The Man with the Iron Fists

Augen zu und durch! Wenn ein Musikproduzent einen Film mit den Ohren zu drehen versucht.

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Kung-Fu, Shaolin Styles, lyrisches Shadowboxin’: Der Wu-Tang-Clan, Mitte der 1990er stilprägend im Ostküsten-Hardcore-Rap, hat das Straßenleben in New York von Beginn an durch die Brille einer imaginär übersteigerten, rein medial existenten Fernostwelt zwischen Präzision, Furchtlosigkeit und Ordensmentalität behandelt. Was den Filmasiaten die Samuraischwerter, Handkantenschläge und konfuzianischen Weisheiten, waren den fast mystisch verehrten Jungs um Produzent und Mastermind RZA die rumpelnden Beats und ineinander verschachtelten Reime. RZA machte jedes der frühen Alben des Clans und seiner Protagonisten zu einem Designprodukt voller Samples aus klassischen Martial-Arts-Streifen, Straßenstolz und harter Posse-Ethik.

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Jetzt hat er einen Film gedreht und versucht darin, den Inspirationsfluss umzukehren. Nicht mehr mit den fernöstlichen Filmen im Hinterkopf auf den harschen amerikanischen Alltag schauen, sondern aus der Perspektive des mittlerweile gesetzten, hocherfolgreichen Rapstars eine imaginäre Welt der Kung-Fu-Krieger und verfeindeten Clans erträumen. Das klingt auf dem Papier vielleicht nach einem ziemlich interessanten Projekt, mit Unterstützung von Obskuritäten-Digger Nr. 1 Quentin Tarantino und Genrezerfleischer Eli Roth (Hostel, 2005) als Ko-Autor. Aber RZA hat bessere Ohren als Augen, als Regisseur taugt er leider nicht viel. The Man with the Iron Fists ist sicherlich one of a kind; ein Film, der besser klingt als aussieht, der ein „Asien“ erträumt, das sich zu gleichen Teilen aus chinesischem und japanischem Genrekino sowie aus feuchten amerikanischen Träumen zusammensetzt. Aber ihn zu schauen ist eine mindere Qual.

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Die offensive Betonung der Künstlichkeit der vollkommen in Abbildern und mit nichts im Wirklichen fußenden Filmwelt macht erst einmal Spaß: das zwischen bonbonbunten Sets, gezielt danebenliegenden Einstellungen und grotesk überspielten Figuren sich abspielende Geschehen ist eine wahr gewordene Jungsfantasie. In einem Dorf, das in China sein soll, bekriegen sich Löwen-, Wolf- und Hyänen-Clan, der Kaiser schickt eine Truhe voller Gold hindurch, und RZA als Schmied liefert den Konfliktparteien Waffen.

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Ein Ami facht mit seinen Produkten den Krieg an – die Grundkonstellation ist nicht ohne Cleverness, und RZAs Schmied ist sowieso die hervorstechende Figur im Ensemble, die narrativ stärkste Erfindung des Films. Geprägt von striktem Working-Class-Ethos („Another day, another dollar“) zieht er gegen den dekadenten Silver Lion (Byron Mann) ins Feld, und in ihrer Konfrontation lagert sich eine kleine Krisengeschichte amerikanischer Black-Music-Protagonisten und sexueller Rollenbilder an. Silver Lion sieht in seinem homoerotischen Glamouroutfit aus wie Prince nach seiner x-ten Namensänderung, während der Schmied sich eher dem Schmutz, der Straße und vor allem einer klaren heterosexuellen Orientierung verschreibt. Ein Flashback offenbart dessen Vergangenheit als entlaufener Sklave, und so wird das imaginäre Asien in The Man with the Iron Fists wirklich noch zu einer kleinen Bühne afroamerikanischer Identitätsfindung.

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Die größten Probleme, diese Facetten des Szenarios zu genießen, bereitet jedoch RZAs visuelle Einfallsarmut in den Momenten, in denen es mal nicht um gekonntes Zitieren, sondern um eine eigenständige Bildsprache geht. Klar, seinen Inspirationen huldigt er und macht sie deutlich erkennbar – mal schmeckt es eher nach dem Shaw-Brothers-Studio, mal nach der japanischen Lone Wolf and Cub-Serie (1972-1974) –, aber die Einstellungen zwischen wilden Zooms und fliegenden Körperteilen sind ohne Esprit, überbeleuchtet, vollgestopft, auf denkbar simple Weise aufgelöst. Dadurch sind eben jene Teile des Films, die spannend in der Anlage sind, dröge anzuschauen. Addiert man noch die cartooneske Brutalität sowie das dezidiert parodistische Schauspiel hinzu, dann wäre das alles ein gutes längeres Musikvideo, ist aber ein scheußlicher Langspielfilm.

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Doch apropos Musikvideo: Wer einmal die Augen genervt vom Leinwandgeschehen abwendet, wird sicherlich überrascht werden. Denn akustisch ist The Man with the Iron Fists ein Geniestreich, Musik und Klangeffekte wechseln fließend zwischen akustischem Hinter- und Vordergrund, es gibt Kopfnicker-Beats, Westernscore und orchestrale Dramatik. Die lächerlich überbetonten Sätze machen dann, in Absehung des Schauspiels, sofort Sinn: Das sind keine Dialoge, sondern Samples! Und die akzeptablen, aber sicherlich nicht revolutionären Kampfeinlagen sind akustisch so großartig akzentuiert und rhythmisiert (eine Kaskade aus Tritten gegen Brustkörbe wird begleitet von abfallenden Tom-Schlägen), dass man den Film im Kopf viel besser findet als den Film vor sich. RZA hat versucht, Regisseur zu werden, aber ist Musikproduzent geblieben. Und so kann man The Man with the Iron Fists durchaus genießen – aber wer RZA in Höchstform erleben möchte, sollte lieber in das kürzlich wiederveröffentlichte Liquid Swords-Album von GZA oder das Debüt des Clans hineinhören. Denn hier sind Form und Content, vom mediokren Bilderstrom befreit, perfekt ineinander aufgelöst; die Filmsamples evozieren ein wildes, edles US-Asien, und es gibt vor allem eins: Kung-Fu, Shaolin Styles, lyrisches Shadowboxin’.

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Kommentare


Wan tang

Kleine Anmerkung:Wu-tang hat nix mit Gangster Rap zu tun.


Nino

@ Wan tang
Vielen Dank für den Hinweis. "Gangster" wurde durch "Hardcore" ersetzt.






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