In der Glut des Südens

Terrence Malicks schönster Film.

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Der Farmer hat sich sein Wohnzimmer im Weizenfeld eingerichtet. Unter einem Sonnenschirm liegt er auf einem Sofa, sein väterlicher Vorarbeiter sitzt daneben an einem Tisch mit Schreibmaschine und berichtet ihm, dass er schon bald der reichste Mann der Gegend sein wird. Den Farmer (Sam Shepard) scheint dies jedoch kaum zu interessieren, seine Aufmerksamkeit richtet sich auf eine Frau, Abby (Brooke Adams), die auf seiner Farm arbeitet und die er aus der Distanz, durch ein Fernrohr, beobachtet. Das Sofa im Weizenfeld und der Blick durchs Fernrohr symbolisieren Hierarchie und Inbesitznahme, sind Ausdrücke der Unfähigkeit zu einer Verbundenheit auf Augenhöhe mit der Natur und mit einem anderen Menschen. Sie versinnbildlichen die immer wiederkehrenden Themen in Terrence Malicks Filmen: das Verhältnis des Menschen zu seinem Umfeld und das des Einzelnen zur Gemeinschaft.

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Der Farmer, der namenlos bleibt, ist einsam. Abby dagegen ist Teil einer Gruppe reisender Saisonarbeiter und zusammen mit ihrem Liebhaber Bill (Richard Gere), der sich als ihr Bruder ausgibt, und dessen jüngerer Schwester Linda (Linda Manz) von Chicago nach Texas geflüchtet, nachdem der hitzköpfige Bill im Streit seinen Vorarbeiter getötet hat. Die schmutzige „Hölle“ Chicago zur Zeit der Industrialisierung, in der Bill in der Eröffnungsszene in einer Stahlfabrik mit wütenden Gesten das „Höllenfeuer“ anheizt, steht im starken Kontrast zu den „himmlischen Tagen“ der Erntehelfer in den sonnigen Weizenfeldern von Texas, die von harter Arbeit, aber auch von spielerischer Ausgelassenheit geprägt sind. Der Originaltitel von In der Glut des Südens, Days of Heaven, entspringt einem Zitat aus der Bibel, und Malicks zweite Regiearbeit nach Badlands (1973) ist reich an religiösen Verweisen, die auf ein apokalyptisches Finale hinauslaufen, in dem das sündige Verhalten der Protagonisten mit einer Heuschreckenplage bestraft wird. In der Szene, in der die erste Heuschrecke in der Küche des Farmers auftaucht, positioniert Malick die Kamera unmissverständlich in der Gott-Perspektive.

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„You’re like an angel“, bestaunt der Farmer Abby ehrfürchtig in ihrer Hochzeitsnacht, noch nicht ahnend, dass sie ihn aufgrund seines Reichtums geheiratet hat. Später mutmaßt Linda als gleichermaßen naive wie weise, vorausahnende wie rückblickende Erzählerin der Ereignisse im Voice-over: „I think the devil was on the farm“, und meint damit vermutlich ihren Bruder Bill, der den Betrug initiierte, nachdem er herausfand, dass der Farmer nicht mehr lange zu leben hat. Es spricht für den Romantiker in Malick, dass der zum ersten Mal verliebte Farmer durch die Heirat von seiner tödlichen Krankheit geheilt zu werden scheint, denn er will zum Ärger des eifersüchtigen Bill nicht wie geplant sterben. Doch ähnlich wie in Badlands und später in Der schmale Grat (The Thin Red Line, 1998) ist Malicks Darstellung von Liebe keinesfalls romantisch verklärt. Wie der Vorgänger über ein Gangsterpärchen auf der Flucht, wenn auch in reduzierter Form, ist In der Glut des Südens gespickt mit lakonisch-nüchternen Dialogen: „I never ment to fall in love with you“ – „Nobody ask you to“ oder „A minute ago you said I was irresistible – I still am“ – „You’re hair is still the same“.

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Wie in allen Werken des Autors und Regisseurs spiegelt, kommentiert oder prophezeit die Natur das Geschehen und die Empfindungen der Figuren. Das fließende Wasser eines Flusses steht für die Flüchtigkeit eines Gefühls und Glücksmoments, ein Sturm kündigt den wachsenden Konflikt zwischen den Protagonisten an, die Jahreszeiten wechseln – auf Sonne folgt Schnee, und auch der Vollmond, die Schlange (im Paradies) und die Gräser im Wind fehlen nicht. Im Vergleich mit Badlands erzählt In der Glut des Südens seine Geschichte deutlich weniger über seine Handlung und Charaktere und verstärkt in Bildern. Ein Großteil des Films wurde von den Kameramännern Néstor Almendros und Haskell Wexler während der sogenannten „magic hour“ fotografiert, die allerdings keine volle Stunde beträgt, sondern höchstens 25 Minuten zur Zeit der Abenddämmerung, in der das Licht besonders weich ist und den Bildern eine verzauberte Schönheit verleiht. Anders als von manchen Kritikern bemängelt, ist die betörende Ästhetik der Inszenierung jedoch keine leere, rein dekorative. Das Drama ist angesiedelt zwischen Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit, Gut und Böse.

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Tracking shots, die ohne klares Ziel im Verlauf enden, unterstreichen gemeinsam mit Ennio Morricones melancholisch-märchenhafter Musik die traumähnliche Note des Films, der dabei aber fest in einem sozialen und geschichtlichen Kontext verankert ist. Malick zitiert mit seinen Bildern neben Gemälden von Johannes Vermeer und Edward Hopper vor allem die Sozialporträts des realistischen Malers Andrew Wyeth. Bills und Abbys folgenschwere Entscheidungen entspringen nicht zuletzt ihrer Armut und dem Wunsch, dieser zu entfliehen. Eine eingeblendete Zeitung, die von Präsident Wilsons „Whistlestop Tour“ berichtet, datiert die Handlung ins Jahr 1916, kurz vor den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg, und am Ende springt Abby mit Soldaten auf einen Zug auf. Wenn man die finale Apokalypse auf der Farm als Kriegsallegorie versteht, dann könnte man das Zweite-Weltkriegs-Drama Der schmale Grat, das der Regisseur erst zwanzig Jahre nach In der Glut des Südens drehen sollte, als späte Fortsetzung lesen.

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„Is there an avenging power in nature?“, heißt es darin zu Beginn. Eine Reihe von Malicks Figuren zeichnen sich durch ihren ignoranten, respektlosen oder nutznießerischen Umgang mit der Natur aus: In Badlands wird auf Fische geschossen, statt sie zu angeln, in Der schmale Grat wird ein Krokodil zum sadistischen Spaß der Soldaten festgebunden, und in The Tree of Life (2011) binden Kinder einen Frosch an einen Knallkörper. Rächen sich die Heuschrecken in diesem Film vielleicht auch für das Sofa im Weizenfeld?

Trailer zu „In der Glut des Südens“


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Kommentare


ulle

Jam ein Wahnsinn, diese Bilder und die dazu passende Geschichte.Der gesamte Film strahlt eine Ruhe, Gelassenheit und Perfektion aus, dass es mir hin und wieder den Atem verschlägt.
Die englischsprachige BlueRay Ausgabe ist vom allerfeinsten , denn auf 4 K konvertiert. Alles erstrahlt in den satten wie alten, analogen Farben. Wunderbare Bildschärfe und Kontrats, guter Ton. Eine Wunderwerk an Film. Für mich neben Badlands, das zweite große Werk. Der Rest aus meiner Perspektive... überbewertet (Thin Red) bis vollends belanglos (Tree of Life)






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