Rio

Auf zur Entjungferung an die Copacabana: Rio ist laut, bunt, direkt – und ein bisschen leer.

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Nachdem sie sich im bislang letzten Teil ihrer Ice Age-Saga (2009) bereits erfolgreich in den Dschungel aufgemacht hatten, dachten sich Carlos Saldanha und sein Team wohl, dass ein beliebtes Rezept nicht verändert werden sollte – denn ihr jüngster Animationsfilm Rio funktioniert ungefähr genauso wie seine prähistorischen Vorgänger. Das heißt vor allem: Es geht mal wieder ins Extreme.

Liegen schwüle Hitze und ewiges Eis in unserer globalisierten Welt nicht fast ebenso nah beieinander wie das unterirdische Dinosaurierreich und die klirrend kalte Oberfläche im letzten Ice Age-Teil? Da braucht es nur einen kurzen Flug, um aus dem farbenfrohen brasilianischen Urwald in den grauen Winter von Minnesota zu gelangen. Und so geht am Anfang von Rio erstmal alles zack-zack: Gerade eben haben die Tropenvögel noch in satter Vegetation eine Musicalnummer hingelegt, und höchstens zwei Flügelschläge später ist der blaue Baby-Ara Blu schon im tristen amerikanischen Hinterland. Ein Glück nur, dass sich mit der kleinen Linda eine herzensgute, nicht weniger verlorene Seele der gefiederten Schmuggelware annimmt.

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Doch innehalten ist nicht: Eine Filmminute (und eine recht deutlich von Pixars Oben (Up, 2009) „inspirierte“ Montagesequenz) später ist Linda schon Buchladeninhaberin und Blu das Paradebeispiel eines domestizierten, aller natürlichen Instinkte beraubten Schoßtierchens. Noch nicht mal fliegen kann er. Schon in der nächsten Szene jedoch purzelt der Ornithologe Tulio in Lindas Laden, auf der Suche nach Blu ist er den ganzen weiten Weg aus Brasilien gekommen. Der sei nämlich das letzte männliche Exemplar einer aussterbenden Rasse, und zu Hause in Rio warte das weibliche Gegenstück.

Die Struktur der Erzählung von Rio mitsamt ihren Themen, Figuren und Geschehnissen ist dem Publikum aus den Ice Age-Filmen vertraut: Die Welt ist zerrissen in die Sphären „heiß“ und „kalt“, was sich leicht übertragen lässt auf ein ebenso extremes Aufeinanderprallen der Geschlechter. Meist folgt das dem Schema: Starke Weibchen heizen trotteligen Männchen gehörig ein. Die Sache mit der „aussterbenden Art“ gibt der Partnerfindung dann den notwendigen Antrieb, und die Reibereien und Balzzeremonielle entladen sich in Form mannigfaltiger Verfolgungsjagden, Prügeleien, Stürze etc. Die glückliche Paarbildung hängt dabei letztendlich immer von einem Entdecken der „wahren“ Natur des Männchens ab. Also: Blu muss nach Rio, dieser Stadt des Hedonismus, um F..., äh, Fliegen zu lernen!

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Und damit ist man auch schon mitten im Problemfeld von Rio. So wunderbar diese verschiedenen Kurzschlüsse und Übertragungen vom Aktions- ins Bedeutungsfeld funktionieren, so abgegriffen ist das alles. Wie immer ist das Maß der Beziehungen und versteckten Anspielungen enorm, aber einen neuen Spin sucht man vergebens. Dass es bei den Filmen Saldanhas etwas hemdsärmeliger und wuchtiger zugeht als bei denen der Konkurrenz, weiß man ja. Hier wird die Message eben eher über den Körper als über den Geist vermittelt. Aber der Inhalt ist angestaubt.

Auch bei den Gags machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar: Wortspielereien mit Tierverweisen („Turteltäubchen“, „Affentheater“) gibt es viele, aber clever ist das nicht. Auch bei Figuren wie der unablässig sabbernden Bulldogge Luiz, dem egomanischen Kakadu Nigel oder der hysterischen Affenbande stehen eher Überzeichnungen des Offensichtlichen im Vordergrund, als dass sich diese mit tieferen Kommentaren verbänden. Man vermisst die sarkastische Schärfe der ersten Ice Age-Teile, wie sie etwa beim berühmten Kollektivselbstmord der Dodo-Mannschaft anklang. Laut ist Rio, aber ohne echten Biss.

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Wie mit den Tieren verfährt der Film mit den Menschen: Rio de Janeiro und die Brasilianer sind Anhäufungen gröbster Klischees. Das heißt: Fußball, Karneval, Sex. Was durchaus verwundert, ist doch Regisseur Saldanha selbst in Rio geborener Brasilianer. Zwar gibt es einige stark an City of God (Fernando Meirelles, 2003) gemahnende Ausflüge in die Favelas, aber die liefern eher das notwendige Material an Bösewichtern, als dass sie wirkliche Auseinandersetzung mit dem Land Brasilien und seinen Menschen offenbarten. Nur der gutherzige, durch seine Armut zu Missetaten verleitete Waisenjunge Fernando sticht als melancholischer Kontrapunkt heraus.

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Aber nun gut: Animationsfilme für die ganze Familie sind keine Soziologiestudien. Und als Kinderfilm funktioniert Rio mit seiner groben Art sicherlich nicht schlecht. Denn was hier vielleicht zotig klingen mag, ist im Film natürlich mit einer knuddeligen Hülle versehen. Mimik und Bewegungsanimationen sind herrlich, allen voran Blus virtuose Bodenakrobatik. Eleganter kann ein Vogel nicht nicht-fliegen. Der Soundtrack zwischen Samba, Rap und Bossa Nova pumpt ordentlich, und bei den Bildern haben die normalerweise auf verschiedene Schnee- und Eistöne beschränkten Animatoren tief in den Farbtopf gegriffen: Gerade die penibel rekonstruierten Federkleider der Vögel sind fantastisch anzusehen, und insgesamt ist Rio optisch auf eine angenehme Weise grell. Aber unter der knalligen Hülle ergraut das alte Rezept.

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