Satte Farben vor Schwarz

Nach Andreas Dresens Wolke 9 (2008) und Leander Haußmanns Dinosaurier (2009) liefert Sophie Heldman in ihrem Debüt einen unspektakuläreren, aber sehr eindrucksvollen Beitrag zum „Seniorenkino“.

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Anita (Senta Berger) und Fred (Bruno Ganz) gehen auf die 70 zu und sind seit ihrer Jugend ein Paar. Als Anita entdeckt, dass Fred regelmäßig heimlich eine andere Wohnung aufsucht, denkt sie zuerst, er betrüge sie. Aber Fred hat keine Geliebte, sondern Prostatakrebs. Die Wohnung hat er gekauft, um Zeit für sich und zum Nachdenken zu haben. Auch das ist ein Schlag für Anita. Ihr ganzes Leben haben sie gemeinsam verbracht, nun will Fred sie nicht an der lebenswichtigen Entscheidung über eine mögliche Operation teilhaben lassen. Als er sich dagegen entschließt, ist das für Anita anfangs mit Trennung und Abschied gleichbedeutend. Mit diesem Ausgangskonflikt sind alle wesentlichen Motive in Satte Farben vor Schwarz eingeführt: das Alter und der Tod, der Umgang mit Krankheit, die lebenslange Liebe und der eigene Freiraum sowie die Einsamkeit in der Gemeinsamkeit.

„Wir sind nun mal in einem Alter, in dem es dem Ende entgegengeht“, betont Anita ziemlich früh im Film. Die Eindringlichkeit, mit der sich der Film des Themas „Alter“ annimmt, verdankt er neben dem brillanten Schauspiel von Berger und Ganz auch ihrem physischen Erscheinungsbild. Beide sind schon seit Jahrzehnten auf der Leinwand präsent. Ihr jüngeres Ich, das sich dem Zuschauer spätestens beim Anblick eines Fotos auf Freds Bürotisch, das die junge Senta Berger zeigt, ins Bewusstsein drängt, macht die Spuren des Alters umso deutlicher. Zudem werden ihre teilweise fast nackten Körper bewusst exponiert, wenn auch nicht so radikal wie in Andreas Dresens Wolke 9 (2008). Auch Heldmans Film zeigt, dass die körperliche Lust im Alter noch eine Rolle spielt, im sexuellen wie im nicht-sexuellen Sinn.

Nachdem Anita und Fred gegen Ende des Filmes wieder zusammengefunden haben, genießen sie noch ein letztes Mal die „satten Farben vor Schwarz“. Bevor sie eine gemeinsame Liebesnacht in einem Hotel verbringen, nehmen sie mit sichtlicher Begeisterung an der Abiturfeier ihrer Enkelin teil. Besonders Ganz hat hier seinen größten Moment. Er schafft es, den zum „I’m so excited“-Cover von Le Tigre exzessiv tanzenden Rentner keine Sekunde der Lächerlichkeit preiszugeben, sondern schlichtweg die pure Lebensfreude dieses Moments zu vermitteln.

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Das Problem des Freiraums des Einzelnen in der Gemeinschaft, das anfangs nur auf den familiären Rahmen bezogen ist, lässt sich am Ende auf eine übergeordnete Ebene übertragen. Auf dieser setzt sich der Film mit den essenziellen Freiheiten des Menschen in der modernen Gesellschaft auseinander, in der der Tod weitgehend tabuisiert und der Suizid sowohl religiös als säkular sanktioniert ist.

Deutsche Filmemacher haben sich dem „Seniorenkino“ in den letzten Jahren in unterschiedlichen Ansätzen gewidmet. Andreas Dresen überschritt mit einem sehr offenen Blick auf gealterte Körper Grenzen, während Leander Haußmann die massentauglichere Form einer Komödie wählte. Heldman hat sich für eine sehr ruhige Annäherung entschieden. Die Kameraführung lässt dem präzisen und nuancierten Spiel der Darsteller Raum und Zeit. Die Regisseurin setzt erfolgreich auf die sachte Vermittlung von Emotionen.

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Neben der inszenatorischen Reduktion auf das Wesentliche liegt die Stärke von Satte Farben vor Schwarz auch in der Zurückhaltung, mit der er sich dem verhandelten Themenkomplex nähert. Dem Zuschauer bleibt stets genügend Raum zur eigenen Reflexion. Sophie Heldman ist damit in ihrem Debüt eine würdevolle Auseinandersetzung mit heiklen Themen gelungen, die keineswegs nur höhere Altersklassen anspricht.

Trailer zu „Satte Farben vor Schwarz“


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Kommentare


Michaela

Ich durfte gestern den Film im Beisein von den großartigen Schauspielern in der Lichtburg sehen. Ein fantastischer, ruhiger, zu Herzen gehender Film, den ich nur empfehlen kann!


Eulenvogel

Einer der verlogensten und dümmsten Filme, die je im Kino gelaufen sind. Trotz sehr guter Besetzung ist das Thema Alter und Selbstbestimmung ("Freitod") so banalisiert, dass es einem nur so graut. Seniorenphantasie einer Mittdreissigerin, die vom realen Leben nur eine sehr vage Ahnung hat.


Lisa

Ratloser, weil bescheuerte Dialoge sprechen müssender Bruno Ganz; affektierte, obereitle- bin ich nicht schön auch noch kurz vorm Selbstmord-Senta Berger; eine offensichtlich sehr lebensunerfahrene Filmemacherin; ein ärgerlich oberflächlicher Film, der so flach bleibt in seinen Figuren, wie fantasielos in den Lösungen, die diese schöne Welt zu bieten hat für die Mißlichkeiten des Lebens. Schade ums Geld, schade um Bruno Ganz, hoffentlich kein scheinbar-tiefsinniges- Vorbild für Verzweifelte.


