Hangover
Vier Freunde, Las Vegas und die letzte Nacht vor der Ehe: Hangover ist eine durch und durch konventionelle Komödie – aber keine durch und durch schlechte.
Es gibt da eine Reihe amerikanischer Rituale, die medial in derartiger Breite zelebriert werden, dass es den durchschnittlichen Mitteleuropäer oft recht stutzig macht. Besteht denn das Heranwachsen im großen Land der Freiheit essenziell aus einer Folge hemmungsloser hedonistischer Gelage? Spring Break, College-Party, Prom-Night: Im Gefolge von American Pie (1999) entwickelte sich Ende des letzten Jahrtausends gar ein eigenes Genre um die Exzesse und pubertären Selbstfindungsprozesse amerikanischer Mittelstandskids.
Todd Phillips schuf mit Road Trip (2000) eines der kanonischen Werke der neueren US-Komödie zwischen MTV Cribs und Ivy League Campus. Doch das Genre ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Und während Phillips mit Old School (2003) noch versuchte, der Unausweichlichkeit des Alterns durch eine nostalgische Rückkehr in die Welt der Uni-Verbände und volltrunkenen Teenagergirls zu entfliehen, folgt jetzt mit Hangover (The Hangover) der nächste Schritt im Retortenleben: Hochzeit und Familienglück. Und, vor allem, das adäquate Exzessritual: der Junggesellenabschied.
Es schrillen also die Alarmglocken in den höheren Gefilden des Verstandes; und wenn sich die feierwütige Männerschar auch noch nach Las Vegas aufmacht, um dem Abschied des Kumpanen in die Monogamie (für den virilen Endzwanziger in Phillips Welten DER Memento mori schlechthin) zu begießen, scheinen alle Weichen auf ein Bombardement der Geschmacklosigkeiten zu stehen. Und, um schon mal die Spannung zu nehmen: Hangover ist genau die Aneinanderreihung von zotigen Blödeleien, die man erwarten durfte. Aber an Originalität und Komplexität ist es einem Film wie Hangover selbstverständlich nicht gelegen. Stattdessen stellt sich viel eher die Frage, ob er die Zielgruppe verfehlt oder bedient. Und da gilt dann unbedingt Letzteres.
Ganz wesentlich verdankt der Film seine Qualitäten als Crowdpleaser der witzigen Ausgangsituation. Las Vegas, Junggesellen, Drogen: schön und gut. Aber was, wenn sich niemand an den großen Abend erinnert? Und wenn obendrein das Hotelzimmer verwüstet, die Körper geschunden und der baldige Bräutigam verschollen ist? Die Story reiht im Folgenden mal mehr, mal weniger witzige Szenen auf der Suche nach dem Freund und der Erinnerung aneinander, zehrt aber bis zuletzt mit Erfolg vom Durst des Zuschauers nach dem Wie und Warum der vertrackten Situation. Und dann stellen sich sogar ganz unerwartete Momente von Tragik und Reue ein, die zwar nie das Feld der heterosexuellen Männerkumpanei verlassen, aber nichtsdestotrotz das Tempo und die Zotendichte angenehm variieren. Projekt erfüllt also, Zielgruppe getroffen. Nächste Station: Midlife Crisis.
Kritik von Nino Klingler
Fotos: © Warner Bros.
Veröffentlicht am 09.07.2009
Film-Angaben:
Titel: Hangover (The Hangover)
USA 2009
Laufzeit: 100 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Jon Lucas, Scott Moore
Produktion: Todd Phillips, Daniel Goldberg
Darsteller: Bradley Cooper, Ed Helms, Justin Bartha, Zach Galifianakis, Heather Graham, Mike Tyson, Ken Jeong, Sasha Barrese
Kamera: Lawrence Sher
Musik: Christophe Beck
Schnitt: Debra Neil-Fisher
Kinostart: 23.07.2009
Verwandte Filme:
- Der Date Profi - USA 2007; Regie: Todd Phillips
DVD-Angaben:
Titel: Hangover
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Spanisch, Englisch für Hörgeschädigte, Niederländisch, Portugiesisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 97 Minuten
Extras: Featurette; Gag Reel; Kino-Trailer; Music Only Track
Verleih ab: 04.12.2009
Verkauf ab: 04.12.2009
Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen Sie unseren Regeln zu.
- Die besten Filme des Jahrzehnts
- Abstimmung: Bester Film des Jahrzehnts
- Top Ten 2009
- Top Ten 2008
- Einführung












Das Publikum lediglich "bedient"? Mag schon sein. Aber wenn das erwartete Menü dann doch so reich, skurill und unerwartet daherkomt, dann lasse ich mir das gern gefallen. Der Film hat ein ungeheures Tempo, das zwar zwischenzeitlich ein wenig runtergefahren wird, dafür zum Ende hin wieder mächtig Fahrt aufnimmt. Auch die IMDB-Wertung mit 8.3 (für eine Komödie!!) spricht für sich. So gesehen tatsächlich mehr ...