Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ilija Trojanow über Migration und Heimat reisen ein vitaler Großvater und sein Enkel von Deutschland nach Bulgarien – mit dem Fahrrad.
Ein Titel mit der Anmutung eines Haikus und so optimistisch wie ein Werbeslogan: In Die Welt ist groß und Rettung lauert überall gibt es zwar schon nach weniger als fünf Minuten einen schrecklichen Autounfall mit zwei Toten, aber danach tut der Film alles, um dem Schicksal zu entkommen. Doch der Reihe nach.
Die ersten, farbentsättigten Bilder spielen in einem Kreißsaal in Bulgarien in den 70er Jahren: Die Geschichte beginnt also mit einer Geburt, der von Alexander (Carlo Ljubek). Er wird in eine Familie leidenschaftlicher Backgammon-Spieler hineingeboren, seine Heimatstadt, so heißt es, sei die heimliche Welthauptstadt dieses Brettspiels. Sein Großvater (der aus Emir-Kusturica-Filmen bekannte Miki Manojlovic) ist der größte Spieler von allen, und außerdem eine ziemlich kantige Persönlichkeit, die häufig mit der kommunistischen Herrschaft aneckt. Als Alexander ungefähr zehn Jahre alt ist, fliehen seine Eltern mit ihm nach Westdeutschland, die Großeltern bleiben zurück. Nach längerer Zeit in einem italienischen Auffanglager, in dem es schrecklicherweise jeden Tag Spaghetti zu essen gibt, erreichen sie ihr Ziel.
Dieser Teil der Geschichte wird in Rückblenden erzählt, eingebettet in eine heute spielende Rahmenhandlung – und die kommt leider nicht so stimmig daher wie die nostalgischen Miniaturen aus dem Dorf und die erschütternden Ereignisse auf der Flucht (von denen man gerne mehr gesehen hätte). Zusammengehalten werden soll all das nämlich von einer Reise per Fahrrad, die der Großvater zusammen mit seinem Enkel von Deutschland nach dem mittlerweile nicht mehr kommunistischen Bulgarien unternimmt. Alexander lebt als Übersetzer von Gebrauchsanweisungen für Hausgeräte in Leipzig und verliert bei dem bereits erwähnten Autounfall zum einen seine Eltern, zum anderen sein Gedächtnis. Der Großvater nun will ihm zeigen, woher er kommt, und bringt dem jungen Mann wieder bei, zu leben wie ein Bulgare.
Aber so charmant, verschmitzt, vital und viril der schnauzbärtige Manojlovic diesen alten Mann auch spielt: Die Kur für Alexander läuft dann doch nur auf einfachste Gegensätze zwischen dem angeblich so kalten, durchorganisierten Deutschland und dem angeblich so lebensfrohen Bulgarien hinaus. Da befördert der deutsche Arzt die beiden Männer aus dem Krankenhaus, weil sie gemeinsam eine Flasche Wein geleert haben. Da wirft der Opa die Medikamente des bis vor kurzem noch lebensgefährlich Verletzten Enkels – Antidepressiva und Durchblutungspillen – ins Lagerfeuer, um ihm als Ersatz erneut Alkohol zu empfehlen.
Der Optimismus, der in Die Welt ist groß und Rettung lauert überall mit großen Löffeln verteilt wird, ist durchaus ansteckend, und man sieht den beiden Männern eine Zeitlang sehr gern zu. Aber die Abwechslung zwischen der Fahrradtour, übrigens auf einem Tandem, und den Rückblenden gerät bald in einen wenig mitreißenden Rhythmus, bei dem die Episoden sich mehr oder weniger passend aneinander anschließen.
Im Wesentlichen läuft alles auf einen Satz hinaus, den der Großvater seit Jahrzehnten über sein Lieblingsspiel Backgammon zum Besten gibt. Das habe nämlich, so sagt er mehrmals, nichts mit Glück zu tun. Schließlich habe man doch die Würfel in der Hand. Wenn das doch alles wirklich nur so einfach wäre.
Kritik von Thorsten Funke
Fotos: © Arsenal
Veröffentlicht am 06.09.2009
Film-Angaben:
Titel: Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (Svetat e golyam i spasenie debne otvsyakade)
Deutschland, Italien, Bulgarien, Slowenien 2007
Laufzeit: 105 Minuten
Regie: Stephan Komandarev
Drehbuch: Stephan Komandarev, Dusan Milic, Yuri Datchev, Ilija Trojanow
Basierend auf dem Roman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall von: Ilija Trojanow
Produktion: Stefan Kitanov, Karl Baumgartner, Thanassis Karathanos, András Muhi, Danijel Hocevar
Darsteller: Miki Manojlovic, Carlo Ljubek, Hristo Mutafchiev, Anna Papadopulu, Lyudmila Cheshmedziev, Nikolay Urumov, Blagovest Mutafchiev, Vassil Vassilev-Zueka, Stefan Valdobrev, Dorka Gryllus
Kamera: Emil Christov
Musik: Stefan Valdobrev
Schnitt: Nina Altaparmakova
Kinostart: 01.10.2009
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