A Fantastic Woman

Nichts Neues in den Culture Wars: Sebastián Lelio verfolgt den Kampf einer transsexuellen Frau um Würde mit dem handelsüblichen filmischen Vokabular. Das kann nicht nur zu einem ästhetischen, sondern auch zu einem politischen Problem werden.

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Boom, schaltet sich das Sound Design mit einem Gewehrschuss ein, als Marina (Daniela Vega) fotografiert wird. Zunächst hatte der Arzt sie nur gebeten, sich oben herum freizumachen, und ein erstes Foto gemacht, doch dann folgte direkt jene Aufforderung, die für transsexuelle Menschen noch immer mehr bedeutet als nur die übliche Scham der Nacktheit. Jetzt untenrum. Unseren Willen zum Wissen, wie es bei Marina zwischen den Beinen aussieht, stillt Sebastián Lelio nicht; nicht in dieser Szene, die den Akt des Fotoschießens als Gewalt entlarvt, und auch nicht in einer späteren Szene, wenn Marina nackt auf ihrem Bett liegt. Dann nämlich verdeckt ein Taschenspiegel ihre Scham, und anstelle eines Geschlechts sehen wir Marinas Gesicht. Man muss sich über die Deutlichkeit dieses Bildes nicht aufregen, denn an der Stelle ist ohnehin längst klar, dass sich A Fantastic Woman (Una mujer fantástica) direkt an uns richtet. Und wir sollen Marina nicht zwischen die Beine gucken, sondern in die Augen. Nicht uns fragen, wer Marina ist, sondern Marina fragen.

Eine Predigt

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Schon der Titel A Fantastic Woman dürfte vor allem für diejenigen, die sich anno 2012 nicht von Lelios Gloria haben überzeugen lassen, eine kleine Provokation darstellen. Schließlich war ein Vorwurf gegenüber diesem Film, dass Lelio keine Kosten und Mühen scheue, seine titelgebende Protagonistin in das sympathischste aller möglichen Lichter zu rücken, dass er sein Publikum quasi dazu verdonnere, sich in sie zu verlieben. Dass der Chilene auch seine neue Hauptfigur ziemlich toll findet, steht nun gleich im Titel geschrieben, auch wenn der sich natürlich vor allem der Tatsache widersetzen will, dass schon Marinas Weiblichkeit für ihre Umwelt eine Sache der Perspektive ist. So ehrlich leidenschaftlich A Fantastic Woman nun auch antritt gegen diese Entmündigung – man fragt sich doch zunehmend, wem Lelios Predigt eigentlich gilt und ob sie noch der geeignete Modus sein kann, Geschlechterverhältnisse in den Blick zu bekommen.

Ein Todesfall als Sechser im Lotto

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Zumal man sich bald etwas betrogen fühlt um den starken Beginn des Films. Da lernen wir erst mal Orlando (Francisco Reyes) kennen, einen grauhaarigen End-Fünfziger, der die deutlich jüngere Marina anlässlich ihres Geburtstages zum Essen ausführt und ihr einen Ausflug zu den Wasserfällen von Iguazú schenkt (die die Rolle des naturgewaltigen Einstiegs in den Film übernommen haben). Die beiden essen, tanzen und haben Sex, aber in der Nacht dann erleidet Orlando einen Schlaganfall; im Krankenhaus lässt sich nur noch sein Tod feststellen. A Fantastic Woman hat einen bis dahin sehr schön an diesen neuen Nullpunkt gezogen, und auch die Transsexualität ist hier im Krankenhaus noch kein Thema, sondern eine vage Ahnung, ein Kampf zwischen Personalpronomen: Der Cop spricht über Marina als Er, Orlandos Bruder Gabo (Luis Gnecco) als Sie.

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Das Ableben Orlandos stellt sich für den Film dann aber nicht als Einbruch der Tragik heraus, sondern als Sechser im Lotto: Denn zum einen ruft es die Autoritäten auf den Plan – nicht nur wegen der ungewöhnlichen Beziehung zwischen dem älteren Herrn und der jüngeren Transfrau, sondern auch, weil Orlando nach einem Treppensturz verdächtige Blessuren trägt –, die A Fantastic Woman mit den nötigen Hinweisen auf die staatlich verordnete Zweigeschlechtlichkeit versorgen. „Ich habe schon alles gesehen“, beruhigt die Beauftragte für sexuelle Gewalt Marina, und wir sollen uns vielleicht fragen, ob sie schon einmal eine so fantastische Frau gesehen hat. Zum anderen mobilisiert der Todesfall die transphobe Gesellschaft in Gestalt von Orlandos Familie, in der nur der nette Onkel Gabo Marina versteht und respektiert. „Ich weiß nicht, was ich sehe, wenn ich dich ansehe“, sagt dagegen Ex-Frau Sonia (Aline Kuppenheim), und das soll vielleicht in all jenen Szenen nachhallen, in denen uns Marina mit ihren Blicken direkt adressiert. Orlandos Sohn Bruno (Nicolás Saavedra) erniedrigt Marina dann sogar mit körperlicher Gewalt, als die es wagt, auf der Beerdigung ihres Liebhabers aufzutauchen.

Western-Duelle statt Kulturkämpfe

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Es gibt also Freunde und Feinde in diesem Film, und der Raum, den Lelio den Konfliktparteien bereitstellt, lässt keinen Kulturkampf zu, sondern nur Western-Duelle: ein paar gewinnt man, ein paar verliert man. Das Problem an diesem Gut-Böse-Schema ist natürlich nicht die Parteilichkeit, es geht in emanzipatorischen Dingen ja nicht um Kompromisse. Aber man hat den Kampf des Individuums für sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung schon so oft in dem filmischen Vokabular erzählt bekommen, dem auch A Fantastic Woman erliegt – mit seinen Spiegeln, die laut Identität schreien, mit seinen Ich-geh-jetzt-trotzdem-in-den-Club-Momenten, mit seinen ins Bild gesetzten Wunschfantasien, denen die Gesellschaft hinterherhinkt, mit seiner Katharsis against all odds –, dass die Kraft eines solchen Films mittlerweile kaum noch über einzelne Momente hinausgeht (von denen es freilich auch hier ein paar schöne gibt). Anstatt Stellvertreterkriege zu führen, in denen gesellschaftliche Rollen fein säuberlich auf die Figuren verteilt sind, müsste es doch eher darum gehen, diesem Krieg wieder neue Waffen zuzuführen. Dafür bräuchte es Filme, die ihre eigene Welt nicht aus der sicheren Position heraus einrichten, in der Welt da draußen zu den Guten zu gehören. Sondern die untersuchen, wie die Welt da draußen denn nun eingerichtet ist – um dann neue filmische Wege durchs Dickicht der Ressentiments zu schlagen, und vielleicht ganz andere Welten zu bauen.

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