Gloria

Das Leben ist ein schnulziger Song, ein Paintball-Spiel und eine hässliche Katze.

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Herzschmerz-Lieder muss man mitsingen, und chilenische Lieder dieser Art gibt es mehr als genug. Sie erzählen von der großen Liebe oder vom großen Vermissen, von Schmetterlingen im Bauch oder von der quälenden Trennung. Gloria (Paulina García) ist mit fast 60 zwar schon alt genug, um solche Lyrik belächeln zu können, aber doch singt sie fast immer mit – zumindest wenn wir mit ihr allein sind. Sebastián Lelios (Navidad, 2009, The Year of the Tiger, 2011) Film, dessen Rohfassung in San Sebastián bereits den Films-in-Progress-Award gewonnen hat, erweckt die seit zehn Jahren Geschiedene zum Leben und lässt sie noch einmal von den großen Gefühlen kosten, die ihre Schmonzetten besingen.

Aber Gloria ist alles andere als melodramatisch oder gar kitschig, und seine Hauptfigur kein armes Herzschmerz-Opfer. Sie fristet das mühsame und manchmal traurige Dasein eines Singles, aber an ihr nagen keine Depressionen. Morgens verzweifelt sie nicht am Leben, sondern höchstens an der hässlichen Katze des Nachbarn, die sich ständig in ihre Wohnung verirrt. Abends hängt sie nicht an einer verrauchten Bar und versinkt in Bitterkeit, sondern lehnt charmant am Tresen eines Tanzballs, erobert im nächsten Moment das Parkett und flirtet selbstbewusst mit den Männern. Auf diese Weise lernt sie auch den etwas älteren Ex-Marineoffizier Rodolfo (Sergio Hernández) kennen, der ihr schon bald rührende Gedichte schreibt, sie zu einem Essen auf einem Aussichtsturm ausführt und ihr seinen ganz eigenen Erlebnispark mitsamt Paintball-Feld und Bungeeschaukel vorführt. Rodolfo entfacht zwar ein kleines Feuer in Gloria, doch die neue Beziehung droht zunehmend zur Enttäuschung zu werden, weil sein Handy stets in den falschen Momenten klingelt und er kein Interesse daran zu haben scheint, seinen beiden erwachsenen Töchtern die neue Lebensgefährtin vorzustellen.

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Lelio beobachtet sehr genau, verfällt aber nicht jenem Detailzwang, der schon einige Festivalfilme aus Chile und Argentinien in einer nicht immer zuträglichen formalen Strenge eingeschlossen hat. Die Kamera scheint weniger einer geplanten Inszenierung zu gehorchen als der großartigen Paulina García, die einer ohnehin schon toll angelegten Figur eine dezente und dabei ungemein anziehende Präsenz verleiht. Und so folgt der Film einer ungeheuer starken Frau, die ihre neue Affäre genießt, ohne sich von ihr abhängig zu machen, die ansonsten herzhaft lacht, tanzt, singt, Sex hat, die hässliche Katze vergisst und uns ganz nebenbei ein bisschen Kinogeschichte in Erinnerung ruft.

Lelio lotet nicht die Möglichkeit von Liebe und Körperlichkeit im fortgeschrittenen Alter aus, sondern setzt sie voraus. Es geht ihm nur sekundär um die gesellschaftlichen Tabus, mit denen Sexualität jenseits der sechzig noch immer belegt ist. Vielmehr zeigt er die ganz individuelle Schwierigkeit auf, sich mitsamt der Jahr für Jahr schwerer werdenden Last der Vergangenheit auf Neues einzulassen und den in der Jugend wie selbstverständlich beschworenen Moment zu genießen. Bei diesem Motiv in einem chilenischen Film ist man natürlich schnell dabei, die Handlung sorgfältiger auf nationale Allegorien zu untersuchen. Doch auch wenn man dabei auf ein paar Kommentare zum „alten Chile“ und Fernsehbilder aktueller Protestbewegungen stößt, würde eine Pinochetisierung der so intimen Dynamik des Films doch eher schaden.

