Auf Schnuppertour – Notizen aus Karlovy Vary

Karlovy Vary blickt auf 80 Jahre Festivalgeschichte zurück. Wuchtige Naturaufnahmen finden sich in der Retrospektive, kleine Gesten stehen im Zentrum eines tourismuskritischen Debütfilms. Zum Schlüssel dieser ersten Eindrücke wird ein historischer Kurgast.

„In Karlsbad herrscht Hochbetrieb. Was nicht in Baden-Baden ist, hat hier zur Stelle zu sein. Die wundertätigen Wasser spielen eine Nebenrolle. Weit wichtigere Gründe verpflichten dazu, die Saison hier zu verbringen. […] Jedermann will Verbindungen anknüpfen oder noble Bekanntschaften, will von sich reden machen, in der Zeitung stehen oder sonstwie wichtig erscheinen. Jedermann? Nicht jedermann. Der, von dem wir hier sprechen werden, will just das Gegenteil.“

So begann Egon Erwin Kisch, der in Prag geborene „rasende Reporter“, die letzte Reportage seines Lebens, eine unterhaltsam nacherzählende Rekonstruktion der drei Kuraufenthalte, die Karl Marx in den Sommern 1874, 1875 und 1876 nach Karlsbad verschlugen. Marx, zu diesem Zeitpunkt bereits weltberühmt, hatte körperliche Gebrechen („Rippenfellentzündung, Lungenentzündung, Kopfnervenentzündung, Karbunkel, Lungengeschwür, Ischias“), war chronisch überarbeitet (Vorbereitung der französischen Fassung des „Kapitals“) und litt außerdem unter großer Geldnot („mangelnder Mammon“). Kischs Text, der mithilfe von Polizeiakten, Kurlisten, privaten Korrespondenzen und anderen Archivalien entstand, datiert von 1946 – dem Jahr, in dem die erste Ausgabe des hiesigen Filmfestivals ausgetragen wurde.

Den Blick scharfstellen, die Sehgewohnheiten erden

Seitdem wurde die ohnehin reiche Geschichte der Stadt, die heute Karlovy Vary heißt, filmgeschichtlich noch um einiges reicher, es kam ein weiterer wichtiger Grund hinzu, die Saison in Karlsbad zu verbringen. Heute schaut man zurück auf 80 Jahre Festivalgeschichte, aber auch auf 60 – ein kurioses Doppeljubiläum, das daher kommt, dass sich Karlovy Vary und Moskau zwischen 1958 und 1994 mit der Ausrichtung abwechseln mussten. Die diesjährige Retrospektive „KVIFF 60/80“ versteht sich im besten Sinne als Nabelschau und versammelt eine Auswahl von 16 wegweisenden Filmen aus der Festival-Historie, darunter bekannte Autorennamen wie Konrad Wolf, Ken Loach oder Powell/Pressburger und leider kein einziger Film einer Frau.

Als Kontrastfolie zu den Konventionen und Konventionsbrüchen des Gegenwartskinos erfüllen Retrospektiven auf Festivals für mich immer den Zweck eines Korrektivs: den Blick scharfstellen, die Sehgewohnheiten erden. In Glauber Rochas The Turning Wind (Barravento, 1962) und Giuseppe De Santis’ No Peace Under the Olive Tree (Non c’è pace tra gli ulivi, 1950) gelingt die Erdung besonders gut, weil in beiden Filmen der Grund, auf dem die Menschen leben – die Hügel der Ciociaria bei De Santis, der Sand von Bahia bei Rocha – von buchstäblich elementarer Bedeutung ist. Sowohl die italienischen Schafhirten als auch die brasilianischen Fischer leben mit der und gegen die Natur, sie sind abhängig von ihr und von vielleicht noch höheren Kräften. Die Kamera setzt diese Abhängigkeit ins Bild. Großaufnahmen entschlossener Gesichter; Totalen von Menschen, die sich über Felsformationen und Wellenberge fortbewegen, in der Landschaft herumspringen und -rennen; die Landschaft selbst in aller Härte und Schönheit. In beiden Filmen wird außerdem ausgiebig in Gruppen gesungen und spektakulär getanzt.

