Manchester by the Sea

It’s a Man’s Pain: In seinem dritten Film umkreist Kenneth Lonergan einmal mehr ein traumatisches Ereignis und versucht sich an der Reparatur eines Männerlebens. Keine leichte Aufgabe.

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Lee (Casey Affleck) steht in einem fremden Badezimmer in Boston, mit einer Saugglocke in der Hand. Die Hausbesitzerin entschuldigt sich bei ihm, das sei ja schon recht widerlich, was er da jetzt machen müsse. Kein Problem, sagt Lee. Es ist ein erster dezenter Verweis darauf, dass Lee zum janitor nicht geboren wurde. Dass er eigentlich woanders hingehört. Dass dieses Leben nicht eines ist, das er einmal achselzuckend und klassenbewusst angenommen hat, sondern eher so etwas wie eine Strafe, die er pflichtschuldig akzeptiert. Während er in den kurzen Episoden, mit denen Manchester by the Sea beginnt, so allerhand repariert, Schnee schippt und Müll wegbringt, drängen sich die entscheidenden Fragen also elegant in den Vordergrund: Wer repariert eigentlich Lee? Und was ist überhaupt kaputt?

Die Scheiße wieder fließen lassen

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Das entscheidende Ereignis, um das Manchester by the Sea kreist, wie Filme von Kenneth Lonergan nun einmal um Ereignisse kreisen, das bleibt uns – anders als noch in Margaret (2012) – eine ganze Weile vorenthalten. Es ist ein tragisches Ereignis, ein derart tragisches, dass der Film gleich mal Händel und Bach auffährt, wenn er es mittels einer Rückblende schließlich doch ins Bild setzt –, und das erscheint auch völlig angemessen: Es hat Lee kaputtgemacht. Das verrät schon vor jeder Rückblende Casey Afflecks trüber Blick und diese apathische Körperhaltung. Afflecks manchmal anstrengend gequältes Method Acting ist hier deshalb erträglich, weil Lonergan Lees hartes Schicksal als Blockade, als Hindernis für emotionale Ausbrüche fasst (mal abgesehen von Ersatzhandlungen wie Kneipenschlägereien) und seinen Hauptdarsteller vor allem runterschlucken lässt. Selbst in den krassesten Momenten vertraut Manchester by the Sea seine Intensitäten nicht Afflecks Körper an, sondern eher dem Sound Design. Das Quietschen der Stühle im Verhörraum der örtlichen Polizei ist dann doppelt so laut wie Lees Versuche, etwas hervorzubringen.

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Und so macht sich Manchester by the Sea in einem wunderbar konzentrierten Rhythmus daran, behutsam die Schichten freizulegen, aus denen seine Hauptfigur besteht. Man könnte auch sagen: die Scheiße wieder fließen zu lassen, die Lee verstopft. Die Saugglocke, die der Film dafür benutzt, ist der plötzliche Tod des Bruders Joe (Kyle Chandler), der Lee zurück in seine unweit von Boston gelegene Heimatstadt Manchester-by-the-Sea führt. Joe hatte bereits seit einiger Zeit mit dem Wissen um einen Herzfehler gelebt, und so ist Teenager Patrick (Lucas Hedges) kaum überrascht, als ihn auf einmal nicht der Papa, sondern Onkel Lee vom Eishockey-Training abholt. Eine Szene, die eindrücklich Lonergans Talent für stets durchdachtes visuelles Erzählen im Modus des klassischen Realismus illustriert: Jody Lee Lipes’ Kamera bleibt bei den Teamkollegen, die unter ihrer gewaltigen Ausrüstung schweigend und aus der Ferne das kurze Gespräch zwischen Patrick und Lee verfolgen. Dem Drama ins Auge sehen, ihm aber nicht zu nahe auf die Pelle rücken.

