Herr Wichmann aus der dritten Reihe

In Deutschland kann jeder Politiker werden. Nur wird es nicht irgendwer.

Herr Wichmann aus der dritten Reihe 1

Neulich im Fernsehen – oder genauer in der ARD-Mediathek: eine Reportage über die ersten 100 Tage der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus. In einer offenbarenden Szene der bisweilen tendenziösen Sendung kam es zu einer Begegnung zweier Politikerinnen, beide neu im Parlament: Susanne Graf, 19, bis vor kurzem Schülerin und engagiert im Chaos Computer Club, und Regina Kittler, Die Linke, 56, bis dato Lehrerin. Kittler hebt hervor, wie sehr sie sich freue, dass sich endlich auch mal wieder junge Menschen für Politik interessieren, die nicht in den Parteistrukturen groß geworden sind. Um politische Hintergründe und Ideale geht es im Gespräch dann allerdings nicht, stattdessen sprechen die beiden über ihre Bezirke, auf der Suche nach Gemeinsamkeiten.

Die Verwurzelung in der Heimat ist eines der Leitmotive in Andreas Dresens Dokumentarfilm Herr Wichmann aus der dritten Reihe. Neun Jahre nach seiner Wahlkampfbeobachtung Herr Wichmann von der CDU (2003) fragt er erneut danach, wie Politik in Deutschland aussieht und wer eigentlich die Leute sind, die danach streben, uns andere zu repräsentieren.

Jung, aber alles andere als alternativ: Hendryk Wichmann ist 33, verheiratet, Vater dreier Töchter und bereits seit seinem 17. Lebensjahr Mitglied der CDU. Als Andreas Dresen 2002 seinen aussichtslosen Wahlkampf um ein Direktmandat für den Bundestag dokumentierte, da war er bereits seit vier Jahren im Kreistag Uckermark. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund des Berliner Landtags mit Piratenbeteiligung – der im Film allerdings keine Rolle spielt – erscheint Wichmann als das klassische Pendant eines Politikerbeamten. Natürlich hat er Jura studiert, und als heimatverbundener Brandenburger überspringt er keine der Sprossen auf der Karriereleiter. Vielmehr sucht er den ständigen Kontakt mit seinem Wahlkreis Uckermark/Oberhavel, eröffnet im Laufe des Films ein zweites und ein drittes Bürgerbüro. Es sind die kleinen Probleme, deren er sich als Repräsentant und gleichzeitig Oppositionsvertreter annimmt: Ein Hartz-IV-Empfänger wird als Mieter wegen Vermüllungsgefahr nicht angenommen; ein Fahrradweg soll verlegt werden; wegen angeblicher Unfallgefahr öffnen die Züge der Deutschen Bahn nicht mehr ihre Türen am lokalen Bahnhof. Kein Anliegen ist ihm zu unwichtig, er fasst überall selbst mit an. Das ist wörtlich zu verstehen.

Herr Wichmann aus der dritten Reihe 2

Herr Wichmann aus der dritten Reihe ist noch deutlich zugespitzter und unterhaltsamer als der erste Teil. Der naiv-unbeholfene Übereifer von Wichmann ist besser herausgearbeitet und kollidiert stärker mit seinem Umfeld. Es sind vor allem Fremdschäm-Momente, die für Komik sorgen: Das Credo, jeder Mensch sei ein potenzieller Wähler, scheint Herr Wichmann gefressen zu haben. Seine überbordende Freundlichkeit wirkt oftmals unbeholfen, gerade, wenn er jedem einzelnen Menschen, der ihm über den Weg läuft, die Hand entgegenstreckt, ganz egal, ob der gerade beschäftigt ist oder subtile Zeichen aussendet, dass er keine Zeit und kein Interesse hat (Indizien wären: Auf-den-Boden-schauen, Schnell-weitergehen, Sitzenbleiben). Am unangenehmsten berühren hier die Szenen im Landtag, zeigen Wichmann im neuen und merklich ungewohnten Habitat, in dem seine Präsenz – sicherlich auch die der Kamera – mit Augenrollen, süffisantem Lächeln, Hinter-dem-Rücken-Tuscheln und bewusst markierter Distanz quittiert wird. Dresen konzentriert sich in diesen Momenten auf seinen Protagonisten und versteht es dabei, die Realität seiner Außenseiterposition – er ist als Nachrücker ins Parlament eingezogen und sitzt tatsächlich in der dritten Reihe – mit der ebenso unangebrachten Arroganz älterer Parlamentarier zu verweben, was Wichmann letztlich wie einen tragikomischen Antihelden wirken lässt. Dresen selbst bezeichnet ihn als Don Quichote.

