Die Herbstzeitlosen
In Trub, einem schweizer Dorf, kehrt Unruhe ein, als Seniorin Martha nach dem Tod ihres Mannes beschließt, aus ihrem Tante-Emma-Laden einen Lingerie-Shop zu machen.
Mit Charme und Witz erzählt Regisseurin Bettina Oberli vom Aufstand der Alten.

Marthas (Stephanie Glaser) Mann ist gestorben. Nun sitzt sie alleine bei Bohnen, Kartoffeln und Speck am abgedunkelten Esstisch und schaut sich den Serviettenhalter ihres Mannes an. Abends zieht sie ihre Tracht an, nimmt das Bild ihres Mannes und legt sich ins Bett. Sterben möchte sie. Doch Martha erwacht am nächsten Morgen putzmunter – allerdings zu spät für die Kirche. Das bringt ihr von ihrem Sohn Walter (Hanspeter Müller-Drossaart), dem Pfarrer, zunächst einmal einen bösen Blick ein. Nur ihre Freundinnen Hanni (Monica Gubser), Frieda (Annemarie Düringer) und allen voran die lebenslustige Lisi (Heidi Maria Glössner) merken, dass es Martha nicht gut geht.
Bereits 1992 kam ein Film mit dem Titel Die Herbstzeitlosen (Used People) in die deutschen Kinos. Marcello Mastroianni umwirbt darin als alternder Joe die gerade verwitwete Pearl (Shirley MacLaine) – auch dies ein Film darüber, dass der Mensch im Alter nicht unbedingt in ruhigem Nichtstun verharren muss. Regisseurin Beeban Kidron verließ sich allerdings zu sehr auf das Spiel ihrer ebenso exzellenten wie bekannten Darsteller: Die Erzählung der Geschichte hingegen schleppte sich uninspiriert über die 115 Minuten.

Auch Bettina Oberli verlässt sich zu Recht auf das Spiel ihrer charismatischen Miminnen. Die vier Hauptdarstellerinnen sind allesamt Veteraninnen ihrer Zunft. Stephanie Glaser ist eine routinierte Theaterschauspielerin mit Kinoerfahrung: Beim Filmfestival in Locarno wurde sie 2006 mit einem Spezial-Leoparden für ihr Lebenswerk geehrt. Annemarie Dühringer hat unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder gearbeitet und war jüngst in Klimt (2006) zu sehen. Heidi Maria Glössner blickt auf beinahe 40 Jahre Theater, Musical und Film zurück, Monica Gubser gar – mit Unterbrechungen - auf über 50 Jahre Theater, Film und Fernsehen.
Die Schauspielerinnen betonen in ihrem Spiel die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere – sei es als Lisi, die amerikanisierte, Apple-Pie backende Friseurinnenmutter, oder Frieda, die disziplinierte, individualistische „Frau Direktorin“, die sich im Altenheim zurecht finden muss und der der fröhliche gemeinschaftsbildende Ton des Leiters auf den Geist geht. Ihre Damen teilen das Schicksal, in dem Emmentaler Dorf Trub alt zu werden, in dem das Dorfkollektiv ganz bestimmte Forderungen an die Alten stellt: Sich dem Schicksal fügen, langsam alles den Kindern überlassen und im Übrigen ruhig sein. Regisseurin Oberli erzählt in den Anmerkungen zu ihrem Film, dass sie sich immer fragte, warum Frauen im Alter ihrer Großmutter „nicht auch einmal etwas für sich tun, statt von morgens bis abends im Haus oder im Garten zu arbeiten.“

Also schickt sie ihre Protagonistinnen zum Ausflug in die Großstadt, wo sich herausstellt – was Lisi bereits wusste – dass Martha früher Dessous geschneidert hat und Spaß daran hatte. Infolgedessen beschließt Martha ihren Truber Kaufladen, in dem sowieso die meisten Lebensmittel bereits abgelaufen sind, in einen Lingerie-Shop umzuwandeln. Unterstützung erhält sie anfangs nur von Lisi, der Rest des Dorfes positioniert sich gegen sie. Doch auch Hanni ist schließlich gezwungen, sich gegen ihren Politiker-Sohn Fritz (Manfred Liechti) aufzulehnen und Autofahren zu lernen, damit Fritz seinen eigenen Vater - ihren Mann - nicht ins Heim abschiebt. Frieda erlebt zu ihrer eigenen Überraschung ihren dritten Frühling mit dem hartnäckigen Herrn Loosli.
Langsam erzählt Bettina Oberli die Geschichten aus dem beschaulichen Trub. Häufig nutzt sie Großaufnahmen, gibt ihren Schauspielerinnen damit den Raum, feine Nuancen der Emotionen ihrer Charaktere auszuarbeiten. Dazwischen schneidet sie Bilder der grünen Emmentaler Wiesen und der Postkartenansicht Trubs. Der einfachen Dichotomie von altbackener Dorfmentalität gegen modernen Individualismus verwehrt sie sich allerdings. Es geht Oberli nicht darum, ihre Damen zu Rock’n’Roll-Omas aufzubauen, die sich den Weg aus der Gemeinschaft in die vermeintliche Freiheit erkämpfen. Martha, Lisi, Hanni und Frieda fühlen sich wohl in Trub, Freiheiten erkämpfen sie sich nur innerhalb dieser Gemeinschaft. Ebenso verzichtet Oberli auf den platten Witz auf Kosten der reaktionären Kinder Marthas und Hannis. Auch sie haben Gründe für ihr Handeln und diese werden dem Zuschauer ebenso vermittelt.

Anders als Beeban Kidrons Herbstzeitlose verlässt sich Bettina Oberli eben nicht nur auf ihre charismatischen Schauspielerinnen. Zusammen mit Sabine Pochhammer hat sie ein ebenso charmantes wie unprätentiöses Drehbuch verfasst. So gelingt der Regisseurin mit Die Herbstzeitlosen eine leise Komödie darüber, wie man sein Leben in jedem Lebensalter verändern kann – wenn man denn dafür kämpft.
Filmkritik von Meike Stolp
Veröffentlicht am 22.03.2007
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Film-Angaben
Titel: Die Herbstzeitlosen
Schweiz 2006
Laufzeit: 86 Minuten
Regie: Bettina Oberli
Drehbuch: Bettina Oberli, Sabine Pochhammer
Produktion: Alfi Sinniger
Darsteller: Stephanie Glaser, Heidi Maria Glössner, Annemarie Düringer, Monica Gubser, Hanspeter Müller-Drossaart, Lilian Naef, Monika Niggeler, Manfred Liechti
Kinostart: 29.03.2007
DVD-Angaben
Titel: Die Herbstzeitlosen
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 86 Minuten
Extras: Audiokommentar von Stefanie Glaser und Bettina Oberli; Featurette: Dreharbeiten in Bern; Interviews mit Stefanie Glaser; Trailer; verpatzte Szenen: Funny Takes
Verleih ab: 02.11.2007
Verkauf ab: 02.11.2007
Copyright Die Herbstzeitlosen
Fotos: © X-Film
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