Antichrist
Lars von Triers Antichrist ließ mit seinen expliziten Sex- und Gewaltdarstellungen die Gemüter auf den Filmfestspielen in Cannes hochkochen. Gelungen ist dem Regisseur ein wuchtiger, wirksamer, zwiespältiger Film.
Irgendwann zu Beginn der zweiten Hälfte von Antichrist, kurz bevor die Ereignisse so richtig aus dem Ruder laufen, findet der namenlose Protagonist (Willem Dafoe) auf dem Dachboden die Materialsammlung seiner Frau (Charlotte Gainsbourg) für ihre nie fertig gestellte Doktorarbeit zu den Hexenverbrennungen und Gynoziden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Sie hat sich die Zeichnungen und Berichte sehr zu Herzen genommen und glaubt zuweilen selbst, Menschen an sich, vor allem aber die Frauen seien grundsätzlich böse, gar: Erfüllungsgehilfinnen Satans.
Seine Taschenlampe leuchtet flackernd über die fürs Medium Film günstig an einem Balken aufgereihten Holzschnitte und historischen Abbildungen hinweg, so dass diese zuweilen nur schemenhaft zu sehen sind und zugleich im Halbdunkel fast lebendig wirken. Und ähnlich verdunkelt und flackernd bleibt zunächst auch die Haltung, die der Film als Ganzes zu den Gedanken seiner Protagonistin einnimmt. Das mag reine Provokation sein, schließlich ist Lars von Trier, Autor und Regisseur von Antichrist, bekannt für seine Lust daran, sein Publikum zu reizen; und auch für seine angeblichen frauenfeindlichen Haltungen ist er schon länger berüchtigt.
Der Prolog des Films ist von ergreifender Tragik: Während seine Eltern im Nebenzimmer leidenschaftlich Sex haben, klettert ein kleiner Junge aus seinem Gitterbett, erklimmt einen Tisch und stürzt durch das offene Fenster der Etagenwohnung auf die Straße in den Tod. Von Trier hat diese Szenen mit einer Hochgeschwindigkeitskamera und in Schwarzweiß gefilmt, sie spielen sich also in Zeitlupe ab, zu den tieftraurigen Klängen von „Lascia ch'io pianga“ aus Händels Oper Rinaldo.
Hier stimmt jeder Moment, die wechselnden Schnitte auf das Liebespaar, das Kind, der Sturz mitten durch flauschige Schneeflocken hindurch, die durch die Langsamkeit noch unterstrichene Ausweglosigkeit, wenn der Sturz bereits zu ahnen ist: Das ist perfekt komponiert und präzise. Und zugleich ist es natürlich auch eine Form des Kunstkinos, welche das eigene Können noch extrovertiert ausstellt – ganz im Geiste der Selbstdarstellung von Triers, der sich in Cannes zum „besten Regisseur der Welt“ ausrief.
Der Prolog deutet schon alle Themen an, derer sich der Film bemächtigen will: Sex, Tod, Schuld, vielleicht auch ein bisschen Liebe – hier wird nicht weniger als die Conditio humana verhandelt. Die Mutter (Gainsbourg) stürzt nach dem Tod in eine Trauer, die sie nur mit Medikamenten betäuben kann, ihr Mann (Dafoe) will sie daraus befreien. Er ist Psychotherapeut und offenbar sehr von sich und seinen Fähigkeiten eingenommen, aber obwohl sie sich darüber lustig macht, lässt sie sich auf seinen Vorschlag ein. Beide fahren schließlich zu einem Ort namens Eden, einer entlegenen Waldhütte, in die die Frau sich im Sommer davor mit ihrem Sohn zurückgezogen hatte, um an ihrer Doktorarbeit zu schreiben. Dort eskaliert die Situation zusehends.
Es ist zunächst sehr irritierend, mit wie wenig emotionaler Tiefe Gainsbourg und Dafoe ihre Figuren auszustatten scheinen; zueinander wirken sie auch schon im Prolog distanziert, gelegentlich kalt. Die Irritation löst der Film, ohne die Distanz je explizit zu thematisieren, schließlich oberflächlich in der Handlung auf, wenn seine Therapieversuche für sie immer mehr zur Qual werden und er schließlich unter ihrer brachialen physischen Gewalt zu leiden hat.
Von Trier liebt es explizit, bei Darstellungen von Sex und von Gewalt. Beides ist auf je spezifische Weise pornographisch (nicht umsonst wird das Subgenre für Filme wie Hostel aus dem Jahr 2005 als torture porn bezeichnet) im Versprechen filmischer Unmittelbarkeit und zumindest gut vorgetäuschter Authentizität. Blut fließt reichlich, Genitalien werden verstümmelt, ein Bein durchbohrt und was der Grausamkeiten mehr sind. Gewalt als Selbstzweck ist das aber nicht, sondern tatsächlich bestürzend und verstörend – im blutrünstigeren Horrorfilm kann man leichter innerlich von dem Geschehen Abstand nehmen. In Antichrist stellt aber die fast immer auf die beiden Protagonisten und ihre Interaktion konzentrierte, dokumentarisch anmutende Handkamera eine Nähe und Intimität her, die solche Distanzierung erschwert.
Auch in den gelegentlich eingeschobenen ruhigen Naturaufnahmen spielt Antichrist mit dem Horrorgenre und seinen Stereotypen: Nebel wabert, unheilschwanger dröhnt rhythmisch die Musik. Wenn dann aber der Therapeut im Wald seltsamen Tiergestalten gegenübersteht – einem Reh, das seine Totgeburt noch mit sich herumträgt, ein sich selbst zerfleischender, sprechender Fuchs –, dann erweckt das zwar Grusel, eröffnet aber im Kontext des Films komplexe Bedeutungsebenen, die man in gewöhnlichen Horrorfilmen selten zu sehen bekommt.
Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert hat sich an einer Deutung zu Antichrist versucht, die den Film im Wesentlichen als „Versuch in alternativer Theologie“ liest: Die Welt ist eine Schöpfung Satans, die Natur – so spricht es Gainsbourgs Figur aus – seine Kirche. Eberts Verständnis des Films ist durchweg überzeugend, zwingend ist es keineswegs. Man kann Antichrist auch als Versuch beschreiben, historisch verbürgte, aber heute weitgehend verdrängte negative Frauenbilder in grellem Licht auszustellen und dadurch einer Befragung und Kritik zugänglich zu machen. So argumentiert etwa die Journalistin Heidi Laura, die allerdings an der Produktion selbst beteiligt war und für von Trier genau diese historischen Hintergründe recherchiert hat.
Je genauer man Antichrist aber ansieht, desto problematischer erscheinen alle Festlegungen. Von Trier hat seinen Film mit so viel Material vollgestopft, mit so viel Symbolik aufgeladen und mit so vielen Anknüpfungspunkten für mögliche Deutungen versehen, dass er sich klaren Zuschreibungen entzieht. Je nachdem, welche Perspektive man auf Antichrist einnimmt, ändert sich die Wahrnehmung auf einzelne Szenen, scheint die Motivation mancher Handlungen sich zu verändern – und ganz widerspruchsfrei wird sich der Film nie erklären.
Es ist ein Schillern der Bedeutungen, das im besten Sinne kunstvoll und postmodern sein kann – oder aber ein großer Scherz auf Kosten der Kinobesucher, eine gleichwohl immer stimmige Aneinanderreihung von Szenen, die von Trier, der während der Arbeit am Film unter Depressionen litt, zu- und eingefallen sind. In dieser Lesart wäre Antichrist schlicht ein zynischer, defätistischer Kommentar zur Psychoanalyse und zum Arthouse-Kino zugleich.
So einfachen Rationalisierungen verstellt Lars von Triers Film dann aber den Weg – dafür berührt die Grausamkeit zu sehr, mit der sich hier zwei Menschen begegnen; dafür verlässt man das Kino in einem emotional zu ausgelaugten Zustand.
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 01.08.2009
Kommentare zu Antichrist
le M. 01.08.2009 19:36
Glänzende Kritik – chapeau!
Torben 16.09.2009 22:35
Obwohl das Netz voll ist mit tausend Kommentaren und bedeutungsschwangeren Auslegungen - lacht sich Herr von Trier noch ins Fäustchen. Hat denn wirklich keiner die kleine Szene gesehen? Eine kurze, scheinbare Wiederholung aus dem Schwarz-Weiß-Sequel, die fast alles erklärt. Wer den Film gesehen hat, wird sich evtl. erinnern, wer ihn nicht gesehen hat, wird nicht viel damit anfangen können: SIE HAT ES GESEHEN.
Die beste Kritik die ich bisher gelesen habe ist, der Film würde sich der Frage, ob es sich um einen guten oder schlechten Film handelt entziehen. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Viel Spass.
Torben
Torben 17.09.2009 22:19
Ergänzung. Mir ist jetzt klar, warum ich den Film brilliant sogar finde. Weil ich mit erhobener Hand die Welt ins Unglück stürze, sehend mit dem Kapitalismus f****. Unser Wohlstand, unsere Verschwendung ist die dritte Welt, ist die kommende Klimakatastrophe, ist... Pathetisch? Ja. Und? Irreal? Nein.
Die drei Bettler, die drei Affen.
In welcher Phase befinde ich mich?
Diskussionen gerne hier, gerne unter spam.this@t-online.de (ja, die Adresse funktioniert)
Jan 27.10.2009 17:05
@torben und alle anderen..
ja, es scheint so als hätte sie es gesehen..
man kann das aber auch anders lesen: in dem Moment, als ER beginnt an IHR zu zweifeln und sich die Fotos anschaut, spielt SEINE Fantasie verrückt.. vielleicht. So oder so.. es ist nicht alles erklärt damit.
Dr. Andreas+Jacke 26.11.2011 12:13
Der Film ist äusserst problematisch. Seine Schwächen in der Gewaltdarstellung die die Story förmlich zereissen sind unübersehbar. Meiner Ansicht nach der schwierigste Film des Regisseurs. Eine Zwischenstation zu Melancholia - der einfach ein Meisterwerk darstellt.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Antichrist
Plakattitel: Lars von Triers Antichrist
Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Italien 2009
Laufzeit: 104 Minuten
Altersfreigabe: keine Jugendfreigabe
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Produktion: Meta Louise Foldager
Bildgestaltung: Anthony Dod Mantle
Montage: Anders Refn, Åsa Mossberg
Darsteller: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg
Kinostart: 10.09.2009
DVD-Angaben
Titel: Antichrist - Arthaus Collection Skandinavisches Kino
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: keine Jugendfreigabe
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: Exklusives Booklet zum Film; Audiokommentar von Lars von Trier und Maurice Smith; Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 19.05.2011
Titel: Antichrist
Vertrieb: Ascot Elite
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: keine Jugendfreigabe
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial; Special Edition: Trailer; div. Making of-Featurettes; Interviews Lars von Trier, Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe; Audiokommentar Lars von Trier
Verleih ab: 08.02.2010
Verkauf ab: 18.03.2010
Copyright Antichrist
Fotos: © MFA+
BERLINALE 2012

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