Detachment

„A Tony Kaye Talkie“ heißt es im Vorspann. Leider kein sympathisches Understatement: Tony Kaye hat tatsächlich eine ganze Menge zu sagen.

Detachment 1

Tony Kaye ist wohl das, was man einen Eigenbrötler nennen könnte. Mit der von der Produktionsfirma New Line ausgewählten Endfassung seines Debüts American History X (1998) war der Brite derart unzufrieden, dass er (letztlich erfolglos) versuchte, seinen Namen aus den Credits herauszunehmen. Nach diesem Streit war Kaye vorerst fertig mit Hollywood – und Hollywood mit ihm. Neben Musikvideos und einer Dokumentation über die Abtreibungsdebatte in den USA drehte er zwar auch Spielfilme, doch warten diese bislang vergeblich auf eine Veröffentlichung. Zuletzt ist sein 2009 abgedrehtes New-Orleans-Drama Black Water Transit zum Opfer rechtlicher Streitigkeiten geworden. Mit dem High-School-Drama Detachment hat nun endlich ein Kaye-Film den gesamten Produktionsprozess durchlaufen, reist durch die Festivalwelt und soll im nächsten Jahr auch regulär in die Kinos kommen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Wenn wir Kaye an diesem Werk messen, dann sollten wir uns keine Sorgen darüber machen, dass American History X ein besserer Film hätte werden können oder dass wir mit Black Water Transit ein Meisterwerk verpasst haben.

Kaye beginnt seinen Film mit einem Camus-Zitat und lässt ihn mit einem Feuerwerk an pathetischen Parallelmontagen enden, die beinahe als Parodie einer bestimmten Form des US-Independent-Kinos durchgehen könnten, wären sie nicht so unglaublich ernst gemeint. Detachment ist ein großes Chaos, ein visuell völlig überladener Trip in den Blackboard Jungle. Man mag es für innovativ halten, ein eigentlich typisch sozialrealistisches Thema surrealistisch aufzuplustern, doch Kayes Musikvideo-Ästhetik, die fast durchgängige 08/15-Musik der Newton Brothers und die beliebige Auswahl filmischer Mittel – vor allem Zooms und animierte Zeichnungen, die wohl das Innenleben der Figuren untermalen sollen – sind eher ermüdend als anregend. Angesichts der Kameraarbeit, für die Kaye selbst verantwortlich zeichnet, und des viel zu hastigen Schnitts kann man es den Bossen von New Line nicht so richtig übelnehmen, dass sie dem Regisseur während der Post-Produktion von American History X den Zutritt zum Schneideraum verwehren wollten.

Detachment  2

Höchstens Adrien Brody kann dem Ganzen ein wenig Kohärenz verleihen. Doch letztlich ist er ebenso verloren wie seine Figur Henry Barthes, ein Vertretungslehrer, der sich schon von Berufs wegen nicht auf menschliche Beziehungen einlässt und dies zu seinem Vorteil im harten Schulalltag macht. Er lässt sich auf die Machtkämpfe der Pubertierenden gar nicht erst ein: „Beleidige mich nur weiter, ich habe keine Gefühle, die du verletzen könntest“, entgegnet Barthes einem Schüler. So gewinnt er den Respekt seiner Klasse und die Zuneigung der gehänselten (aber natürlich äußerst begabten) Meredith. Aber damit nicht genug: Unser Held lernt auch noch die junge Prostituierte Erica (Sami Gayle) kennen, holt sie von der Straße und lässt sie bei sich wohnen – während er sich nebenbei noch um seinen kranken Vater kümmern muss. Doch Kaye problematisiert die Prinzipientreue und fast schmerzhafte Rechtschaffenheit seiner Travis-Bickle-Figur nicht, sondern lässt ihn als edlen Ritter durch eine verkommene Welt ziehen. Henrys Fragilität ist selbst nicht Produkt dieser Welt, sondern wird – als wären hier nicht schon genügend Themen angeschnitten – über ein Kindheitstrauma psychologisiert.

So ist Detachment formal wie inhaltlich vollkommen überladen. Die amerikanische Kritik konnte in diesem Chaos eine gewisse Leidenschaft erkennen, teilweise feierte sie Kayes Engagement als wahre Hingabe an ein wichtiges Thema und Vermittlung einer humanistischen Botschaft. Nun kann man Detachment zwar faszinierend und kurzweilig finden, sollte aber zumindest untersuchen, was der Film uns über den Zustand der Bildung und die Lage einer Generation zu sagen hat. Das Drehbuch von Debütant Carl Lund ist sicherlich ein leidenschaftliches Plädoyer – nur für was? Ein Elternabend, zu dem niemand kommt und an dessen Ende die Lehrer allein zurückbleiben, ist der stärkste Ausdruck eines Motivs, das sich durch die gesamte Handlung zieht: Die Lehrer sind mit der Situation überfordert, weil die eigentlichen Erziehungsberechtigten sich nicht genügend um die Kinder kümmern. Weil sie die Schüler trotzdem nicht verloren geben, ihnen ein wenig Führung in ihrer Orientierungslosigkeit geben, sind sie die eigentlichen Helden des Alltags.

