La Buena Vida - Das gute Leben

In La buena vida entsteht ein Tableau der globalen Ökonomie vor unseren Augen, angetrieben durch den aufklärerischen Gestus eines Lehrstücks.

La buena vida - Das gute Leben 02

„Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen.“ Das schreibt Friedrich Engels im Jahr 1890, einer fiebrigen Epoche, in der die Betriebstemperatur der europäischen Imperien immer mehr ansteigt. Getrieben von den Verheißungen eines unbegrenzten Fortschritts, werden ganze Landstriche umgewälzt und verfügbar gemacht, im Ruhrgebiet entsteht über und unter Tage einer der am dichtesten besiedelten Regionen des Kontinents. 125 Jahre und zwei Weltkriege später sind wir im alten, rückgebauten Europa: Die schmutzigen Industrien sind ausgelagert, die letzte deutsche Kohlezeche schließt 2018 – wohl für immer. La buena vida beginnt mit der Sprengung eines Schachtturms irgendwo in Westdeutschland, dahinter der riesige Kühlturm eines Kohlekraftwerks, dazwischen Vogelgezwitscher. Das nächste Bild führt uns in ein grünes Dickicht, über das langsam versponnene Nebelschwaden hinwegziehen: Kolumbien.

Kohlestaub im Paradies

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Die Bewohner des abgelegenen Dörfchens Tamaquito betreiben seit Jahrzehnten erfolgreich Subsistenzwirtschaft. Es gibt viel Wald, ein paar Felder, einen Fluss, Ziegen, einige Hütten und die Dorfgemeinschaft der indigenen Wayúu. Ein begütertes Fleckchen Erde, einen Mikrokosmos der Selbstgenügsamkeit, das ist es, was La buena vida uns suggeriert – einen Ort, an dem Mensch und Welt eins sind. Was nun seinen Lauf nimmt, zeigt uns der Film somit als mustergültige Vertreibung aus einem Paradies, dessen Entstehung unklar bleibt. Einer der größten Kohletagebauten der Welt fräst sich langsam in die Erde: Schwärme gelber Ladefahrzeuge wuseln hin und her, die Straßen im Einzugsgebiet werden stündlich gegen den Kohlestaub gewässert, der in apokalyptischen Schwaden im sattgrünen Urwald verschwindet. Auf Züge verladen geht der schwarze Rohstoff direkt auf Schiffe, wird in Rotterdam wieder gelöscht und in deutschen Kraftwerken verheizt. Nicht erst seit dem besiegelten Ausstieg aus der Atomkraft werden in Deutschland wieder neue Kohlekraftwerke gebaut, und Kolumbien ist mittlerweile zum größten Lieferanten aufgestiegen – eine Erfolgsgeschichte für das südamerikanische Land. In diesem Setting erzählt La buena vida die Geschichte Tamaquitos, oder besser: die Geschichte seines Verschwindens.

