The World's End

Theseus fährt Ford: Eine Identitätssuche als Pastiche zwischen Humor und Horror.

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Mit dem abschließenden Teil ihrer Blood-and-Ice-Cream-Trilogie liefern Edgar Wright und Simon Pegg einen Gegenentwurf zu den Weltuntergangsfantasien, die das Blockbusterkino momentan im Wochentakt durch die Säle jagt: Statt auf Übermenschen, Großstadtpanoramen und „Story Gravity“, wie sie Drehbuchautor Damon Lindelof im New York Magazine beschrieben hat, setzt diese Version der Apokalypse auf ein klassisches Komödienpersonal aus Losern und Normalos und ein englisches Kleinstadtidyll als Handlungsort. Nach 20 Jahren trifft sich ein Kreis von Freunden (vorerst eine reine Männerrunde, die später nach dem Schlumpfine-Prinzip noch um eine Frau ergänzt wird) in der gemeinsamen Heimatstadt namens Newton Haven zur Erfüllung einer Mission: Ein Kneipenmarathon durch die zwölf Pubs der Stadt soll absolviert werden, ein Unterfangen, das bereits einmal zum Schulabschluss der fünf Freunde gewagt wurde und damals am übermäßigen Alkoholkonsum und Ablenkungen in Form des weiblichen Geschlechts gescheitert ist.

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Dass beim zweiten Anlauf ganz andere Hindernisse den Weg zum finalen Pub namens „The World’s End“ erschweren, verrät schon der Trailer. Und tatsächlich findet der Film erst zu großer Form, wenn seine pubertäre Prämisse von der Sauftour etwas in den Hintergrund rückt und damit sozialkritischer Science-Fiction im Stil von Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) und Die Körperfresser kommen (Invasion of the Body Snatchers, 1978) Raum gewährt. Der Zugang zum Genre ist bei allem Humor kein parodistischer, Klischees und Konventionen bleiben unangetastet und werden im Sinne einer Hommage erfüllt. Die satirischen Überzeichnungen von The World’s End zielen vielmehr auf Klischees von Britishness sowie auf Konsumkultur und Fortschrittsglauben – es ist keine besserwisserische Überlegenheit über die filmischen Vorfahren, die hier zum Ausdruck kommt, sondern Bewunderung und Verbundenheit.

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Der Versuch, dem komplexen Ton und der vielschichtigen Textur des Films beizukommen, muss sich in erstarrter Form des geschriebenen Wortes wohl mit einer linearen Aufzählung von Elementen begnügen, unter denen die Komödie nur das offensichtlichste ist; daneben stehen gleichberechtigt gut choreografierte Kampfszenen, genussvoller Splatter und durchaus tragische Momente, die nicht immer in einem Gag aufgelöst werden. Auch wenn Wright und Pegg das freundschaftliche Besäufnis nie aus den Augen verlieren und ihre Protagonisten schnurstracks von einem Pub zum nächsten hetzen, ist es doch das Schielen auf die Abwege und Verirrungen am Wegesrand, die The World’s End letztlich ausmachen. Die auf den ersten Blick dominierende simple Quest-Struktur erweist sich spätestens dann als trügerisch, wenn die Apokalypse kompromisslos ausformuliert und die Verschachtelung der Erzählung deutlich wird, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander kurzgeschlossen werden.

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Artefakte aus der Vergangenheit, die der Film formal als Soundtrack und durch seine Zitattechnik aufgreift, durchziehen und prägen die Handlungsgegenwart. Der in Nostalgie erstarrte Gary hört immer noch die alten Kassetten von den Sisters of Mercy und trägt seine 1990er Ausgabe des Pubführers von Newton Haven bei sich. Seine alten Freunde, mittlerweile allesamt Familienväter und Karrieremenschen, können nur ungläubig staunen, als er mit einem Auto vorfährt, das so aussieht wie ihr altes Gefährt aus Jugendzeiten. Es sei das Original, erklärt Gary, ergänzt um eine lange Liste der Teile, die mittlerweile ausgetauscht wurden. Garys Auto wird zum Schiff des Theseus, zum philosophischen Paradoxon, das Fragen nach Identität und Originalität aufwirft, die der Film auf seine Figuren und ihre Heimat Newton Haven ausweitet. Im Ford Granada geht es zurück in die Zukunft, in das Simulacrum einer Kleinstadt, in der nicht nur die alten Pubs ersetzt, sondern auch ein Großteil der Bürger durch seelenlose Roboter ausgetauscht wurde.

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Einfache Antworten und dumpfe Moralisierung verkneift sich The World’s End, seine Antihelden sind so ambivalent wie die Welt, in der sie leben. Zwischen dem totalitären Geniewahn außerirdischer Wesen und einer von Austauschbarkeit bestimmten Franchise-Kultur versuchen sich die Saufkumpane zu behaupten und für Menschlichkeit einzutreten. Dass das mitunter gar nicht so einfach ist und dem Immobilienmakler mit dem Handy-Headset die Technik wohl schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, bevor er zum Roboter umgemodelt wurde, daraus machen Wright und Pegg keinen Hehl. Eine dialektische Auflösung oder Erlöserpathos gönnen sie am Ende auch ihrer untergegangenen Welt nicht, in der Humor und Horror nicht mehr voneinander zu trennen sind. Die Zukunft als von Robotern bevölkertes Öko-Mittelalter, in dem nur ein durch die Ruinen der Zivilisation fliegendes Cornetto-Papier noch zum Träumen anregt – als eine Bestandsaufnahme der Gegenwart mag das ganz treffend sein.

Trailer zu „The World's End“


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Kommentare


top10filme.net

Geil, den muss ich auch noch sehen. Könnte in meine Top 10 Komödien Liste aufgenommen werden :) "Das ist das Ende" war auch schon grandios, doch ich bin Simon Pegg Fan ... könnte also noch besser werden. Und das Grundthema "Saufen"? Super! ;)






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