Detachment  1

Die Verantwortung für die aktuelle Situation, die Kaye so „leidenschaftlich“ anprangert, ist hier vollständig entpolitisiert, wird als Problem familiärer Erziehung gefasst und damit auf eine rein individuelle Ebene ausgelagert. Bei ihrer Stilisierung der Lehrer zu überforderten, aber ehrenwerten Kämpfern der Erziehung greift Detachment dabei auch auf rassistische und sexistische Motive zurück. So muss Henry gleich in seiner ersten Stunde einen farbigen Jungen zähmen, der wild auf ihn losgehen will, und ein zweiter Lehrer erklärt einer leicht bekleideten Schülerin, dass sie mit ihrem Schlampen-Look unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehe. Mit einer Prämisse, die sich kritischer gibt, als sie ist, ist all dies möglich. Kayes Bildungsideal ist dabei denkbar simpel: Erziehung bedeutet, Prostituierte von der Straße zum AIDS-Test zu schleppen, sich Autorität über Jugendliche zu verschaffen, um sie durchs Leben zu führen – unzählige Male wird der Begriff der Guidance bemüht. Dabei haben wir spätestens nach dem dritten Voice-over, das Adrien Brody mit gebrochener Stimme über den Film haucht, verstanden: Wir werden gewiss gute Eltern sein. 

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Kommentare


gn-spd-brkfst

Die Behauptung, der Film greife auf "rassistische und sexistische Motive" zurück ist meines Erachtens arg aus der Luft gegriffen. In einer Gesellschaft die auch noch die Badebekleidung am Strand gesetzlich regulieren zu müssen glaubt ist eine Szene wie die porträtierte eben unumgänglich an einer öffentlichen Schule. Und dass einer der zahlreichen aggressiven Teenager schwarz ist, so what. Eine Szene weiter fragt Brody seine Schüler nach Orwells "doublethink" - mir kommt es vor als ob das auch die Grundlage solcher Auswüchse an "PC" ist.


whitelampe

"Kayes Bildungsideal ist dabei denkbar simpel: Erziehung bedeutet, Prostituierte von der Straße zum AIDS-Test zu schleppen, sich Autorität über Jugendliche zu verschaffen, um sie durchs Leben zu führen" ... dieser These stelle ich lieber folgender Gegenüber, wobei ich letzterer Recht gebe:
"Let's clear things out, this film is not about a school or the basis of education, this is about trying our best not to give a damn about others as most of us just go around doing everything in our power to be happy ourselves with a lousy job, a loveless marriage, a constant sense of abandonment or basically a crappy life (all of the above portrayed marvelously in the film)."

... sich hierbei auf die alleinige Methodik zu beziehen halte ich mit Verlaub für nicht richtig.
Es geht darum, dass man lernt Mensch zu sein und es schafft sich selber zu finden! Wer sich selbst findet, der entwickelt seine eigene Methodik dazu. Daher ist in diesem Film die Methodik rein exemplarisch, aber die Idee jene, die zählt.

-> Ich nahm mir vor diesem Kommentar eine Antwort zu verfassen, da bei Wikipedia ein einziges Zitat aus Ihrer Kritik als alleiniges im ganzen Wiki steht.
Ich hoffe, dass bei der Quellenrecherche Vernünftige auf meine Gegenmeinung stoßen.

LG
Max


kaltesKlaresWasser

detachment - trennung,abstand,bindungslosigkeit...
der film ist ein gangz großer. die szene in der erklärt wird was double thinkinking ist hat es sogar in wimp.com geschafft.
die meisten bis ende 20 werden diesen film verstehen.
der film will nicht der weltbesste film sein, er braucht es nicht, er erreicht sein ziel auch so.
wird sind alle gleich!
die vielen grandiosen schauspieler. die lehrer wie sie leiden, die schüler wie sie leiden. die kaltherzigkeit.
der film liefert auch einen seitenhieb zur politischen lage. Der aus The Wire bekannte Bürgermeister (Shiiiiiiiiiiiiiiiit) gibt ein lebendiges Negativbeispiel was passiert, wenn die von Bush eingeführte und von Obama nicht verändert "no child left behind politik" weiter so gelassen wird.
http://www.gregpalast.com/the-worst-teacher-in-chicago/

Ich verlinke das hauptsächlich, damit ihr immunisiert seid, wenn sie hier kommen und von standardisierten Tests im Schulsystem reden, und euch vorlügen, dass sie die guten Lehrer fördern und die schlechten behalten wollen.

