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Palermo Shooting

Wim Wenders schickt den Toten-Hosen-Sänger Campino auf eine zähe Sinnsuche nach Sizilien und präsentiert ausgelutschtes Kunstkino.

Palermo Shootingzoomicon

Wim Wenders hat einen neuen Film gedreht. An der Cote d'Azur ist das offensichtlich immer noch Grund zur Vorfreude, weshalb Palermo Shooting beim diesjährigen Cannes Filmfestival im Wettbewerb Premiere feiern durfte. Wenders war dort zum inzwischen neunten Mal eingeladen, 1984 gewann er mit Paris, Texas die Goldene Palme. Bei Presse und Besuchern fiel sein neues Werk durch. Um 20 Minuten gekürzt kommt es nun in die deutschen Kinos.

Wenders erzählt eine Art metaphysische Aussteigergeschichte: Finn (Tote-Hosen-Sänger Campino in seiner ersten tragenden Kinorolle) befindet sich nach dem Tod seiner Mutter in einer Lebenskrise. Der international erfolgreiche Fotograf schläft schlecht in letzter Zeit. Sein Partylifestyle füllt ihn nicht mehr aus, sein Galerist drängt ihn, die Modewelt zugunsten der Kunsthändler hinter sich zu lassen, ständig klingelt das Telefon. Ein knapp verhinderter Autounfall ist schließlich der Auslöser für Finns Flucht aus den Zwängen seines Alltags. Nach einem Modeshooting in Sizilien klinkt er sich und sein Handy aus. Ziellos streift er durch die Straßen Palermos, die Kamera um den Hals, den Mp3-Player im Ohr. Auf seinen Wanderungen begleitet ihn ein mysteriöser Beobachter (Dennis Hopper), der sich sehr schnell als der Tod in Person herausstellt. Bald wird klar, dass der Sensenmann es auf Finn abgesehen hat.

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Das filmische Genre, in dem Wim Wenders sich immer mit der größten Leichtigkeit und Virtuosität bewegt hat, ist das Roadmovie. Seine Affinität zu dieser filmischen Gattung kann man nicht zuletzt am Namen seiner Produktionsfirma ablesen. Palermo Shooting fällt ebenfalls in diese Kategorie, auch wenn Finn seine Reise, die wie immer im Genre auch eine Reise zu sich selbst ist, nicht wie sonst üblich auf dem Highway und im Auto, sondern zu Fuß in den Gassen Palermos antritt. Doch ruht sich Wenders in seinem inzwischen 23. abendfüllenden Spielfilm zu sehr auf seinem eigenen, mittlerweile etwas angestaubten Kinoentwurf aus. Das Gespür für poetische Landschaftsaufnahmen, die Langsamkeit, mit der er sich in seinen besten Filmen seinen Figuren näherte und seine ausgeprägte Musikkennerschaft, die immer wieder großartige Soundtracks hervorbrachte, all das wird in Palermo Shooting zum prätentiösen Selbstzweck. Spätestens bei der fünften von unzähligen Szenen, in denen über Finns Kopfhörer eingespielte, von Tod und Leben handelnde Songs bedeutungsschwanger die Bilder kommentieren, steigt man aus. Beim zigsten Mal langweilt es schlicht, Finn beim Schlendern übers Kopfsteinpflaster zuzuschauen. Einige Aufnahmen der sizilianischen Hauptstadt sind atemberaubend, doch Campino steht irgendwie verloren in den Bildern, hat der visuellen Kraft der Landschaft schauspielerisch nichts entgegenzustellen.

