Orphan - Das Waisenkind
There's nothing wrong with being different, is there? Als sich das Ehepaar Coleman die kleine Esther ins Haus holt, ahnen sie noch nicht, dass damit auch der Terror Einzug hält.
Der Film beginnt mit den blutigen Bildern einer Geburt in einem dunklen OP-Saal. Erst als Kate Coleman (Vera Farmiga) schweißgebadet erwacht, werden die surrealistischen Szenen eindeutig als Traum und Trauma ausgewiesen. Kate hat ihr Kind verloren. Um dennoch ein drittes Kind zu bekommen und ihrem Sohn Daniel (Jimmy Bennett) und ihrer Tochter Max (Aryana Engineer) eine Schwester zu schenken, wollen sie und ihr Mann John (Peter Sarsgaard) ein kleines Mädchen adoptieren. In einem katholischen Waisenhaus lernen sie die außergewöhnliche Esther (Isabelle Fuhrman) kennen, die vor allen von John direkt ins Herz geschlossen wird. Esther, eine aus Russland stammende Waise, die erst vor kurzem bei einem Hausbrand ihre letzten Adoptiveltern verlor, scheint ein intelligentes, höfliches und talentiertes Mädchen zu sein. Und doch bleibt sie anders als die anderen. Im Haus schließt sie sich verbissen im Badezimmer ein, malt augenscheinlich für ihr Alter viel zu reife Bilder und schleicht wie ein Schatten durch die Flure. Erst als Kate Zweifel an der Kleinen kommen und der Verdacht sich erhärtet, dass sie und ihre Familie in Gefahr sind, versucht sie sich von Esthers Einfluss zu befreien. Doch diese lässt sich nicht so leicht aus dem einmal gewonnen familiären Glück verdrängen, selbst wenn sie dabei über Leichen gehen muss.
Erinnerungen an Horrorfilme wie Das Omen (The Omen, 1976), sein Remake aus dem Jahr 2006 und Kinder des Zorns (Children of the Corn, 1983) werden auch bei Orphan schnell wachgerufen, ist es doch einmal mehr das Kind, welches als Projektionsfläche für das Unheimliche herhalten muss. Das Kind als Mörder und Monster gehört dabei schon seit etlichen Jahren zum festen Inventar des Horrorfilms, vereint es doch in gekonnter Weise Ängste und Hoffnungen auf sich. Gerade wenn es sich dann noch um ein Kind handelt, dessen Ursprung im wörtlichen Sinne im Unklaren liegt. Esther reiht sich dabei perfekt in eine Genealogie, die mit Damien ihren Ursprung nahm. Doch anders als der kleine Teufel hat Esther keine übernatürlichen Kräfte auf ihrer Seite oder Verwandtschaftsbeziehungen ins Jenseits. Sie ist intrigant, hinterhältig, manipulativ und mordet auf natürliche Weise, dabei stets mit einem zynischen Lächeln und kalter, ausdrucksloser Mine.
Das Kind als Monster verbindet sich aber nun noch mit einem anderen Narrativ des Horrorkinos (und darin ist der Film reichlich reaktionär): Dem Angriff auf das eigene Haus, dem Rückzugsort des Familiären. Zwar wurde dies in der Form der US-amerikanischen Suburbs schon 1978 von John Carpenters Halloween – Die Nacht des Grauens als hinfälliger Ort der Ruhe entlarvt, dennoch hat der Einbruch des Unheimlichen ins Heimische seine Wirkungskraft nicht verloren. Hier trifft es sich, dass das Haus der Colemans auf einer Anhöhe alleine und ohne Nachbarn in einem Waldgebiet verortet ist. Die Familie ist also für sich und sie ist alleine. Was vielleicht in ruhigeren Tagen gewünscht war, wird im Film zur tödlichen Falle. Die klirrende Kälte des Winters und die kahlen Bäume schaffen dabei noch eine zusätzliche Form der kargen Isolation, wenn der Blick aus dem Fenster nur weiße Landschaft zeigt. Erfreulich, dass Coller-Serra seit House of Wax (2005) in Punkto Bildkomposition deutlich an Profil hinzugewonnen hat.
Dramaturgisch bietet sein Film an manchen Stellen weitaus weniger. So wird nicht eindeutig klar, warum die Familie Coleman überhaupt noch ein Kind adoptieren will und wie dies die Familie zusammen halten soll. Auch die frühere Alkoholsucht von Kate – die immerhin dafür verantwortlich ist, dass Max seit einem Unfall halb taub ist – kann nicht wirklich überzeugen, auch wenn sie später narrativ ins Feld geführt wird, um ihre Sorgen in Bezug auf Esther als Wahnideen und als Resultat eines Rückfalls zu bezeichnen. Selbst wenn Vera Farmiga die gebrochene Frau über ihre Mimik durchaus gekonnt spielt, bleibt deren Motivation in weiten Teilen des Films für den Zuschauer nicht nachvollziehbar.