Obama knows what Duncan knows and what Romney knows: there's no money and no need for universal education. Yes, they like to say that "children are our future." But they mean the children of China are our future, the Chinese kids who will make the stuff we want and the children of India who will program it all for us.

After all, how much education does some obese kid from Texas need to stack boxes from China in a Wal-Mart warehouse?

Education is no longer about information and learning skills. It's now about "triage." A few selected by standardized tests or privileged birth will be anointed and permitted into better and "gifted" schools.

http://www.gregpalast.com/no-childs-behind-left/

wer den film, wie ich, verstanden hat, wird öfter zuhören. sich zeit nehmen, offner und ehrlicher sein, und versuchen mit gutem beispiel voran zu gehen, auch wenn die qualen des lebens einen selbst zerbersten.


Reto Muggler

Dieser Film zeigt denen die bisher keine Antworten auf die Bildungsmisere und die Respektlosigkeit vieler Jugendlicher heutzutage gefunden haben auf sehr beeindruckende und äußerst verständliche Weise die Zusammenhänge und auch das Gegenmittel auf- Ehrlichkeit mit sich selber, Mitgefühl anstelle von Gefühllosigkeit, das Brechen mit falschen Vorstellungen vom Leben die einem täglich und rundum die Uhr von der Werbeindustrie vorgegaukelt werden und die Leute aktiv in die Irre leiten (Soviel zum Bösen in unserer Welt).
Dieser Film sollte in jeder Schule vorgeführt, danach besprochen, diskutiert und schliesslich von jedem Schüler ein Essay darüber verfasst werden.
Der Film ist (nicht nur) in seiner Botschaft grossartig!
Er ist eine grosse Wohltat und ich möchte mich bei allen Beteiligten dafür bedanken.

Wer nun wie ich den Film bereits gesehen hat dem muss sich bei der Lektüre Kraditzkes Geschreibsel der Eindruck aufdrängen es hier mit einem ausgemachten Soziopathen zu tun zu haben.
Man liest mitunter Kritiken (auch aus den USA) die derart von Selbstverleugnung und Ignoranz zeugen das einem schlecht werden könnte. Es gibt Leute denen kann man einen Spiegel vor die Nase halten und sie behaupten steif und fest darin nicht sich sondern den andern zu erblicken- widerlich.
Wiki-Eintrag daher bitte dringend ändern !


Till Kadritzke

Wenn Sie meinen, der Film habe besseres verdient, dann werden Sie doch am besten selbst tätig! Wiki-Einträge sind soweit ich weiß ohne Weiteres zu ändern, also suchen Sie sich doch eine Kritik, die Ihnen mehr zusagt, schnappen sie sich daraus einen feschen Satz und setzen ihn in den entsprechenden Teil des Wikipedia-Eintrags. Dass ein relativ nichtssagender Satz aus meinem Text dort als einziges Urteil über den Film auftaucht, da kann ich nun wirklich nichts für. Ich war's jedenfalls nicht und ich bin auch nicht beleidigt, wenn er da wieder verschwindet ;)
Warum der Text jetzt allerdings Selbstverleugnung und Ignoranz beweist, ist mir noch nicht ganz ersichtlich, aber sich selbst zu therapieren soll ja tatsächlich schwierig sein, wie man hört.
Gruß vom Soziopathen, der eigentlich gar nichts gegen Menschen hat, dem es aber nicht reicht, wenn Filme eine entpolitisierte und romantische Vorstellung von "Menschlichkeit" propagieren und diese dann auch noch gleich mitdefinieren. Wenn das bei anderen gut ankommt und sogar allgemeines Wohlbefinden auslöst, dann ist das vielleicht trotzdem eine gute Sache.


Marc

Grossartiger Film, der eher Hoffnung aus Hoffnungslosigkeit thematisiert, die Lehrer werden auch nicht als Helden dargestellt und haben allen voran der Figur Adrien Brody mit ihren eigenen Schmerzen und Fehlern zu kaempfen. Menschlichkeit wird in Detachment in aller Verwundbarkeit dargestellt, sehe dort gar nichts propagiert und schon gar nicht romantisch. Selten eine derart verfehlte Filmkritik gelesen.






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