himmel

Wie im Himmel erzählt also eine doppelte Erlösungsgeschichte, sowohl das Individuum als auch die Gemeinschaft werden von allen irdischen Qualen befreit und verpackt diese Erzählung in einen rauschhaften Bilderbogen, welcher den Zuschauer nicht überzeugen, sondern überwältigen möchte. Denn leider nutzt der Regisseur seine technische Meisterschaft ausschließlich dazu, naive Sentimentalitäten zu evozieren, die so abgeschmackt sind, dass vor allem die zweite Hälfte des Films nur schwer zu ertragen ist. Ob Behinderung, Gewalt in der Ehe oder sexuelle Probleme, in Wie im Himmel kann jede Schwierigkeit mit Hilfe der Musik beseitigt werden. So positioniert sich Pollack in einem esoterischen Niemandsland irgendwo zwischen heidnischen Fruchtbarkeitskulten und christlicher Erlösungslehre. Die Musik ermöglicht die allumfassende Katharsis, löst den Menschen aus seinem Alltag, versöhnt ihn mit sich selbst und seinen Mitmenschen. Der Film reduziert Konflikte aller Art auf atmosphärische Unstimmigkeiten, die sich in Luft auflösen, wenn sich alle an den Händen halten und ihrem Innersten Ausdruck verleihen. Selbst den Verstocktesten schenkt der Chorgesang zumindest die Ahnung der Erlösung, er überwindet Alters-, Klassen- und Geschlechtergrenzen und verwandelt sich in einen alles mitreißenden Strom, der jede Ungerechtigkeit beseitigt. Ach, wenn es doch so einfach wäre.

Wie im Himmel

Bei seinem Versuch, das schwedische Kino den großen Gefühlen zu öffnen ist Pollak weit über das Ziel hinaus geschossen. Gegen Ende des Films schleichen sich vermehrt fragwürdige Untertöne ein in diese immer etwas zu dick auftragende Märchenerzählung. Denn in Pollacks Welt, in der Musik Menschen aller Altersgruppen zu einer gefühlsüberladenen Einheit zusammenfügt, bleibt kein Platz für Diejenigen, die sich dieser Metareligion verweigern wollen. Daréus’ Sangesgemeinde erscheint nur allzu oft als eine fanatisierte, bekehrungswütige Sekte und das Schlussbild der nun länderübergreifenden Ekstase erscheint nicht etwa als Dämmerung des Paradieses auf Erden sondern erweckt eher Assoziationen zu Massenveranstaltungen im Dritten Reich oder in anderen Diktaturen. Auch auf Reichsparteitagen wurde lauthals gesungen. Erlösung gefunden hat dadurch jedoch niemand.

Kritik von Lukas Foerster

Fotos: © Prokino

Veröffentlicht am 13.10.2005



Film-Angaben:

Titel: Wie im Himmel (Så som i himmelen)
Schweden 2004
Laufzeit: 125 Minuten

Regie: Kay Pollak
Drehbuch: Kay Pollak, Anders Nyberg, Ola Olsson, Carin Pollak, Margaretha Pollak
Produktion: Anders Birkeland, Göran Lindström
Darsteller: Michael Nyqvist, Frida Hallgren, Helen Sjöholm, Lennart Jähkel, Ingela Olsson, Niklas Falk, Per Morberg

Kinostart: 20.10.2005



DVD-Angaben:

Titel: Wie im Himmel
Vertrieb: Paramount Home Entertainment
Bild: , k.A.
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Schwedisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Schwedisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 127 Minuten

Extras: kein Bonusmaterial

Der Vertrieb gibt das Bildformat mit Widescreen an. Zeitgleich zum Start der Kauf-DVD erscheint im Verkauf eine 2-Disc-Special Edition mit folgenden Extras: Trailer; Making Of; Interview mit Kay Pollak (Regie), Frida Hallgren & Michael Nyqvist (Darsteller); Biografie Tafeln; Lenas Song (mit Text Einblendung); Gabriellas Song (mit Text Einblendungen).

Verleih ab: 07.09.2006
Verkauf ab: 21.09.2006





 




Kommentare

 

günter

Donnerstag, 25-12-08 21:30

Der Film ist ein Märchen, mit Engeln und Teufeln. Manche Teufel lassen sich bekehren, andere nicht. Offensichtlich ertragen es manche Kritiker nicht, mit Märchen konfrontiert zu werden. Anspielungen auf Nazi-Veranstaltungen sind lächerlich und durch nicht im mindesten gerechtfertigt.

