Fish Tank
Andrea Arnold hat mit Fish Tank ein meisterhaftes Sozialdrama gedreht, das den britischen Kitchen-Sink-Realismus auf eine neue Ebene hebt.
Ein Mädchen wie ein Pingpong-Ball. Mia, 15 Jahre alt, ist fast immer in Bewegung. Mit der Kamera hinter ihr, auf den struppigen Pferdeschwanz gerichtet, geht sie schnurstracks über Straßen, Höfe, Schrottplätze. In Eile, wegzukommen von dort, wo ihr Weg begann, um sich dann am Ziel gleich wieder abzustoßen. Flieht sie aus dem Haushalt ihrer Problemfamilie (Hochhaus-Sozialsiedlung, alleinerziehende Mutter und nervende kleine Schwester), legt sie sich gleich wieder mit den nächsten Menschen an, die ihr begegnen. Strampelnd. Schreiend.
Viel mehr noch als in ihrem Langfilm-Debüt Red Road (2006) schafft Andrea Arnold es in Fish Tank, den ganzen Film so atmen zu lassen wie ihre Hauptfigur. Sie mag thematisch und handwerklich vom Kitchen-Sink-Realismus der britischen Nachkriegsjahre, von den Sozialdramen eines Ken Loach (My Name is Joe, 1998, Ladybird Ladybird, 1994) und natürlich von den Arbeiten der Dardenne-Brüder (L’Enfant, Das Kind, 2005) beeinflusst sein. Als ein Film der geschärften Wahrnehmung, der den Impressionismus mit dem Realismus versöhnt, gehört Fish Tank ihr aber ganz. Ein intimer Moment wie der, wenn Connor, ein möglicher künftiger Stiefvater, die auf der Couch eingeschlafene Mia ins Bett trägt, wird zu einer kleinen Studie in der visuellen und akustischen Darstellung von Geborgenheit – und vor allem der Sehnsucht nach ihr.
Dieser Connor wird gespielt von Michael Fassbender, dem Charismatiker des europäischen Kinos. Eines Tages steht er mit nacktem Oberkörper morgens in der Küche, geradewegs aus dem Bett von Mias Mutter Joanne (Kierston Wareing). Mia ist ihm gegenüber so abweisend wie gegenüber jedem anderen auch, zugleich ist sie von seiner selbstbewussten und charmanten Art fasziniert. Connor ist der erste, der sich für sie aufrichtig interessiert und sie bestärkt in ihrem Traum, Tänzerin zu werden. Die ohne Hoffnung und Perspektive in den Tag hineinlebende Mia verliebt sich in den mehr als doppelt so alten Mann, der anders ist als die wechselnden Liebhaber der alkoholseligen Mutter – einer attraktiven, aber verbitterten, so lieblosen wie liebessüchtigen Frau – es sonst sind.
Aber dies ist keine Liebesgeschichte. Die Figur des Connor ist so ambivalent wie jede andere Figur in diesem vielschichtigen Film, der so gut wie keine Projektionsfläche bietet und es dennoch schafft, dass man sich diesen Menschen nahe fühlt. In den Szenen mit Connor kommen sowohl Mia als auch die Kamera zur Ruhe, und selbst die Beschimpfungen des wütenden Mädchens klingen nicht ganz so obszön wie sonst. Die widerstreitenden Gefühle auf dem Gesicht von Katie Jarvis zu lesen, die hier ihre erste Filmrolle spielt, ist sensationell. Andrea Arnold hat sie von der Straße weg engagiert (sie soll ihr aufgefallen sein, als sie sich gerade mit ihrem Freund stritt). Neben Fassbender, einem Schauspieler, dessen Präsenz leicht leinwandfüllend wird, kann sie mühelos bestehen.
Fish Tank endet mit einer Szene, die zu den intensivsten, im Gedächtnis bleibenden Momenten dieses Filmjahres zählt. Mia steht ihrer Mutter im Wohnzimmer gegenüber, Tasche gepackt, bereit zu gehen, für immer; aus dem Radio kommt laut Musik, die Mutter tanzt in sich selbst versunken ihren Schlampen-Tanz, worauf wartest du, hau doch ab. Für ein paar warme Worte zum Abschied ist es längst zu spät, aber Mia durchbricht die stets latent oder auch ganz offen aggressive Stimmung, indem sie schweigend in den Tanz einsteigt und ihn zugleich verändert. Aus der aufreizenden Körperlichkeit der Mutter wird keine ausgearbeitete Choreographie, sondern vielmehr ein gemeinsames Hin- und Herschwenken im Takt, ein wenig mechanisch auch. Die kleine Schwester schließt sich bald an, und so ist diesen dreien zum ersten Mal ein Moment der Ruhe gegönnt, eine Ahnung davon, wie tief ihre Bindung trotz allem ist: die Zärtlichkeit unter der Verrohung, die Suche nach Ausdrucksmitteln, die noch nicht mit hunderten Sprengfallen am Wegesrand versehen sind. Zu zeigen, was man nicht sagen kann. I hate you. I hate you, too.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 07.09.2010
Kommentare zu Fish Tank
Martin Z. 18.01.2011 12:24
Es ist einer jener Filme, die keinen rechten dramaturgischen Anfang, keinen Höhepunkt und auch kein eigentliches Ende haben. Fish Tank ist zwar nicht ganz so schlimm, aber in etwa. Es könnte am Ende auch noch irgendwie weiter gehen. Wenn man über mehrere unnötige Längephasen hinwegsieht und gedanklich den Titel aufzuspüren versucht, kommt unterm Strich trotz allem ein beeindruckender Film raus. Die Atmo stimmt beim wohnen in der Platte und dem Faustrecht auf der Strasse. Und es gibt sogar Ansätze von Zärtlichkeit in dieser rauen Welt: Katie Jarvis als Mia überzeugt in ihrem Debüt. Sie sucht Zuneigung beim Freund ihrer Mutter. Da entsteht ein seltsames Spannungsverhältnis: Mutter - Tochter - Lover. Das trägt und findet einen Schluss, den manche vorhersehen, der andere überraschen wird und wieder andere als Flucht empfinden werden.
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Film-Angaben
Titel: Fish Tank
Großbritannien, Niederlande 2009
Laufzeit: 124 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Andrea Arnold
Drehbuch: Andrea Arnold
Produktion: Kees Kasander
Bildgestaltung: Robbie Ryan
Montage: Nicolas Chaudeurge
Darsteller: Michael Fassbender, Kierston Wareing, Katie Jarvis, Harry Treadaway, Charlotte Collins, Jason Maza, Chelsea Chase, Jack Gordon, Sarah Counsell, Brooke Hobby
Kinostart: 23.09.2010
DVD-Angaben
Titel: Fish Tank
Vertrieb: Indigo
Bild: 1,33:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 122 Minuten
Verleih ab: 25.02.2011
Verkauf ab: 25.02.2011
Titel: Fish Tank
Vertrieb: Indigo
Bild: 1,33:1, 4:3
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/DS), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 122 Minuten
Verleih ab: 25.02.2011
Verkauf ab: 25.02.2011
Copyright Fish Tank
Fotos: © Kool
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