Es geht so lange glatt, bis es schiefgeht

In diesem Fall haben De Santis und Rocha (und die zufällige Selbstkuration der Ticketbuchungen) meinen Blick dafür geschärft, dass die Arbeit, die in „neuen“ Filmen gezeigt wird, häufig entfremdete Arbeit ist. Karl Marx hat es Zeit seines Lebens, nämlich Kraft seines Todes 1883, nicht mehr zum Kinogänger gebracht. Marx, dem Kurgast und dem Kapitalkundigen, hätte Mate Ugrins Petty Thieves vermutlich gefallen, denn der Film handelt von Tourismus, Care-Arbeit und Geld an der kroatischen Küste, und wie das alles miteinander zusammenhängt. Rio und Andrea sind Servicekräfte in einem Hotel in Istrien. Rio arbeitet als Aushilfe in der Küche und schaut gelegentlich bei seinem dementen Großvater vorbei, der im Laufe des Films ins Heim kommt. Ansonsten treibt er sich beim Cruising im teilbewaldeten Küstenabschnitt herum oder knöpft nachts badenden und feiernden Tourist*innen die Geldbeutel ab. Das geht so lange glatt, bis es schiefgeht.

Andrea beobachtet ihn einmal dabei, erste Szene des Films, und verpfeift ihn nicht, wird neugierig. Im Hotel ist sie für die Maniküre zuständig, also nicht gerade damit betraut, sich oder anderen die Hände schmutzig zu machen. Aber sie hat auch Ambitionen in die andere Richtung. Während sie sich freundschaftlich annähern, verbinden Rio und Andrea ihren komfortablen Hotelzugang mit der Neigung zum Kleindiebstahl. Sie sorgen füreinander: er stiehlt, sie steht Schmiere. Die Gäste, die sie ausnehmen, sind zugleich ihre Ausbeuter*innen, eine blasierte Italienerin wäre eigentlich eh viel lieber an der Côte d’Azur. Die Hotelarbeit mit ihren Haupt- und Nebensaisons und doch immer gleichen Abläufen lässt sich auf den Limbo-Zustand und die Perspektivlosigkeit der beiden jungen Menschen beziehen, aber Ugrin bläst die Parallelen nicht zum Sinnbild auf.

Petty Thieves, der in der zweiten Wettbewerbssektion „Proxima“ läuft, ruft zwar nicht unverblümt zur länderübergreifenden Vereinigung aller Proletarier auf, aber immerhin zwischen diesen beiden kroatischen Servicekräften wird ein starkes Band der Solidarität geknüpft. Vor allem aber ist das wunderbar zurückhaltend und überhaupt wunderbar gefilmt. Kameramann Ivan Marković versteht sich hervorragend auf nächtliche Bläue und weiß, dass man das Meer am besten über Bande filmt: über die Kräuselungen des Windes oder das adriatische Glitzern der Sonne durch Pinien.

Mineraldämpfe und der Duft der Cinephilie

Die Hotelgäste in Petty Thieves sehen aus wie Menschen, die gern Parfüm tragen und dabei Wert auf die Marke legen. Das KVIFF hat mit dem Label „Alexmonhart“ für die Jubiläumsausgabe eigens einen Duft kreiert, der versucht, „die Atmosphäre der samtigen Polsterung, des legendären Kinos und des Staubs, der sich in den Falten der schweren Vorhänge festgesetzt hatte, […] einzufangen“, schreibt „Forbes Tschechien“. Neben dem üblichen Merch (Pulli, Kuli, Kaffeetasse) findet sich im Festivalshop also ein Parfüm mit dem klangvollen Namen „The Cinephile“. Als unparfümiert lebender Mensch fühle ich mich nicht angesprochen, als Kino liebender Mensch auch eher nicht.

Als Warenfetischsympathisant wollte ich trotzdem wissen, wie sie riecht, die Cinephilie bzw. wie die Urheberin des Dufts sich die Geruchswünsche der Cinephilen vorstellt. Im Festivalshop wird der Flacon in einer gläsernen Vitrine olfaktorisch abgedichtet präsentiert, ein Teststreifen aus Papier lädt zum Beschnuppern ein. Marx führte die geringe Vogelpopulation in den Karlsbader Wäldern auf „thermale Schwaden“ und „Mineraldämpfe“ zurück. Ingwer, Zitrusfrüchte, Pfeffer, Litsea cubeba, Pflaume, Nelke, bulgarische Rose, Lavendel – soll alles drin sein in dem Parfüm. Riecht gut, nach Wald, Wiese und Frucht und gottseidank wenig nach Kino. Mit Geruchsübertragung sind Filme ohnehin überfordert, es bleibt nur der übertragene Sinn: Indem Petty Thieves die Stinkreichen an der Nase herumführt, setzt der Film in Karlovy Vary eine erste Duftmarke.

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