The Fighter

In ihrem Boxer-Drama feiern David O. Russell und Mark Wahlberg den amerikanischen Traum– ohne sich bei Rocky anzubiedern.

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Manchmal erzählen Anekdoten viel über einen Film. So wie diese: Eigentlich soll Darren Aronofsky bei The Fighter Regie führen. Als er die Chance bekommt, stattdessen sein Traumprojekt Black Swan (2010) zu realisieren, springt David O. Russell für ihn ein. Ausgerechnet. Russell war seit seinem künstlerischen und kommerziellen Flop mit der Komödie I Heart Huckabees (2004) arbeitslos. Er galt als ausgebrannt, war als Choleriker verschrien.

Und dann das. The Fighter, die Biografie über den Boxer „Irish“ Mikey Ward, der nach vielen Tiefschlägen im Jahr 2000 den Weltmeistertitel im Halbweltergewicht holt, ist ein Herzensprojekt von Hauptdarsteller und Produzent Mark Wahlberg, mit dem er nun – auch wenn er den Film maßgeblich mitgestaltet hat – dem Regisseur Russell ein fulminantes Comeback ermöglicht. The Fighter wird für sieben Oscars nominiert, unter anderem für die beste Regie. In den USA, wo er im Dezember 2010 anlief, avanciert er zum Kritikerliebling. Und hat mit über 80 Millionen Dollar US-Einspiel auch an der Kasse großen Erfolg. The Fighter trifft beim heimischen Publikum einen Nerv. Die Geschichte variiert die große amerikanische Erzählung vom Streben nach Glück – in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Unsicherheit ein offenbar willkommenes positives Signal.

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Statt zu boxen, teert Mickey Ward (Mark Wahlberg) zu Beginn des Films die Straßen seiner heruntergekommenen Heimatstadt Lowell, Massachusetts und lässt sich von seiner Mutter (Melissa Leo) und seinem drogenabhängigen Halbbruder Dicky (Christian Bale) gängeln. Während Mama als Managerin kläglich versagt, spielt sich Dicky, einst selbst ein vielversprechendes Boxtalent, als Trainer auf. Allerdings verbringt das Großmaul mehr Zeit mit seiner Crackpfeife als im Boxzentrum. Erst mit der Hilfe seiner Freundin Charlene (Amy Adams) gelingt es Mickey, seine Karriere voranzutreiben – aber dadurch gerät er in einen Konflikt mit seinem Clan.

Die Parallelen zu Sylvester Stallones Boxer-Oper Rocky (1976) sind offensichtlich. Aber The Fighter lässt sich nie zu deren verschwitzter Sentimentalität hinreißen. Interessanter ist die Beziehung zu Martin Scorseses Meisterwerk Wie ein wilder Stier (Raging Bull, 1980). Wards Karriere wird nicht zur albtraumhaften Variante des amerikanischen Traumes wie die von Jake LaMotta in Scorseses Film. The Fighter ist geradliniger, optimistischer, affirmativer. Aber deshalb nicht weniger komplex. Der Film blickt wie Scorsese in schwarze Abgründe. Er springt nur nicht hinein.

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Beiden Filmen gemein ist das Porträt der amerikanischen Gesellschaft von unten; bei Scorsese aus Sicht italienischer Einwanderer, während Russells Geschichte in der weißen Arbeiterklasse New Englands spielt. Aber wo sich LaMotta in Wie ein wilder Stier mit destruktiver Brutalität nach oben kämpft, um dort in Stumpfsinn zu versinken, sucht Ward in The Fighter seine Würde und Integrität wiederherzustellen. Beide Regisseure wählen eine völlig unterschiedliche Filmsprache, um die jeweiligen sozialen Welten zu repräsentieren: Wo Scorsese stilisiert, inszeniert Russell unaufdringlich und stellenweise im Stil eines Doku-Dramas.

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Dazu dient ihm die 1995 für den Bezahl-Sender HBO entstandene Dokumentation High on Crack Street: Lost Lives in Lowell. Einer der Protagonisten: Dicky Ecklund, Mickey Wards Stiefbruder. David O. Russell baut die Dreharbeiten zu dieser Doku wie einen Film im Film ein. Dadurch erhält The Fighter eine dichte Authentizität. Über weite Strecken geht es also um Drogensucht, enttäuschte Hoffnungen, Sehnsüchte und großmäulige Selbsttäuschung. Leichtfüßig bleibt die Inszenierung dabei durch Russells düsteren, grimmigen Humor, der auch seine früheren Arbeiten wie Three Kings (1999) und I Heart Huckabees auszeichnete. So sind Wards Mutter und die sieben Schwestern nah an der Realsatire inszeniert. Laut, blondiert, kettenrauchend und immer ein Glas Hochprozentiges in der Hand, kommentieren diese Frauen das Geschehen wie der Chor im griechischen Drama. Zugleicht zeigt der Film aber auch die tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühle dieser Menschen, die sie umso großsprecherischer überspielen.

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Mitreißend sind neben dieser so lebendigen Milieuschilderung auch die Boxszenen – gerade weil Russell ohne Pathos und Überhöhung auskommt. Er ließ sie zum Teil betont sachlich von einem TV-Kamerateam einfangen. Ihre Emotionalität erhalten die Fights allein aus der ihnen innewohnenden Dramatik: Ward wird von seinem Gegner oft Runde über Runde regelrecht verprügelt, um diesen plötzlich wie aus dem Nichts mit einer kurzen Linken auf die Bretter zu schicken.

Nicht zuletzt begeistern die beiden Hauptdarsteller, die in ihrem Stil nicht unterschiedlicher sein könnten. Method-Actor Christian Bale verschwindet völlig in seiner Rolle, für die er wieder diverse Kilos verlor. Beinahe ist der Batman-Darsteller nicht zu erkennen, wie er als dauerbedröhntes und hyperaktives Drogenwrack durch den Film torkelt. Ganz anders Mark Wahlberg: Mit komplexen Charakteren hoffnungslos überfordert – man erinnere sich an seine Fehlbesetzung in In meinem Himmel (The Lovely Bones, 2009) –, ist er ein Selbstdarsteller im besten Sinn. Hier gibt er überzeugend den Typen mit harter Schale, weichem Kern und großem Herzen. Als Produzent, der drei Jahre lang für das Projekt kämpfte, darf er sich außerdem zugutehalten, einem großen unabhängigen Regisseur die Fortsetzung seiner Karriere ermöglicht zu haben. David O. Russell arbeitet schon an seinem nächsten Film.

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