Vertreibung aus dem Paradies der Subsistenz

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Wir beobachten die zähen Verhandlungen der Dorfgemeinschaft mit dem Energiekonzern Cerrejón, die Kamerafahrten vollziehen die Routinen des dörflichen Lebens nach, und doch verdeutlicht La buena vida in seiner dialektischen Szenenfolge schnell, dass Tamaquitos Ende etwas Systematisches innehat, ein Fall unter Tausenden ist. Die langsame Enteignung ist bereits von Anfang an ein Fakt, daran zweifeln wir keinen Moment. Zu mächtig ist das Gegenüber, ein Konglomerat aus Konzern, Staat und Welthandel. Die fortschreitende Auflösung des Dorfes, die der Film dokumentiert, ist so etwas wie der Nullpunkt der kapitalistischen Logik selbst. Wir ahnen schnell, dass all das nicht zum ersten Mal passiert, dass es gar nicht neu ist: War die Vertreibung aus der Subsistenz nicht auch in Europa das genuine Werkzeug, welches die Massen erschuf, in die Städte trieb, und somit den industriellen Kapitalismus maßgeblich befeuerte? Im Film werden vom Konzern Cerrejón erst mal Versprechungen gemacht: Natürlich gebe es in Tamaquito II genug Wasser, sodass das Land wie gewohnt bestellt werden könne. Für die Bewohner ändere sich gar nichts, sie seien eben nur woanders. Diese Leugnung des Ortes, des sesshaften genius loci, ist eine weitere Triebkraft des Kapitalismus, die La buena vida exemplarisch seziert. Denn bereits die ersten Bilder der neuen dörflichen Umgebung nach der Umsiedlung lechzen nach Wasser, und dass die ausgebrachten Wurzeln nach einem halben Jahr noch immer knochentrocken sind, ist nur der letzte Pinselstrich auf dem großen Gemälde der globalen Wirtschaftsordnung. Der Kommentar des Konzerns: „Macht es wie im Kibbuz, die schaffen es, auch mit wenig Wasser Pflanzen anzubauen.“ Das ist blanker Hohn angesichts des Lebensstandards der Wayúu. Deren Territorium löst sich unter ihren Augen auf; was bleibt, ist ein Fragment, eine Wüste, ein Nicht-Ort. Die Gemeinschaft hat nun Häuser aus Stein und zerfällt trotzdem. Es gibt Duschen, Toiletten, Gasherde, alles bezahlt von Cerrejón. Aber was wir sehen, ist, wie die Frauen bei Anbruch der Dunkelheit zum Kochen in den Wald zurückgehen und sich ums Feuer scharen.

Die große Bewegung, die niemand will

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All das fängt die Kamera in einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit ein, eine Inszenierung oder Theatralisierung der offenkundigen Leidensgeschichte scheint ausgeschlossen. Ruhige, bisweilen ausladende Kamerafahrten und eher sanfte Schnitte begleiten die ohnehin erstaunliche Milde, mit der die Dorfgemeinschaft ihrem Schicksal entgegen sieht. Sie vertraut auf die Kraft der Worte, den Dialog, glaubt an ihre Rechte und wird uns als homogene Einheit präsentiert. Konflikte innerhalb des Dorfes zeigt uns La buena vida tatsächlich kaum, alles schart sich hinter den Wortführer Jairo Fuentes, der zur personifizierten Gerechtigkeit wird. Während der Aktionismus des Konzerns seltsam gesichtlos bleibt. Die immer wieder beteuerte Menschlichkeit seiner Mitarbeiter sehen wir bereits im Wahn der bürokratischen Entscheidungen untergehen. Angeblich will niemand die Umsiedlung, es gibt keine Verantwortlichen, alles nur Handlanger, Stellvertreter einer größeren, unvermeidlichen Bewegung, die schon Engels so erkannt hatte, wie wir sie jetzt sehen. Die Ungreifbarkeit persönlich Verantwortlicher, wieder so ein Wesenszug der Kapitalismus, der durch den Film geistert.

Die Assoziation mit der Malerei drängt sich noch einmal auf, La buena vida ist wie ein Schlachtengemälde, ein großformatiges und hochgradig dialektisches Tableau dieser Kraft, die alles in Bewegung setzt, umwälzt, nichts an seinem Platz lässt. Und an der sich trotz aller technischen Fortschritte nichts ändert: Die Kohle als Schuhsohle des Kapitalismus, tragend, unverzichtbar, dreckig. Den Schlusspunkt bilden Grußworte der CEOs deutscher Energiekonzerne im O-Ton, die den erneuten Boom der Kohle auf der Jahresvollversammlung abfeiern: „Sehr geehrte Aktionäre, wir können mit Fug und Recht stolz darauf sein zu sagen, dass unsere Kunden sieben Tage die Woche 24 Stunden im Warmen und Hellen sitzen.“ Das gute Leben, nur für wen?

Trailer zu „La Buena Vida - Das gute Leben“


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