Is This Thing On? – Kritik
Bedingungslos umarmt werden Neulinge auf den Stand-Up-Bühnen, auf denen Bradley Coopers Is This Thing On? in Teilen spielt. Leider vergisst der Film nicht nur in diesen Szenen, dass man sich die Gunst seines Publikums erarbeiten muss.

„Just talk to them.“ Rede einfach mit ihnen. So die aufmunternde Anweisung, die Alex Novak (Will Arnett) von einer Angestellten des Comedy Cellars erhält, kurz bevor er zum ersten Mal in seinem Leben eine Stand-Up-Bühne betritt. Nur zufällig war er an der legendären New Yorker Kellerbühne vorbeigekommen und nur aus einer spontanen Laune heraus hatte er sich entschlossen, an dem gerade stattfindenden Open-Mic-Abend teilzunehmen, an dem alle, die wollen, egal wie unerfahren, für fünf Minuten vor das Publikum treten können, um ihr komödiantisches Talent zu beweisen.
Ganz so spontan, wie es zunächst erschien, war Alex’ Laune vielleicht doch nicht, denn aufgrund seiner Lebenssituation hat er momentan tatsächlich ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis: Seine Ehe ist nach 20 Jahren zerbrochen, orientierungslos versucht er sich zwischen dem neuen Single-Dasein und den regelmäßigen Besuchen bei seinen Kindern zurechtzufinden. Es ist eine große Erleichterung für ihn, vor seinem Auftritt zu hören, dass er nichts weiter tun muss, als sein aufgewühltes Inneres nach außen zu kehren. Er muss auf der Bühne nichts darstellen oder gestalten, er muss einfach nur erzählen. Und tatsächlich: auf jeden seiner Sätze, ob nun komisch oder nicht, reagiert das Publikum mit einem wohlwollenden, warmen und vor allem konstanten Lachen.
Jeder ist willkommen!

Es ist eine bedingungslose klangliche Umarmung, die Alex in Bradley Coopers drittem Spielfilm Is This Thing On? auf der Stand-Up-Bühne erfährt. Ebenso umstandslos wird Alex nach dem Auftritt in den Kreis der anderen Comedians aufgenommen: Schon am ersten Abend darf er an ihrem Stammtisch Platz nehmen, wird direkt in ihre vertrauten Gespräche eingebunden, erfährt ihre vorbehaltlose (wenn auch neckende) Unterstützung. In Coopers Darstellung hat diese nächtliche, unterirdische Parallelwelt etwas Idyllisches – das warme Licht, die engen Alkoven der Tische, die ungezwungene Lebendigkeit der Unterhaltungen und vor allem die Unmittelbarkeit, mit der man als Neuankömmling seinen Platz findet. Man denkt an Kafkas berühmtes Naturtheater von Oklahoma: Jeder ist willkommen!
Aber ein Idyll ist ein statischer Zustand und Is This Thing On? gelingt es nicht, das warmherzige Umfeld, das er zu Anfang so eindringlich zeichnet, mit lebensnahen Komplikationen zu füllen. Alex findet zwar schnell Gefallen an seiner neuen Tätigkeit und schon bald reiht sich ein Auftritt an den nächsten. Aber er begegnet dabei keinerlei Hindernissen, erleidet keinerlei Rückschläge, wird nicht von sichtbarer Unsicherheit geplagt. Auch wenn Alex in seine Erzählungen auf der Bühne ein paar pointen-artige Schlenker einbaut – wirklich komisch sind sie nicht, stattdessen leben sie ganz von der Offenheit, mit der er in ihnen sein Seelenleben ausbreitet. In diesen Szenen fehlt nicht nur die Beobachtung einer methodischen Anstrengung, sondern auch das plötzliche Aufblitzen von Virtuosität oder der Eindruck, dass sich ein inneres Talent schrittweise entfaltet. Vielmehr haftet den Stand-Up-Auftritten bald etwas Unverbindliches an, als wären sie nur ein angenehmes, stressfreies Hobby, das Alex zur Beruhigung seiner inneren Dämonen für sich entdeckt hat.
Diffuse Leidenspose

Die ganze Stand-Up-Welt verkommt in Is This Thing On? zu etwas rein Dekorativem – und es ist durchaus folgerichtig, dass der Film selbst irgendwann das Interesse an diesem Erzählstrang verliert. Ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit rückt stattdessen die tastende Wiederannäherung zwischen Alex und seiner Ex-Frau Tess. Hier gelingen dem Film einige schöne Momente, was vor allem Laura Dern zu verdanken ist: Sie verleiht Tess eine übermütige, ansteckende Neugier, die auch in Momenten der Verzweiflung oder der Wut noch durchschimmert. Die Lebenskrise ist für sie nicht nur ein Schicksalsschlag, dem man heroisch begegnen muss, sondern ebenso ein Anlass zur Freude – eine Möglichkeit, sich selbst und das bis zum Überdruss vertraute Lebensumfeld neu zu entdecken.
Trotzdem verfallen die Szenen zwischen Alex und Tess allzu oft in einen deklarativen Theatermodus, in dem Konflikte nicht ausagiert werden, sondern die Figuren einander wortreich von vergangenen und gegenwärtigen emotionalen Wunden berichten. Es ist Bradley Cooper selbst, der mit seinen Kurzauftritten als verkrachter Schauspieler ein wenig wohltuende Unruhe in den Film eindringen lässt. Mit ständig neuer Frisur irgendwelchen Kleinstrollen hinterherhechelnd, entfaltet seine Figur eine komische Tragik, die Alex in der Interpretation von Will Arnett weitgehend fehlt. Zwar hat Arnett das mühelose Charisma, das Alex’ Stand-Up-Erfolge plausibel erscheinen lässt, aber in den dramatischen Szenen verfällt er zu oft in eine diffuse Leidenspose. Etwas mehr lustvolle Arschigkeit (wie in seiner Rolle als Gob in der Sitcom Arrested Development) oder etwas mehr moralische Selbstzweifel (wie in seiner Rolle als Bojack Horseman in der gleichnamigen Animationsserie) hätten auch Alex gutgetan. Ohne eine derartige innere Widersprüchlichkeit wirken die zahlreichen Szenen, in denen Alex in Tränen ausbricht, wie leeres Pathos. Der Film stellt ähnliche Ansprüche auf unser Mitgefühl wie Alex bei seinen Auftritten auf das Lachen des Publikums – er erwartet, dass frei verschenkt wird, was man sich eigentlich erarbeiten muss.
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