Martin Zopick aus Höchberg

Donnerstag, 25-12-08 18:04

Der todkranke, ausgebrannte, weltberühmte Dirigent Daniel versucht einen Neuanfang im Dorf, in dem er geboren wurde. Hier treffen wir alle diese typischen Bewohner, die man so von anderswo her kennt: der verklemmte Pfarrer, der saufende Raufbold, der seine Frau schlägt, das blaustrümpfige Fräulein Mauerblümchen, den behinderten Dorfdeppen und Lena, die die Männer wechselt, wie andere die Hemden. Wie mehr ...

Annelie aus Tamsweg

Mittwoch, 17-09-08 23:54

Also bitte, der Kritiker Lukas Förster will doch nur die Menschen zum nachdenken und diskutieren bringen. Es geht nicht darum, was er schreibt, sondern was er damit auslöst! Wer selbst singt, weiß natürlich, dass Musik Menschen in andere Schwingungen versetzt und Heilung bringt. Weshalb wird die Kitschseite des Lebens denn so negativ beleuchtet? Wer traut sich nicht romantisch und gefühlsbetont mehr ...

Moribund

Sonntag, 18-05-08 23:37

Meine Güte, Lukas Förster. Die Musik, die "alle erlöst", ist in diesem Film als Metapher zu verstehen. Wofür, wäre das eigentlich erörternswerte Thema für eine Filmkritik gewesen. Wenn man das nicht begreift, dann muss man einen solchen Film wohl in der Tat in die Nähe von "Ideologie" rücken.

S.Gimm

Freitag, 22-02-08 08:56

Ich bin froh, kein Filmkritiker zu sein! Ein wunderschöner Film. Alle Opulenz dieser Welt darf aufgewendet werden um mit filmischen Mitteln zu rühren. Wie im Himmel ist so fern von Kitsch und Nationalsozialismus wie der Herr Kritiker vom Verzicht auf Zwangspolemik.

schwandrup

Mittwoch, 20-02-08 15:55

ich habe wie im himmel gesehen. luckas förster kenne ich nicht. noch fragen???ß

michalka

Mittwoch, 23-01-08 10:15

Lieber Herr Foerster, ich lebe in einem kleinen Dorf in Bayern und glauben Sie mir, diese Figuren und die Anhäufung solcher Charaktere ist nicht übertrieben sondern Realität. Genau aus diesem Grund nämlich hat mich dieser Film so angesprochen. Weil es ein Abbild der Gesellschaft ist. Die der ländlichen möglicherweise noch mehr. Weil Behinderte nicht integriert sondern versteckt werden. Weil mehr ...

Thomas Kniese

Donnerstag, 10-01-08 17:17

Dieser Film ist für mich einer der besten Filme, die ich bisher gesehen habe. Warum? Weiss ich eigentlich nicht wirklich, denn sollte ich den Inhalt jemandem erzählen, würde es wie eine triviale Geschichte klingen, vielleicht auch geprägt durch eine Anhäufung von Klischees. Aber diesen Film zeichnet etwas anderes aus, was für mich nicht genau definierbar, nur spürbar ist. Vielleicht weil er mehr ...

Kätzele

Sonntag, 04-11-07 23:29

Ich bin lange nicht dazu gekommen, den Film anzuschauen, habe mich dann jedoch aufgemacht, nachdem er mir von sehr unterschiedlichen Seiten heiß empfohlen wurde. Ein Mann war 17 Mal in dem Film! Und ich? Ich habe schon das eine Mal nur mit Mühe überstanden. Schöne Musik, ohne Zweifel, gute Schauspieler, keine Frage, aber das ganze ist mir zu pathetisch, zu überzogen, ein dauernd winselnder mehr ...

Frank Rosenkranz

Donnerstag, 13-09-07 11:53

am Ende des Films verweilte das gesammte Publikum im Vorführraum. Nach einer Weile, der Nachspann war schon beendet, standen einige emotional sehr bewegte Zuschauer auf und applaudierten, wir alle schlossen uns an! Noch Fragen???

 

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