Söhne

Der renommierte ostdeutsche Dokumentarfilmer Volker Koepp rekonstruiert eine deutsch-polnische Familiengeschichte von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart und widmet sich einmal mehr seinen Herzensthemen Heimat und kulturelle Identität.

Söhne

Rund 38 Millionen Tote und 14 Millionen Vertriebene sind die traurige Bilanz des Zweiten Weltkrieges. In Zahlen geschrieben bekommen Kriege etwas Abstraktes, durch die Quantifizierung ihrer Opfer etwas vermeintlich Messbares. Derweil macht das Leid einer einzigen Familie die für Nachgeborene schwer fassbaren Schicksale der Kriegsgeneration spürbar. Die individuellen Lebenswege der Vertriebenen und Geflüchteten des Zweiten Weltkriegs hat sich der ostdeutsche Dokumentarfilmer Volker Koepp oft zum Thema gemacht. Er selbst ist 1944 in Stettin geboren und in Ostberlin aufgewachsen. In seinem mittlerweile 50 Filme umfassenden Werk spürt er an den Grenzen zwischen Deutschland, Polen und Russland Lebensgeschichten nach.

In Söhne widmet sich Koepp dem Schicksal der Familie Paetzold, deutschstämmigen Gutsbesitzern im westpreußischen Celbau, einem bereits seit dem Ersten Weltkrieg polnischen Ort nördlich von Danzig. Im Frühjahr 1945 entschließt sich die Mutter Elisabeth – der Vater ist an der Front –, vor der Roten Armee nach Westen zu fliehen. Ihre vier Söhne im Alter zwischen 9 Monaten und sechs Jahren alle auf ein Mal mitzunehmen, empfindet sie als zu riskant. Die beiden Kleinen, Friedrich und Rainer, bleiben deswegen bei den Großeltern auf dem Gut, während die beiden Älteren, Klaus und Wolf, mit ihrer Mutter nach Süddeutschland fliehen. Kurz nach Kriegsende, im Spätsommer 1945, reist Elisabeth Paetzold unter Einsatz ihres Lebens über die grüne Grenze nach Polen, um ihre beiden jüngeren Söhne zu suchen. Nach einer fast zweijährigen Odyssee kehrt sie mit einem Jungen, den sie vermeintlich für ihren Sohn Rainer hält, zurück zu Klaus und Wolf in die Nähe des Bodensees. Erst über zehn Jahre später werden die beiden leiblichen Söhne gefunden und der Irrtum aufgedeckt. Friedrich und der „echte“ Rainer leben unter neuen Namen bei Pflegefamilien in Polen.

Söhne

Von den fünf Brüdern wohnen heute vier in Süddeutschland und einer in Warschau. Sie erzählen in Söhne von ihren Erinnerungen an den Krieg, die Vertreibung und die Nachkriegszeit. Einige Off-Kommentare des Autors dienen lediglich dazu, für die Verständlichkeit der Geschichte wichtige Informationen zu ergänzen. Vor allem lässt Koepp die Personen sprechen und gibt ihnen in stillen Bildern die Zeit, sich voll zu entfalten. In ihrer entspannten und ruhigen Art sind die Brüder angenehme Erzähler, denen man sehr gerne zuhört.

Die diskrete Kamera Thomas Plenerts, langjähriger Filmpartner von Volker Koepp, verharrt ruhig in ihren großteils statischen Einstellungen. Mehrfach im Laufe des Films sind die Protagonisten stumm in einer Reihe aufgestellt, und die Kamera wandert langsam von einem Gesicht zum anderen. Parallel dazu montiert Koepp zahlreiche Totalen des hügeligen Süddeutschlands und der flachen Küste hinter Danzig. Für den Autor ist Identität allem voran mit Landschaft verknüpft. Die Unaufgeregtheit der Bilder und die Länge der Einstellungen sind typisch für Koepps behutsamen Stil, der an manchen Stellen wie Fotografie wirkt. Es ist fast so, als würde man ein fremdes Familienalbum voller Portrait- und Landschaftsaufnahmen durchblättern und sich auf jeder Seite von den Erinnerungen seiner Besitzer leiten lassen, mal mit amüsiertem Augenzwinkern, mal voll Melancholie. Obwohl viel erzählt wird, fühlt sich der Zuschauer niemals von „sprechenden Köpfen“ gelangweilt. Vielleicht liegt das an der situativen Natürlichkeit der Aufnahmen, vielleicht auch daran, dass die Schilderungen der Brüder nicht wie bloße Zitate in den Film eingebaut sind, sondern dass sich die Familiengeschichte vielmehr erst nach und nach wie ein Puzzle aus ihnen ergibt.

Söhne

Wie in jedem Film Volker Koepps zeichnet Söhne eine Heimat- und Identitätssuche nach, die hier in der Zusammenschau der geschwisterlichen Lebenswege besonders bewegend ist. Denn durch den puren Zufall der Geschichte erfahren fünf Brüder eine vollkommen unterschiedliche Sozialisation. Drei von ihnen werden kulturell fremd geprägt: der vermeintlich leibliche Bruder ungeklärter Herkunft und die beiden als Polen aufwachsenden Brüder. Friedrich alias Stanislaw spricht nur gebrochenes Deutsch und fällt in den emotionalsten Teilen seiner Erzählung ins Polnische zurück. Auch Rainer alias Jerzy, der in den Siebzigern nach Deutschland übergesiedelt ist, hat einen unüberhörbaren polnischen Einschlag in seiner Sprache behalten. Koepp fragt sie, was ihnen Heimat bedeute, und ob sie sich eher als Deutsche oder als Polen fühlen. Ihre Antworten führen jede nationalistisch gefärbte Debatte ad absurdum. Den Paetzolds ist ihre persönliche deutsch-polnische Versöhnung gelungen. Insbesondere im Epilog des Films wird auch ansatzweise spürbar, welche Tragödie die Familiengeschichte für Elisabeth Paetzold darstellte. Was hat sie wohl gefühlt, als sie ihre polnisch sprechenden Söhne nach Jahren der nervenaufreibenden Suche das erste Mal wieder sah? Der Begriff der Muttersprache wird in diesem Zusammenhang völlig auf den Kopf gestellt.

 

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