Zwei Freundinnen und eine Band

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Die Gegenwarts-Ebene von Manchester by the Sea besteht nun vor allem aus der Annäherung zwischen Onkel und Neffe, eine grundsolidarische, aber auch skeptische Beziehung. Laut Testament des Bruders soll Lee sich um Patrick kümmern, die Mutter ist schon vor ein paar Jahren endgültig dem Alkohol verfallen und verschwunden. Mit Lee nach Boston ziehen kommt für Patrick allerdings nicht infrage: „I have two girlfriends and a band. I can’t leave here.“ Eine gekonnte Inszenierung von awkward comic relief durchzieht den Film. In Manchester-by-the-Sea zu bleiben, das geht für Lee wiederum nicht, und das hat eben mit dem Ereignis und seinen Folgen zu tun, jener zweiten Ebene des Films, die uns in Rückblenden erzählt wird.

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Die beiden Ebenen werden immer härter aufeinanderprallen, bis zu jenem Höhepunkt (oder Tiefpunkt), an dem Lee seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams) auf der Straße trifft. Zwischen ihnen steht noch immer das schicksalhafte Ereignis, und ihr Ausbruch steht nun in krassem Widerspruch zu Lees gequält-stoischem Blick. Verzweifelt versucht sie, eine emotionale Reaktion von dem einst Geliebten zu erhaschen, weil da noch so viel Ungesagtes ist, aber da kommt nichts, da darf nichts kommen, da wird nichts kommen. Keine Saugglocke ist stark genug, um aus Lee wieder einen stolzen Mann zu machen.

Typisch Mann oder was?

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Es lohnt, darüber nachzudenken, ob und inwieweit Manchester by the Sea selbst über das gendering seines Verstopfungs-Narrativs nachdenkt. Denn nicht nur stützt sich Lonergan auf den bekannten Kontrast zwischen weiblicher Gefühlsrhetorik und männlicher Verdrängung, er legt auch nahe, dass sein Protagonist nur durch die Beziehung zu Patrick repariert werden kann, diesem angehenden Mann, der elegant zwischen seinen zwei Freundinnen (eine blond, eine brünett) schwebt, von denen die eine sich noch vor dem Sex ziert. Am Horizont der Möglichkeiten schwebt den gesamten Film über eine gemeinsame Fahrt mit Joes Boot, dessen Motor kaputt ist (aus einer solchen Papa-Onkel-Sohn-Bootsfahrt besteht der Prolog des Films, als Patrick noch ein kleiner Junge war, als Lees Leben noch in Ordnung war). Wenn Manchester by the Sea also an etwas wie Erlösung denkt, dann in konsequent zwischenmännlichen Begriffen. Frauen sind hier entweder rumzukriegen oder haben gesund verarbeitet, was die Männer verstopft, haben weder mit den Tücken der Pubertät noch mit dem existenziellen Schmerz des Traumas etwas zu tun. Im Schlussbild werfen Patrick und Lee sich auf einem Waldweg einen Ball hin und her.

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Die Frage ist dann, ob Lonergan solchen Dynamiken auf den Grund geht oder ob er den stoischen Schmerz der Männer als universales Weltelement fortschreibt, wie Alicia Christoff unlängst in einem längeren Artikel in der L.A. Review of Books argumentiert hat. Schade ist vor allem, dass Lonergans neuer Film so stark um ein Zentrum kreist. Wo die Welt von Margaret noch in alle Richtungen offen war, jede noch so marginale Figur das potenzielle Zentrum eines eigenen Dramas, da folgt Manchester by the Sea einer glasklaren Logik von Schuld-Bewusstsein und feindlicher Umwelt, von innen und außen, von Rückblenden-Ursachen und Gegenwarts-Folgen. Vielleicht ist das konsequent, die filmische Struktur bei Lonergan eben Entsprechung der jeweiligen psychischen Struktur seiner Protagonisten. Eine eigene Distanz zu dieser Struktur aufzubauen, dazu lädt uns sein neuester Film allerdings gerade nicht ein. Lee wird irgendwie weiterleben, und weiterschweigen, irreparabel, und wir nicken betreten.

Anlässlich des Kinostarts von Manchester by the Sea zeigt das Berliner Kino Arsenal Kenneth Lonergans frühere Filme an jeweils drei Abenden. You Can Count On Me (2002) wird am 23., 24. & 26. Januar gezeigt, Margaret (2011) am 21., 25. & 28. Januar 2017.

Trailer zu „Manchester by the Sea“


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