John Rabe

Oskar Schindlers Bruder im Geiste.

John Rabezoomicon

Eine riesengroße Hakenkreuzfahne als schützendes Dach. Regisseur Florian Gallenberger setzt das irritierende Bild schon früh in Szene. Sein John Rabe passt zu einer Berlinale, auf der über Stephen Daldrys nicht immer stimmigen aber doch effektiven Der Vorleser (The Reader) vornehmlich als Holocaust-Film diskutiert wird. Nicht nur dort, sondern auch in Michael Glawoggers Das Vaterspiel werden die Zuschauer mit Kriegsverbrechern konfrontiert, die nicht auf ihre Täterrolle reduziert werden, sogar teilweise als Sympathieträger dienen.

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John Rabe verkörpert noch viel eindeutiger den guten Nazi. Um ihn nicht darauf zu beschränken und gleichzeitig der so problematischen wie komplexen historischen Figur gerecht zu werden, müht sich Gallenberger deutlich um Zwischentöne. Das wird ihn vor Kritik nicht schützen, wenn man den Fall Operation Walküre als Gradmesser heranzieht. Auch Bryan Singers technisch perfekter Genrefilm, der recht wenig psychologisiert und pathetische Momente angesichts des Sujets einer Heldengeschichte eher in homöopathischen Dosen verabreicht, musste sich angreifen lassen. John Rabe ist im Gegensatz zu Operation Walküre allerdings nicht handwerklich perfekt.

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Das Ensemble, allen voran Ulrich Tukur in der Titelrolle, versucht aufopferungsvoll gegen die inszenatorischen Misstöne anzuspielen – ein hoffnungsloses Unterfangen. A propos Misstöne: Gäbe es eine goldene Himbeere für den schlechtesten Score des Jahres, wäre John Rabe hiermit nominiert. In den dramatischen Momenten schwillt die Orchestermusik regelmäßig an, hier wird mal mit Streichern, mal mit Pauken und Trompeten gearbeitet, nur garantiert nicht subtil. In den unangenehmsten Momenten wird von den Figuren „For he is a jolly good fellow“ angestimmt. Das hat am Ende etwas von Club der toten Dichter (Dead Poets Society, 1989). Das Bad in der Menschenmenge erspart uns Gallenberger auch nicht.

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Warum all das? Weil John Rabe, deutscher Leiter der Siemens-Fabrik in Nanking 1937 beim Einmarsch der japanischen Truppen zuerst seine Belegschaft schützte und dann maßgeblich an der Einrichtung einer neutralen Zone beteiligt war. Ein Held wider Willen und dann eben doch ein Nazi, der ständig auf Hilfe von Hitler hofft. Weshalb ihn der amerikanische Arzt Dr. Wilson, den Steve Buscemi schon fast als Karikatur seiner selbst und vielleicht seiner ganzen Nation, verkörpern muss, bis kurz vor Schluss auch nicht akzeptiert. Bis er einsieht, dass es eben doch gute Nazis gibt.

Kritik von Sascha Keilholz

Fotos: © Majestic

Veröffentlicht am 17.02.2009



Film-Angaben:

Titel: John Rabe (John Rabe)
Deutschland, Frankreich, China 2009
Laufzeit: 134 Minuten

Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Florian Gallenberger
Produktion: Mischa Hofmann, Jan Mojto, Benjamin Herrmann
Darsteller: Ulrich Tukur, Daniel Brühl, Anne Consigny, Steve Buscemi, Dagmar Manzel, Zhang Jingchu, Teruyuki Kagawa, Gottfried John
Kamera: Jürgen Jürges
Musik: Annette Focks
Schnitt: Hansjörg Weißbrich

Kinostart: 02.04.2009

Verwandte Filme:



DVD-Angaben:

Titel: John Rabe
Vertrieb: 20th Century Fox
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 129 Minuten

Extras: „Ein vergessener Held“ – Making-of; „Und der Gewinner ist...“ – Featurette Deutscher Filmpreis; Visual Effects-Making-of Audiokommentar mit Ulrich Tukur, Daniel Brühl, Anne Consigny, Regisseur Florian Gallenberger, Produzent Benjamin Herrmann und Creative Assistant David Dietl; Entfallene Szenen (mit Kommentar von Florian Gallenberger); Original Kinotrailer

Verleih ab: 11.09.2009
Verkauf ab: 02.10.2009





 




Kommentare

 

Cafe Critique

Montag, 27-04-09 19:07

Leider geht diese Filmkritik nur unzureichend auf das historische Zerrbild ein, das dieser Film herstellt. http://www.hinterland-magazin.de/pdf/10-84.pdf

Peter

Montag, 09-03-09 23:01

Also ich weiß nicht, welchen Film Euer Autor da gesehen hat, "John Rabe", der auf der Berlinale mit endlosem Applaus gefeiert wurde, war's offenbar nicht... Mut zu großen Bildern und großen Gefühlen vorzuwerfen, ist arg deutsch - es kann ja nicht nur Petzold-Filme geben, oder? Vor allem der gewiss zwiespältigen Hauptfigur wird der Film gerecht - ein politisch naiver Mensch, der Deutschland 30 mehr ...

Frédéric

Freitag, 20-02-09 00:41

Vielen Dank für den Hinweis! Der Fehler ist korrigiert.

Raymond aus Lausanne

Donnerstag, 19-02-09 22:11

Wen Sie von Dead Poet's Cociety schreiben, meinen Sie doch etwa Dead Poets Society, oder?

 

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