Die ganz persönliche Vergangenheitsbewältigung meistert Gloria jedenfalls deutlich besser als die Männer in ihrem Leben; das wird während einer Familienfeier deutlich, auf der sie ihren geschiedenen Gatten nach langer Zeit wiedersieht und man sich gegenseitig die neuen Partner vorstellt. Hier gibt es keine Lieder zum Mitsingen mehr, der Sohn spielt nur schwermütig auf der Geige, und die einstmals Verliebten sehen sich alte Fotos an. Aber es ist nicht die alleinstehende Geschiedene, die sich hier ihres Scheiterns oder ihrer Abhängigkeit bewusst wird. Während Gloria den Abend genießen kann, im Reinen scheint mit Vergangenheit wie Gegenwart, bricht ihr stockbetrunkener Ex-Mann heulend über einem Foto zusammen, und Rodolfo fühlt sich so fehl am Platz, dass er die Feier heimlich verlässt.

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Dass Gloria im letzten Drittel glücklicherweise einfach nicht aufhören mag, obwohl in jeder Szene ein mögliches Schlussbild steckt, das setzt ihn noch einmal deutlich ab von anderen Filmen, die etwas zu sagen hatten über die Liebe im Alter. Für Gloria wie für den Film gibt es keinen Abschluss, keine Erkenntnis, sondern, ganz altersunabhängig, nur das nächste Einlassen auf die von den Schmonzetten besungenen großen Gefühle – nicht, um in ihnen eine zeitlose Wahrheit zu erkennen, sondern um immer wieder aufs Neue mit ihnen zu spielen, sie mal mehr und mal weniger ernst zu nehmen. Und vor allem nicht, um sich von ihnen besiegen zu lassen, sondern um sie zu genießen, in schallendes Gelächter zu überführen oder im Ernstfall mit einer Paintball-Kanone abzuknallen.

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Kommentare


Martin Zopick

Der Film spiegelt eine weite Palette der menschlichen Emotionen wieder. Und obwohl es genaugenommen um die Generation 50-Plus geht, ist da viel allgemein Menschliches zu finden.
Paulina Garcia ist das Gesicht des Films. Sie erlebt im Kampf gegen das Alleinsein Freude und Glück, Hoffnung, Frust und Enttäuschungen.
Vor allem aber betont Regisseur Sebastian Lelio die sexuelle Erfüllung im Alter. Und Gloria zeigt sich mutig wie Gott sie schuf, wenn sie auf Wolke Sieben schwebt.
Mit viel Einfühlungsvermögen nähert sich die Handlung dem Wagnis einer Liebe in der letzten Lebenshälfte. Vorsichtig, zaghaft, abwehrend einwilligend geht Gloria auf einen potentiellen Partner Rodolfo (Sergio Hernandez) zu. Dessen schauspielerische Leistung steht der von Paulina Garcia in Nichts nach. Er ist unsicher, etwas tapsich und folgt Gloria ins sexuelle Glück, obwohl er weiß und der Zuschauer ahnt es schon bald, dass er gebunden ist. Man sieht ihm die innere Auseinandersetzung förmlich an. Unterschwellig werden auch die mangelnde Flexibilität und die leichte Verletzbarkeit im Alter deutlich.
Nicht erst bei Glorias Rache kommt Komik auf. Schon vorher wirbelt sie voller Elan und Witz durch manch humorvolle Situation. (siehe Lachkurs oder ihr Umgang mit seinem Handy, ihrem Feind!) Und sie hat Steherqualitäten, bei denen die Tragik von Komik überdeckt und ein versöhnliches Ende Hoffnung macht. Ein großartiger Film, nicht nur für die Zielgruppe 50-Plus.


Doris Frendeborg

Der Film ist schilicht und ergreifend langweilig. Ich bin nach fünfzig Minuten gegangen.






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