Homophobe FSK-Freigabe für Romeos

Man kann sich über die Bedeutung der Freiwilligen Selbstkontrolle in Deutschland durchaus streiten. Dabei macht ihre Existenz grundsätzlich Sinn. Gerade sehr explizite Sex- und Gewaltdarstellungen können auf junge Zuschauer nun einmal verstörend wirken. Im Gegenzug verhindert eine hohe Altersfreigabe aber auch, dass ein Film einem größeren Publikum zugänglich gemacht wird. Wenn eine Einrichtung derart viel Macht über den kommerziellen Erfolg oder Misserfolg eines Films hat, sollte man meinen, man würde sich zumindest um eine sachliche Beurteilung bemühen. Die Freigabe von Romeos …anders als du denkst ab 16 Jahren lässt allerdings gehörig an der Urteilskraft der FSK zweifeln.

Romeos - Poster

Romeos ist im Grunde genommen eine konventionelle Teenie-Komödie über die erste Liebe, die sich nur durch ihren Helden unterscheidet. Denn Lukas war vor einiger Zeit noch ein Mädchen und setzt nun alles daran, die letzten Spuren seiner Weiblichkeit zu verbergen. Bemerkenswert an Sabine Bernardis Film ist, dass der Wechsel zum anderen Geschlecht kein Eintritt in die Heteronormativität ist. Statt in ein Mädchen verliebt sich Lukas nämlich in den Schwerenöter Fabio.

Man muss Romeos nicht gut finden. Die Inszenierung ist etwas grobschlächtig, der Humor ein wenig plump. Jugendgefährdend ist das aber keineswegs. Das Verdienst des Films ist ein ähnliches wie bei Marco Kreuzpaintners Sommersturm. Er erzählt eine nicht heterosexuelle Liebesgeschichte für ein breites und junges Publikum.

Zumindest theoretisch. Gerade weil der Film keinerlei explizite Sexszenen beinhaltet, liegt der Schluss nahe, dass der FSK der natürliche und unverkrampfte Umgang mit dem Anderen sauer aufgestoßen ist. In der Begründung zur ungewöhnlich hohen Freigabe lautet es unter anderem: „Das Thema selbst ist schon schwierig für 12- bis 13-jährige und die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen.“

Es ist nicht nur blanker Hohn, dass die FSK gleichzeitig Filme freigibt, die sehr viel desorientierender auf Jugendliche wirken, sondern auch, dass man dort ernsthaft davon ausgeht, dass Jugendliche schwul, lesbisch oder transsexuell werden, weil sie solche Filme schauen. Das Urteil ist ebenso wie die Begründung ein Skandal. Vielleicht ist ja das letzte Wort noch nicht gesprochen. Als die FSK etwa Keinohrhasen trotz Fäkalsprache und Sexszenen zunächst ab 6 Jahren empfahl, war sogar Til Schweiger überrascht. Erst nach Protesten wurde die Freigabe schließlich auf 12 Jahre hochgesetzt.

Kommentare zu „Homophobe FSK-Freigabe für Romeos


Kim

Romeos verzerrt die Realität transsexueller Menschen und behauptet, Geschlechterklischee lässt grüssen, transsexuelle Menschen wären biologisch als etwas anderes geboren, als das, von dem sie wissen, dass sie es sind. Das war es dann auch schon. Eine Zensur durch die FSK ist aber unangemessen.


Martin

Die FSK betreibt keine Zensur - abgesehen davon sind die Einordnungen in der Regel zu niedrig.
Im Artikel wird von "jugendgefährdend" gesprochen - "FSK 16" gibt den Film für Jugendliche ab 16 frei - erst ab einer Einstufung FSK 18 wäre das zutreffend.


Lutz Granert

Zugegebenermaßen ist die Wortwahl der FSK etwas unglücklich, aber ich finde die Beurteilung inhaltlich dennoch nachvollziehbar. Der Film ist "übersexualisiert" und spricht ein Thema an, welches 12-13-Jährige in der sexuellen Identitätsfindungsphase schlicht überfordert. Die Argumention, "dass Jugendliche schwul, lesbisch oder transsexuell werden, weil sie solche Filme schauen", trifft also mitnichten zu.

Zum Film, den ich auf dem Exground in Wiesbaden sah: Heterosexuelle gibt es kaum, Promiskuität wird gefrönt, geschätzte 90% des Films beschäftigen sich mit der Sexualität des Protagonisten, das "Alltagsleben" zwischen nicht sexuell aufgeladenen gesellschaftlichen Teilbereichen wird ausgeblendet. Das ist für meinen Geschmack sehr einseitig und somit kann man in meinen Augen zumindest bei dieser Prüfung und schließlichen Freigabe ab 16 Jahren der FSK keinen Vorwurf machen.