Überraschend gut sind hingegen die schauspielerischen Leistungen der Kinderdarsteller, allen voran Aryana Engineer, die als niedliches Gegenstück von Esther inszeniert ist, und Isabelle Fuhrmans Esther selbst, die mittels eines – zumindest in der Originalversion vorhandenen – russischen Akzents den Einbruch des Fremden auch auf der Dialogebene fortführt.
Orphan ist ein ruhig beginnender Film, der seine Spannungskurve erst langsam aufbaut, um dann schnell vom leisen Horror ins nackte Grauen zu wechseln (und nebenbei auch den seit den Filmen M. Night Shyamalan nötigen und hier deutlich überzeugenden Twist aufweist). Dass Esthers Irrsinn dabei an manchen Stellen ein wenig holzhammerartig wirkt, mag durchaus zu verzeihen sein.
Kritik von Tobias Haupts
Fotos: © Kinowelt
Veröffentlicht am 14.09.2009
Film-Angaben:
Titel: Orphan - Das Waisenkind (Orphan)
USA 2009
Laufzeit: 123 Minuten
Regie: Jaume Collet-Serra
Drehbuch: David Leslie Johnson
Produktion: Joel Silver, Susan Downey, Jennifer Davidsson Killoran, Leonardo DiCaprio
Darsteller: Vera Farmiga, Peter Sarsgaard, Isabelle Fuhrman, CCH Pounder, Jimmy Bennett, Margo Martindale, Karel Roden, Aryana Engineer
Kamera: Jeff Cutter
Musik: John Ottman
Schnitt: Tim Alverson
Kinostart: 22.10.2009
Verwandte Filme:
- House of Wax - USA, Australien 2005; Regie: Jaume Collet-Serra
- Goal II - Großbritannien 2007; Regie: Jaume Collet-Serra
DVD-Angaben:
Titel: Orphan - Das Waisenkind
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Interviews; Mamas kleine Teufel: Böse Saat und fiese Kinde; Geschnittene Szenen und alternatives Ende
Verleih ab: 23.02.2010
Verkauf ab: 18.03.2010
Kommentare
Clooney66 aus Köln
Donnerstag, 05-11-09 15:10
Angie aus Pb
Mittwoch, 04-11-09 16:41
Hallo! Was haltet ihr von der Schauspielbesetzung? Ist soetwas einem Kind zuzumuten? Sie spielt ihre Rolle verdammt gut, aber Erstechen, Erschießen, Erschlagen, Verbrennen? Einer der besten Filme, die ich gesehen hab.. im Genre Psycho-Thriller jedenfalls!
Jennifer
Dienstag, 03-11-09 01:42
Ein wirklich sehr gelungener Film! Sehr spannend und überhaupt nicht durchschaubar. Ich war richtig geschockt bei der ersten brutalen Szene, weil ich das echt nicht vermutet habe & dann der Schluss der alles aufdeckt. Hab ich absolut gar nicht mit gerechnet ! Würde ihn mir auf jeden Fall ein zweites mal angucken ! :)
Bruce Lee
Dienstag, 27-10-09 20:15
Der Film fängt etwas Harmloss an. Mann denkt dann naja mann kennt schon die geschichte man kann sie sich denken. Selbst als das kleine am anfang höfliche Mädchen anfängt aus zu rasten. Doch dann nimmt der Filme éine ganz andere Wende. Und der Schluss übertrifft dann alles. Ein sehr gelungener Psycho Thriller. Eine schlechte kritik an diesen Film kann ich nicht verstehen.
maggy
Dienstag, 27-10-09 00:46
Gute Kritik.
Alfred de Fontaine
Montag, 26-10-09 01:22
Zuerst war ich höchst erfreut über die gelungene Darstellung eines hochintelligenten Mädchens, welches eine unbedingte Liebe zum Leben an den Tag legte und ergo durch eine überragende Intelligenz bestach. Die Konfliktsituation, in welcher sie sich befand, schien auf subtile Art und Weise exorbitant dargestellt (eine Reise in die Philosophie Friedrich Nietsches mit dem Willen zur Macht (in diesem mehr ...
Jojoone aus Hamburg
Mittwoch, 14-10-09 13:12
Ich konnte mir diesen Film bereits während des Fantasyfilm Fests anschauen und fand den sher gut. Besonder die kleine Hauptdarstellerin macht einen fantastischen Job. Ich würde mal sagen 08 von 10 Punkte.
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Wie ein sensibles Drama beginnt der Film, indem er sich ausführlich der Familiensituation einer alkoholsüchtigen Mutter und einem fast taubstummen Kind zuwendet. Bis zur Adoption des Waisenkinds Esther deutet kaum etwas auf einen Psychothriller hin. Der Mittelteil wiederum ist einigermaßen unterhaltsam. Vieles kennt man zwar schon aus anderen Filmen, immerhin entwickelt sich die Handlung solide mehr ...