Cassandras Traum

Woody Allens neuer Film ist mitunter sehr komisch – aber leider ernst gemeint.

Cassandras Traum

Woody Allen hätte Nachhilfestunden in Sachen griechischer Tragödie bei seinem Kollegen Sidney Lumet belegen sollen. Letzterer demonstriert zurzeit mit Tödliche Entscheidung (Before the Devil knows you’re dead, 2007), welch innere Kämpfe und persönliche Dramen der Drang zweier Brüder nach einem besseren Leben entfesseln kann. Allen beleuchtet in Cassandras Traum (Cassandra’s Dream) ähnliche Konflikte, erreicht aber bei weitem nicht die Tragik von Lumets Film.

Nach einer Reihe künstlerisch schwacher Werke konnte Allen mit Match Point (2005) einen in den letzten Jahren raren internationalen Erfolg landen, der sowohl bei zahlreichen Kritikern als auch an den Kinokassen punktete. Mit seinem aktuellen Kriminaldrama erzählt der 72-jährige New Yorker leicht verändert die Geschichte vom Emporkömmling aus schlichten Verhältnissen, der über Leichen geht, aufs Neue und wählte nach Match Point und Scoop (2006) zum dritten Mal London als Schauplatz für sein hochmoralisches Lehrstück.

Allen hat die Motive seiner inzwischen 38 Kinofilme häufig wiederholt und sich immer wieder auf die eigenen Werke bezogen. Das Problem von Cassandras Traum ist weniger, dass er Bekanntes wiederkäut, sondern dass er schludrig geschrieben und schlaff inszeniert ist und sein Publikum so wenig für voll nimmt wie seine simpel entworfenen, eindimensionalen Figuren. Die entstammen der englischen Arbeiterklasse, einem Milieu, das dem Autor und Regisseur offensichtlich fremd ist. Ansonsten würde er seinen Protagonisten nicht solch bedeutungsschwangere und stocksteife Sätze wie „The whole of human life is about violence. It’s a cruel world” oder „I am concerned about Terry. It’s his mental health” in den Mund legen.

Cassandras Traum

Besagter Terry (Colin Farrell) ist Automechaniker mit Vorliebe für Poker und Hunderennen. Sein Bruder Ian (Ewan McGregor) hilft im Familienrestaurant aus und träumt von einer Karriere als Immobilienmakler. Als er sich in die attraktive Angela (Hayley Atwell) verguckt, muss er wie der verschuldete Terry ans große Geld kommen, um die Schauspielerin zu beeindrucken. Da kommt der Besuch des reichen Onkel Howard (Tom Wilkinson) gerade recht. Der ist gerne bereit, seinen Neffen finanziell unter die Arme zu greifen, wenn diese vorher einen Geschäftspartner aus dem Weg räumen, der den bösen Onkel mit seiner Kenntnis über illegale Geschäftspraktiken ins Gefängnis bringen könnte.

Der Protagonist und spätere Doppelmörder von Match Point liest in einer frühen Szene Dostojewskis Roman Schuld und Sühne (Prestuplenie i nakazanie, 1866) - mit Begleitbuch, um ihn als ungebildeter Tennislehrer auch zu verstehen. Cassandras Traum gibt sich wie der Vorgänger als Variante des russischen Klassikers aus und reibt dem unterschätzten Zuschauer Erklärungen und Interpretationen gleich mit unter die Nase. Sorgen überdeutliche Dialoge oder überzogene Gesichtverrenkungen der Darsteller nicht dafür, dann setzt ein Unheil verkündendes Gewitter oder die aufdringliche Musik von Philip Glass ein. Cassandras Traum könnte auch „Match Point for Dummies“ heißen. Und die Moral von der Geschicht: Mord kann schlechtes Gewissen und gestörten Schlaf verursachen.

Cassandras Traum

Die gemächlich voran schleichende und stark ausgedehnte Handlung hätte höchstens einen Kurzfilm gerechtfertigt und weist zu viele überflüssige oder repetitive Szenen auf. Einige Wendungen sind derart sprunghaft und hanebüchen, dass sie unfreiwillig komisch wirken. Treibende Kraft des kriminellen Bruderduos ist Ian, der ähnlich einem Film-Noir-Protagonisten einer vermeintlichen Femme Fatale verfällt und bereit ist, für ein Leben mit ihr zum Mörder zu werden. Jene schauspielernde Angela verkörpert in einem Theaterstück eine Frau, „deren einzige Funktion es ist, erotische Spannung zu erzeugen“.

Zwischen Ian und seinem Objekt der Begierde ist die sexuelle Anziehung allerdings noch lauer als sie es zwischen Scarlett Johansson und Jonathan Rhys Meyers in Match Point war. Zwei schmucke Akteure mit vollen Lippen, ein zerfetztes T-Shirt und eine Flasche Massageöl haben dort schon nicht genügt, um überzeugend Erotik zu vermitteln. Um Ians drastische Entscheidungen zu begreifen, wäre es aber notwendig gewesen, das angeblich Faszinierende an Angela zu konkretisieren. Mehrfache „She is so beautifull!“-Ausrufe reichen leider nicht aus.

Constantin hat als Verleih gezögert, Cassandras Traum in die Kinos zu bringen und wollte ihn zunächst lediglich auf DVD veröffentlichen. Bei einem dermaßen missratenen Drehbuch verwundert es, dass Woody Allens plumpe und energielose Thriller-Tragödie überhaupt realisiert wurde. Wäre es die Arbeit eines Debütanten und nicht die eines routinierten Regisseurs, der seit 1966 fast jedes Jahr einen Film abliefert, hätte wohl erst einmal ein dringender Termin beim Script-Doctor angestanden.

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Kommentare


Martin Zopick

Bei dem stetigen Ausstoß an Filmen (jedes Jahr einen) kann nicht jeder ein Geniestreich sein. So wie dieser hier keiner ist. Es ist quasi eine Wiederholung des Themas von ‘Match Point‘ nur eine Nummer kleiner, eindimensionaler. Gut gemachte Unterhaltung, ganz nett anzuschauen und auf Hochglanz poliert.
Die beiden Brüder, die von Mördern quasi zu Brudermördern mutieren, sind recht passable dargestellt. Terry (Colin Farrell), der tablettenabhängige Schwächling bekommt Gewissensbisse. Bruder Ian (Ewan McGregor) hingegen ist der erfolgreiche und skrupellose Sonyboy. Zwischen beiden geistert noch die glatte Fehlbesetzung Kate umher (Sally Hawkins), die von Haus aus eher auf ‘Happy-Go-Lucky getrimmt ist und hier selbst in den ernsten Passagen (und die gibt es wirklich) ungewollte Lacher bewirkt.
Da das Ende zu offensichtlich ist, dreht Allen mit kurzem Kommentar in eine dritte Richtung ab. Es ging wieder einmal um das perfekte Verbrechen und am Ende erfährt der Zuschauer, dass alles ganz anders war, als die polizeilichen Ermittlungen ergaben.
Es knistert nicht, man schmeißt sich nicht weg vor Lachen und folgt der Handlung, die in der zweiten Hälfte ein ganz klein wenig an Spannung zulegt.
Und der Titel? Na gut, das Boot hieß so. Bei den alten Griechen sah Cassandra Unheil voraus, nur keiner glaubte ihr. Aber man ja sein Boot schlecht ‘Albtraum‘ nennen, als den Ort, an dem nur die Sonne Zeuge war.






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