Frédéric Jaeger

Deine Argumentation, Lutz, geht doch in die gleiche Richtung wie die vom FSK: Eine Fokussierung auf eine schwule/transsexuelle Identitätsfindung ist schädlich im Gegensatz zu einer heterosexuellen Normalität. Filme sind immer verzerrte Realitäten in dem Sinne, dass sie Perspektiven bieten. Da finde ich die Stellungnahme vom LSVD sehr treffend: "Hat sich die FSK schon mal überlegt, welche Belastung die wiederholte Darstellung von vermeintlich normaler Heterosexualität für heranwachsende homo- oder bisexuelle Menschen hat?"
http://www.lsvd.de/index.php?id=1701

Ob der Film an sich eine 16er-Freigabe verdient oder nicht, ob er "übersexualisiert" ist im Gegensatz zu Filmen wie Twilight etc., kann ich nicht beurteilen, da ich den Film nicht gesehen habe. Aber wenn Du schreibst, bereits das Thema überfordere 12-13-Jährige, dem kann ich nicht zustimmen. Diese heteronormativ verbrämte Sichtweise und Begründung der FSK ist es, die skandalös und inakzeptabel ist. Wieso sollte eine "Desorientierung" schlecht sein?


Lutz Granert

Ich vermute einen stark ausgeprägten pädagogischen Ansatz der FSK, auch wenn ich nach wie vor einige der tatsächlich sehr missverständlichen Formulierungen bedauere. Natürlich gehören Homosexuelle und Transsexuelle ebenso zur Lebensrealität wie Heterosexuelle, aber es geht darum, eine Entscheidung zu finden, wann Kinder reif dafür sind, mit jeder Spielart der Sexualität konfrontiert zu werden. Und dabei sehe ich in "Romeos" mangels sachlicher und differenzierter Fakten zum Thema Transsexualität weniger den "Aufklärungsfilm", den der LSVD darin erkennen möchte als ein klischeelastiges Drama, dass nur allzugern körperliche Reize im Gegensatz zum Innenleben des Protagonisten in den Vordergrund rücken lässt und somit in dieser zweifelhaften Fokussierung eine zweifelhafte Botschaft vermittelt.

Für mich geht also die FSK-Freigabe ab 16 Jahren vollkommen in Ordnung, nur bei der Begründung habe ich einige Bauchschmerzen, weil sie tatsächlich eine "heteronormativ verbrämte" Sichtweise, wie du es nanntest, nahelegt.


Frédéric Jaeger

Nun, genau bei diesem einen Punkt, treffen wir uns wohl nicht: "aber es geht darum, eine Entscheidung zu finden, wann Kinder reif dafür sind, mit jeder Spielart der Sexualität konfrontiert zu werden." Darum dreht sich die Auseinandersetzung: Sind Kinder jederzeit reif mit Heterosexualität konfrontiert zu werden, nicht aber mit Homo- oder Transsexualität? Schon hier beginnt die Diskriminierung.
Und was wäre denn hier die "zweifelhafte Botschaft", die dir aufstößt? Ich frage, weil die Fokussierung auf sexuelle Reize (die Du schon erwähntest) in jeder Prime-Time-Model-Show eine zentrale Rolle spielt. Hauptsache heterosexueller Blick?


Lutz Granert

Die zweifelhafte Botschaft ist, dass Homosexuelle bzw. Transsexuelle ein ultimatives, alle anderen Lebensbereiche dominierendes Sexleben haben, ständig Partner tauschen und ein Partyleben führen (so suggerieren es die Nebenfiguren), den ganzen Tag an nichts anderes als ihr Sex- und Liebesleben zu denken scheinen. Insofern geht der Film selbst auch ärgerlichen Stereotypen von "schwulen Sexmonstern" auf den Leim. Ebenso würde ich die FSK 12-Freigabe eines ähnlich gelagterten, "heterosexuellen" Films kritisieren.

Zu den Model-Shows: Würde eine homosexuelle Version davon gesendet, würde sie zur gleichen Sendezeit laufen, wenn sie dieselben Quoten bringt. Und ich denke, genau da haben die Programmchefs der Privatsender ihre Bedenken.

Die Beantwortung der Frage um die Konfrontation von Kindern mit Sexualität halte ich für sehr schwierig. Ich finde es jedoch keine Lösung, Kinder so früh wie irgend möglich damit zu konfrontieren, was du mit "jederzeit" meinst. Und dann besteht nach wie vor die Frage nach der Präsentationsform bzw. des Grades der Explizität. Die Umschreibung mit "Liebe" und den Ausdruck von Zuneigung durch Küsse - auch für Kinder unter 12 ok - sind etwas Anderes als suggerierte "Dauergeilheit" und nackte, aneinandergeschmiegte Körper.






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