Die Relativitätstheorie der Liebe

Dieser Film beweist vor allem eins: Relativer als Zeit, Raum und Liebe ist die Witzigkeit deutschen Humors, von dem man sich manchmal wünscht, er würde in ein Schwarzes Loch gesaugt.

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Liebe hat viele Gesichter, heißt es im Trailer zum Film. Dass hinter diversen Perücken, Nasen- und Zahnprothesen immer nur ein Gesicht steckt, wird vor allem Fans von Olli Dittrich freuen, der alle fünf männlichen Hauptrollen in Die Relativitätstheorie der Liebe spielt.

Wen das irgendwie an die Werbekampagne eines großen Elektronikmarktes erinnert, für die Dittrich vor nicht allzu langer Zeit „die härtesten Kunden des Jahres“ persiflierte, der liegt genau richtig. Regisseur Otto Alexander Jahrreiss hatte sich nach dem mäßigen Erfolg seiner Komödien Alles Bob! (1999) und Zoom – It’s Always About Getting Closer (2000) in den letzten zehn Jahren auf Werbefilme konzentriert und Olli Dittrich am Set der MediaMarkt-Kampagne kennen gelernt. Dittrichs Verwandlungsfähigkeit scheint Jahrreiss inspiriert zu haben, aus vielen kurzen Spots einen Kinofilm zu konstruieren. Thema: geschlechtsreife Großstädter auf der Suche nach Liebe.

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Kreativ austoben konnten sich dabei vor allem die Maskenbildner, besonders was künstliche (Körper)behaarung angeht, und am Anfang des Films muss man schon zweimal hingucken, um Olli Dittrich und Katja Riemann als sein weibliches Pendant zu erkennen. Dittrich mimt den gestressten Werbeagenturchef, den langhaarigen, sonnenbebrillten Musiker, den naiven libanesischen Gastwirt, den spießigen, bierbäuchigen Fahrlehrer sowie den indischen Guru mit langem, weißem Bart. Riemann spielt eine verklemmte Angestellte des Ordnungsamts, weltfremde Esoterikerin im weißen Gewand, gestylte Galeristin, Darstellerin einer Soap-Opera mit verzweifeltem Kinderwunsch und überzeugt am ehesten als lebens- und Männer-mit-festem-Po-liebende Ehefrau mittleren Alters. Diese „Charaktere“ sind zu sehr Karikatur, als dass man ihnen echte Gefühle abnimmt, und zu wenig Karikatur, als dass man sie als Persiflage auf die Stereotype deutscher Beziehungskomödien verstehen könnte.

Mit einem Minimum an narrativer Dramaturgie und Konflikten reiht Jahrreiss irgendwie Einzelszenen hintereinander, in denen die Figuren in unterschiedlichen Konstellationen irgendwo aufeinander treffen. Der Schauplatz Berlin tritt dabei völlig in den Hintergrund. Gleich dreimal begegnet Schauspielerin Alexa dem Musiker, Lebenskünstler und Samenspender Stevie: vor dem Passbildautomaten, auf einem Konzert und im Foyer einer Samenbank, wo Alexa sich endgültig in ihn verguckt und auch gleich nach der Qualität seiner Spende erkundigt. Später erklärt Stevie Alexa dann die Relativitätstheorie der Liebe, die aus der wiederholten Zufälligkeit der Einheit von Zeit und Raum bestehe, im Klartext: Wenn man sich dreimal zufällig begegnet, muss das Liebe sein.

Diese und ähnliche Pseudoweisheiten wie „Wo die Liebe hinfällt. Manchmal in ein frisch gemachtes Bett. Manchmal in eine Pfütze“, die zum Teil direkt in die Kamera gesprochen werden, dienen als Klammer, um die Aneinanderreihung häufig schlecht getimter Sketche als Episodenfilm zu verkaufen. Dass der Film nicht als Satire angelegt ist, sondern als Beziehungskomödie ernst genommen werden will, dieser Eindruck entsteht vor allem dank der völligen Abwesenheit von Ironie. Stattdessen setzt Jahrreiss auf schlüpfrige Männerwitze, wie sie etwa Fahrlehrer Paul gerne seiner Schülerin erzählt. Die wird für manchen Zuschauer zur wichtigsten Identifikationsfigur, wenn sie mit konsternierter Mine ihr Befremden darüber zum Ausdruck bringt.

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„Was für eine Zeitverschwendung!“, lästert Werbefuzzi Frieder bei den Sprachaufnahmen zu einem Spot für Würstchen. Man könnte über Die Relativitätstheorie der Liebe das Gleiche sagen, es soll aber nicht verschwiegen werden, dass im Kino mehrfach lauthals gelacht wurde, zum Beispiel über Szenen wie diese: Zu den Klängen indischer Musik stimmt Dittrich als Yogi mit seinen Schülern ein „Om“ an und verkündet: „Wir werden leicht. Wir lassen den Körper hinter uns.“ Daraufhin ist ein lautes Furzen im Meditationsraum zu hören. Furzwitze gehen immer, wird sich Jahrreis gedacht haben. Humor ist eben relativ.

Trailer zu „Die Relativitätstheorie der Liebe“


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Kommentare


Monika Finck

Gestern habe ich den Film in der Sneak Preview gesehen, wusste überhaupt nicht, was auf mich zukommt. Gelesen hatte ich auch noch nichnts darüber. Die ersten 45 Minuten fand ich eher anstrengend, dann kam das Ganze aus meiner Sicht aber in die Gänge.

Der große Überraschungseffekt dann erst zum Schluss: Riemann und Dietrich immer in anderer Aufmachung! Ich hatte mich wohl gefragt, ob Peggy oder die Schwester der Esotherikerin von Riemann dargestellt werden, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass sie 5 Frauenrollen spielt. Tolle Leistung, auch von Dietrich, bei den Männern hatte ich lediglich anfangs gedacht, Stevie wäre Pauls Sohn aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit.

Wenn man mit dem Vorwissen über die Darsteller in den Film geht, sieht man ihn ganz sicher aus einer anderen Perspektive, ich denke, dann macht er noch mehr Spaß.

Viel Vergnügen also!

Monika


Dr. Andreas+Jacke

Die Sause -"machen"

Wie schwer es das deutsche Kino hat zeigt dieser Film. Anders als "Dr. Strangelove" - indem das Konzept von Stanley Kubrick Peter Sellers in möglichst vielen Szenen auftauchen zu lassen mit dem paranoiden Flair des Films Hand in Hand geht - wird hier diese Idee für eine an den Kalauer angelehntene Reiss-auf-Komödie genutzt.
Und so werden die Doppelgänger ohne grosse Doppeldeutigenkeiten verwandt. Was fehlt ist ein reifer Überbau - indem Inszenierung in Kalkül umschlagen kann und sich so aus dem Zwang zur Banalität des alltäglichen befreit. Dennoch ein relativ mutiger Versuch.






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