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Es ist aber vor allem der unbedingte Wille zur Ausformulierung jeder, aber auch jeder kleinsten Nuance des Seelenlebens seines Protagonisten, die dem Film endgültig ein Bein stellt. Bilder vom mit leerem Blick aus dem Fenster starrenden Finn werden mit dessen sonorer Stimme unterlegt, die aus dem Off darüber sinniert, dass die Zeit viel langsamer vergangen sei, als er noch ein Kind war. Campino raunt seine belanglosen Monologe heraus, als könnte die gepresste Aussprache ihnen irgendeine tiefere Bedeutung einhauchen. Diese übermäßige Ernsthaftigkeit führt zu vielen unfreiwillig komischen Szenen. Da erscheint Finn zum Beispiel der Geist von Lou Reed in einer Kneipe, rezitiert mit ernster Miene einen Songtext und fordert den ausdruckslos aus der Wäsche schauenden Fotografen auf, sich seinen größten Ängsten zu stellen. Oder der Tod lässt sich über die Unterschiede zwischen analoger und digitaler Fotografie aus. Man mag sich nicht vorstellen, was Patti Smith hätte verkünden dürfen – die Sängerin wurde in einigen Berichten noch als Besetzungsmitglied geführt, fiel dann aber offensichtlich der Schere zum Opfer. Kurzauftritte bekannter Gesichter gibt es auch so zu Genüge: Inga Busch, Sebastian Blomberg, Milla Jovovich oder auch Jana Pallaske sind mehr oder weniger kurz präsent.

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Sie bilden das Arsenal der vielen Personen, denen Finn auf seinen Spaziergängen begegnet und die sich gegenseitig im herunterbeten von Kalendersprüchen zum Sinn des Lebens überbieten. Ein Börsenmakler (Udo Samel), der sein Büro gegen die Düsseldorfer Rheinauen getauscht hat, in denen er frühmorgens in Anzug und Fliege Schafe hütet, darf Finn etwa den Satz „Man sollte alles ernst nehmen, nur sich selbst nicht“ mit auf den Weg geben. Währenddessen graut hinter ihm der Morgen, die Wiesen sind saftig grün, die Schafe blöken, der Schäferhund bellt – es könnte die perfekte Karikatur von Idylle sein. Könnte, doch Wim Wenders selbst befolgt den Rat nicht, den er seinem Freizeitschäfer in den Mund legt. Es sind die ganz großen Themen, die Wenders in Palermo Shooting verhandelt: Das Leben, die Zeit, der Tod. Kurz gesagt, es geht um die Existenz – da bleibt wenig Platz für Selbstironie.

Kritik von Ulrich Ziemons

Foto: © Senator

Veröffentlicht am 30.09.2008



Film-Angaben:

Titel: Palermo Shooting (Palermo Shooting)
Deutschland 2008
Laufzeit: 108 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders, Norman Ohler
Produktion: Wim Wenders, Jeremy Thomas, Peter Schwartzkopff
Darsteller: Campino, Dennis Hopper, Giovanna Mezzogiorno, Milla Jovovitch, Sebastian Blomberg, Lou Reed, Jana Pallaske, Udo Samel, Inga Busch
Kamera: Franz Lustig
Musik: Irmin Schmidt
Schnitt: Peter Przygodda

Kinostart: 20.11.2008

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DVD-Angaben:

Titel: Palermo Shooting
Vertrieb: Universum
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 104 Minuten

Extras: Audiokommentar des Regisseurs; Making of (45 Minuten); Deleted Scenes; Interviews; Cannes Premiere Clips; Soundtrack Clips

Verleih ab: 13.05.2009
Verkauf ab: 12.06.2009





 




Kommentare

 

Thomas

Sonntag, 16-11-08 00:40

Hallo Herr Ziemons, filmkritik ist meist nicht nur berechtigt sondern wahrscheinlich auch essentiell. Was mich an Filmkritike immer nervt - wie auch bei ihrer - sind die immer wiederkehrenden und gängigen klischees auf die man bei vielen schreibern trifft. nicht das die qualität ihrer formulierung und wortwahl leiden würde, keineswegs, der inhalt ihrer aussage ist mindestens genau so leer wie mehr ...

 

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