Einiges hat Wichmann auch dazugelernt seit dem ersten Film. Auf ausländerfeindliche Debatten lässt er sich zum Beispiel nicht mehr ein. Dass er dennoch eine bestimmte Wählerschaft in Brandenburg anspricht, merkt man nur nebenbei daran, wenn er im Bürgerbüro mithilft, damit ein Plakat gerade an der Wand hängt: Es zeigt historische Vertreibungen der Deutschen aus ehemals beanspruchten Gebieten. Auch die Grünen als Erzfeind des CDU-Manns spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. In mehreren kleinen Strängen geht es zwar wieder um praktische Nachteile von Naturschutz – ein Radweg soll etwa verlegt werden, weil die Fahrradfahrer den Schreiadler stören –, in den Diskussionen zu diesem und anderen Themen hat Wichmann aber gelernt, allgemeiner von „den Naturschützern“ zu sprechen, und die Lobby-Gruppen wie den Naturschutzbund als neuen Gegner ausgemacht. Das Niveau der politischen Aussagen ist dadurch nur unmerklich gestiegen. Wichmann klopft weiterhin gerne Sprüche, regt sich auf und macht sich mit Beiträgen auf Stammtischniveau Luft. Seine Einwürfe im Landtag – es sind nicht wenige – wirken daher oftmals wie Pöbeleien.

Wettgemacht wird das nur durch sein ehrliches und unermüdliches Engagement an der Basis. Auch wenn das nicht darüber hinwegtäuscht, dass er nichts Substanzielles, keine Ideale mit in die Politik einzubringen scheint, jedenfalls nicht zu artikulieren weiß. Dresen inszeniert das geschickt, weil er es nicht ausstellt: Familie, Hintergründe und Motivation für Wichmanns Arbeit bleiben außen vor. Stattdessen konzentriert sich Herr Wichmann aus der dritten Reihe auf den nüchternen, kleinteiligen, deprimierenden Alltag der Landespolitik eines Oppositionsmitglieds. Das ist keine Werbung für Politik, aber es schafft Verständnis dafür, dass sich nur selten Leute für solche Ämter bewerben, die nicht das Vermittlungs- oder Rechtsbewusstsein von Anwälten und Lehrern haben.

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Kommentare


haffay

Man merkt in jedem Satz, dass Herr Jaeger nicht über seinen Schatten springen kann einem Politiker, der vielleicht nicht in seiner Lieblingspartei ist, für sein Engagement Respekt zu zollen. Ich glaube Herr Wichmann vermag es mit all seiner Naivität und Unbeholfenheit doch mehr zu bewirken als Herr Jaeger mit solchen Kritiken.


Frédéric Jaeger

Vielleicht nur soviel: Ich kenne Herrn Wichmann nur durch die beiden Filme. Meine Kritik bezieht sich auf seine Darstellung im Film, die ihn zum Beispiel immer wieder dabei zeigt, wie er bei Parlamentsabstimmungen tratscht und dann ohne zu wissen, worum es geht, die Hand zum Abstimmen hebt, weil der Vordermann es auch tut. Das ist eine Zuspitzung des Fraktionszwangs, die ihn als Schäfchen dastehen lässt. Ich wollte das etwas hervorheben durch den Kontrast zu anderen jungen Parlamentariern, die jüngst ebenso medial repräsentiert wurden - nur stehen die zum Beispiel gegen Fraktionszwang. Das ist signifikant, aber natürlich nur ein Zugang von vielen, die man zu diesem Film finden kann.


haffay

Möglicherweise gehen selbst Politiker nicht vollkommen unvorbereitet in solche Sitzungen. Möglicherweise stolpern die Leute nicht zufällig in solche Sitzungen, sondern haben sich vorher in ellenlangen Diskussionen auf ein Abstimmungsverhalten geeinigt. Das kann man als Fraktiosnzwang bezeichnen, man kann aber auch sagen, dass sich die Leute auf eine einheitliche Linie verständigt haben. Das wäre aus meiner Sicht nichts Negatives.

Schade, dass mein erster Satz der Zensur zum Opfer fiel.


Frédéric Jaeger

Wir möchten bei uns Beschimpfungen vermeiden.
Noch einmal: Meine Argumentation geht weniger gegen die Praxis von Fraktionszwang (obwohl ich da tatsächlich Nachfragen habe). Ich beschreibe lediglich meine Wahrnehmung des Films: Dort wird Herr Wichmann wiederholt als ein Hinterbänkler gezeigt, der sich für die Debatten und Abstimmungen an sich nicht interessiert, sondern bloß den Parteikollegen folgt. Dass das im parlamentarischen Alltag üblich ist, will ich gar nicht bestreiten. Wenn er bereits ausführlich vorher in Debatten mitgewirkt hat, um zu der Abstimmung zu kommen, die hier in einer humoristischen Szene eingesetzt wird, dann ist das eine Entscheidung des Films, so zuzuspitzen und die Entscheidungsfindung für die "einheitliche Linie" nicht darzustellen.






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