Uwe

Wow, auf diesen Film hatte ich mich gefreut, da die Thematik vielversprechend erschien. Nachedem ich alle verfügbaren Trailer geshen hatte, gabs im Film eigentlich fast nichts neues mehr! Das Drehbuch muß auf zwei DIN A 4 Seiten gepasst haben.
Wenn nicht zwei hervorragende Schauspieler als Zugpferde fungieren würden, spräche über diesen Filmversuch kein Mensch. Schade, das Thema ist zu ineressant und brisant. Wäre schön, wenn dadurch wenigstens wieder die Diskussion nach selbstbestimmtem Ende angestoßen werden würde. So einfach, wie im Film vorgegaukelt, ists leider nicht.
Fazit: etwas enntäuscht das kino verlassen, aber 8,50 Euro habe ich schon für größeren Blödsinn ausgegeben:


Hartmut

@Lisa: das on-dit behauptet, Bruno Ganz habe in seiner Agentur zufällig im Drehbuch geblättert und habe dann spontan den Film machen wollen. Und dann fiel es natürlich leicht, auch den Rest zu staffen. Diese Dialoge hat er demnach sich selbst ausgesucht.
Was mich überrascht, war der einhellig lobende Tenor in den Kritiken, sogar im "katholischen" Filmdienst und dem "evangelischen" epd.
Niemand sollte letztlich ein Recht auf Suizid abgesprochen werden, aber in diesem Film ist er gewählt wie eine vorübergehende Laune des machen-wir-eben-mal-rüber der durchaus jugendlich wirkenden eben-gerade-70. Ein Co-Suizid setzt übergroßen LeidensDruck voraus, eine übermächtige Angst vor drohender Einsamkeit. Ein bißchen FeldForschung in urbanen Umgebungen hätte dem Drehbuch Tiefe und Logik geben können.


Rei

Ich stimme den negativen Kommentatoren voll zu.Bin selber 80 (davon fast 60 mit derselben Frau verheiratet) und seit 2 Jahren Witwer.Solch primitiven Dialoge kann nur ein Anfänger und lange ohne Liebe gebliebener Mensch schreiben.


wolfgang kriegel

Leider habe ich selten einen Film gesehen, bei dem die Ankündigungen und das erlebte Ergebnis so weit auseinander klafften. Auch ich finde, dass hier ein an sich wesentliches Thema völlig "verschenkt" wurde. Eine dramaturgisch stellenweise sinnlos vor sich hinplätschernde Handlung, psychologisch nicht nachvollziehbares sprunghaftes Verhalten der Protagonisten und beschämend banale Dialoge lassen einen vor dem abgrundtief peinlich voyeuristischen Schluss mit minutenlang ausgewalztem Injizieren der Insulinüberdosis einen mühsamen Kampf gegen den Schlaf führen....

Es sollten sich manche professionelle Kritiker schämen, uns in einen solchen Mist gelockt zu haben.


Luisa

Man wird den Verdacht nicht los, die Journalisten schrieben ungebremst aus der Pressemappe des Verleihs ab und niemand sah den Film. So wäre die Lobhudelei auf dieses dünne dumme Filmchen erklärlich.
Naiv, blutarm, fern jeder Logik oder Erfahrung. Was für ein Flop.


Wolfgang u.Andrea

Anspruchsvolles,berührendes Thema.Jedoch sowohl in der Besetzung als auch in den Dialogen total vergeigt,schade.


Maximilian Maaß

Der Film wirkte auf mich sehr stumpf und gefühlskalt. Erst dachte ich, es ist das Mittel der überbringung "message", aber dann überlegte ich und lies den Film nochmal vor den Augen abspielen. Nichts meiner banalen Gedanken bestätigte sich. Die Besetzung ist 1A, meiner Meinung nach. Aber die durchführung war wirklich alles andere als ergreifend und packend. Sehr schade, da das Thema eigentlich berühren sollte. Und mit dem Ende, wenn man es wirklich Ende nennen darf, war einfach auch der letzte Funken hoffnung verflogen. (Ich bin 19 Jahre alt und sehe den Film aus dem Blickwinkel eines jungen Menschen)


Cindy

Wunderbare Kamera!
Grandiose Schauspieler!
Atmosphärisch.
Eindringlich.
Ein Film - keine Doku !
Deshlab darf es auch etwas abweichen von der Realität.


Sodbrenner Michael

Ich habe hier sehr treffende Kritiken gelesen. Auch mir gefällt dieser Film nicht.
Mir gefallen Promischauspieler in solchen Rollen nicht. Ganz und Berger
zeigen in ihrer Darstellung eine Überpräsenz. Bei Ganz habe ich immer das Gefühl, er trägt das Schicksal der ganzen Welt mit sich herum. Der Film wirkt unauthentisch
und künstlich. Die Figuren abgehoben schwebend. Lebensferne Dialoge und am Ende der Freitod aus fast heiterem Himmel. Wie aus einer Laune heraus.


Roland

Ich bin selbst 74 Jahre alt und finde den Film der jungen Autorin eine reife Leistung. Neben den beiden großartigen Schauspielern sind die gelungene Bildführung und die sparsamen Dialogezu erwähnen.
Bei mir hat der Film Nachdenklichkeit und Betroffenheit hervorgerufen, auch wenn ich selbst einen Suizid in dieser Lebenssituation für mich eher nicht angemessen halte.






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