Wer marschiert mit der Filmbranche?

Über die Wünsche von Filmemachern, die Kritik solle mit ihnen „Seite an Seite marschieren“, und das fehlende Bewusstsein für die wirklichen Probleme der Filmpublizistik.

„Wir müssen reden“ war der Titel des „Beziehungsgesprächs“, zu dem sich am Freitagabend in Berlin Vertreter der Filmbranche und Filmkritiker trafen. Auf der Einladung hatte es geheißen: „Seit über Filme geschrieben wird, fühlen sich die Filmemacher verraten und ungeliebt. Seit sich die Filmemacher ungeliebt fühlen, fühlen sich die Filmkritiker unverstanden.“ Von wegen gegenseitiger Abhängigkeit: Tatsächlich drehte sich fast der gesamte Abend um verletzte Gefühle von Produzenten und Regisseuren. Die wirklich heißen Eisen, wo etwas im Argen liegt mit den Filmen und der Kritik in Deutschland, wurden lediglich gestreift.

Die Deutsche Filmakademie und der Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) hatten zusammen mit der Produzentenallianz eingeladen: Auf dem Podium nahmen die drei Zeitungsredakteure Cristina Nord (taz), Peter Körte (FAS) und Andreas Kilb (FAZ) Platz sowie Produzentin und Verleiherin Manuela Stehr (X Filme/X Verleih), Produzent Sven Burgemeister (Vollidiot, In jeder Sekunde, Die Wanderhure), Regisseur Marc Rothemund (Sophie Scholl, Mann tut was Mann kann) und als Überraschungsgast Regisseur, Produzent und Schauspieler Til Schweiger (Keinohrhasen, Schutzengel).

Kritik aus Lust, nicht aus Wut

Ernüchternd an dem Abend war der skrupellose Ansatz der Filmemacher, die ganz offen im Medium der Filmkritik vornehmlich eines suchten: Werbung für ihre Filme. Enttäuschend aber auch die in die Defensive getriebenen Kritiker: Zwar konnten sie einige Vorurteile entkräften, dennoch waren sie nicht in der Lage, den Filmemachern den Spiegel vorzuhalten. Stattdessen wehrten die Printredakteure reihum die Vorwürfe von sich, die die Filmemacher an die allgemeine Adresse der Kritik richteten. Nein, mit persönlichen Angriffen und mit Artikeln, die „unter die Gürtellinie“ zielen (Rothemund), könnten sie sich nicht solidarisieren (Körte). Und „Kritiker, die sich auf ihr Handwerk verstehen und eine gewisse Expertise mitbringen, unterlassen es“, „sich etwas vollkommen anderes vorzustellen und dann enttäuscht zu sein, weil man nicht bekommt, was man erwartet hat“ (Nord). Es wurde über Sorgfalt gesprochen, so lange, bis sich das Podium einig war, dass das Problem der Kritik nicht auf demselben zu finden sei.

Immerhin wurde aus Autorensicht recht klar formuliert, dass Kritiker einen Anspruch darauf hätten, aus Leidenschaft zu schreiben und entgegen dem Wunsch von Burgemeister, nur „aus Lust, nicht aus Wut“, auch dann, wenn es um den Ausdruck von Missfallen geht – Emotionen müssten schließlich auch dann erlaubt sein, wenn sie negativer Natur sind. Manuela Stehr hingegen gemahnte, unter dem positiven Eindruck der begeisterten Kritiken zu Michael Hanekes Liebe, die zu dessen Erfolg beigetragen hätten, an die große Macht und Verantwortung, die von Kritikern ungenügend wahrgenommen werde. Sie brachte zudem die Hoffnung zum Ausdruck, wenn keine positiven Gefühle vorherrschten, dann könnten Kritiker Informationen vermitteln, damit Zuschauer sich selbst ein Bild machten. Ähnliche Erwartungen wurden immer wieder von Filmemacher-Seite geäußert: Sachlich und objektiv sollten die Texte sein, sich nicht selbst zum Kunstwerk erheben („Film ohne Kritik geht, Kritik ohne Film geht nicht“, so Burgemeister), dafür aber die Arbeit aller Crewmitglieder würdigen, weil es so schwierig sei, einen Film zu machen.

Die Til-Schweiger-Show

Schweiger etwa beschwerte sich, die polemischen Kritiken gingen nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen „die hervorragenden Kameramänner, gegen die Special-Effects-Leute, gegen die Schauspieler, in meinen Filmen spielen immer die tollsten Schauspieler mit und die werden nicht gewürdigt wie in Amerika“. Weder auf diese Steilvorlage noch auf die sonstigen Einwürfe von Schweiger wurde allerdings dezidiert eingegangen. Auch seiner Aufforderung, sich dafür zu schämen, wie nun seine 15-jährige Tochter – der er eine Hauptrolle im letzten Film anvertraut hat – angegriffen werde, wurde nichts entgegnet. Unwidersprochen konnte er darüber hinaus seine Auffassung propagieren, er schütze seine Filme – die er vorab stets nur vereinzelten Journalisten zeigt (siehe Artikel zu Schutzengel), – deshalb vor der Presse, um auch die Fördergelder zurückzahlen zu können (woraufhin das Publikum, zum größten Teil Filmemacher, klatschte und johlte). Munter erzählte Schweiger kurz darauf auch eine Anekdote, wie sich die dpa dagegen wehrte, dass er seinen Film nicht der von der Redaktion designierten Autorin zeigen wollte. Schweiger beharrte darauf, dass der Journalist darüber schreiben sollte, der ihm gegenüber den Film bereits gelobt hatte. Geradezu empört erklärte er, der Autor habe schließlich den Film nur sehr verhalten bewertet.

Die angebliche Unschuld der Filmbranche

Während der Tonfall von entrüstet über aggressiv bis versöhnlich und wieder zurück wechselte, blieb das Gespräch auf eine trübe Weise einseitig. Wenn von Verantwortung die Rede war, dann war es nie die der Filmemacher. Nicht zuletzt lag das freilich daran, dass der Abend kaum moderiert wurde. Das Ungleichgewicht brachte die Filmredakteurin Anke Lieske (Berliner Zeitung) aus dem Publikum auf den Punkt: „Dass sich die Kritik hier dauernd rechtfertigen soll, das ist kein Gespräch, das ist ein Verhör.“ An dieser Grundkonstellation änderte sich unterdessen nichts, bis kurz vor Schluss Andreas Kilb einmal selbst zu Fragen an die Branche ansetzte („Wie geht es euch denn eigentlich als Filmakademie?“ „Ihr tut so als sei bei euch alles in Butter, als sei die Filmkritik das Problem, als sei alles wunderbar mit der Deutschen Filmakademie, mit der deutschen Filmbranche … warum eigentlich?“), auf die allerdings nur ausweichende Antworten kamen. So blieb auf beiden Seiten offen, wo eigentlich die wahren Probleme der jeweiligen Zunft liegen. Gegen den wiederkehrenden globalen Vorwurf, die Filmkritik bespreche internationale Produktionen positiver als deutsche, verwehrten sich die Redakteure sicherlich zu recht. Doch man hätte auch ganz naiv gegenfragen können: Wenn dem so wäre, könnte es dann vielleicht doch auch ein ganz klein wenig an der Qualität der Filme selbst liegen? Dass sich die Redakteure zurücklehnten und nicht zum Gegenangriff übergingen, war vielleicht angesichts der angespannten Stimmung für sie die einzige Möglichkeit, souverän zu bleiben. Grundsätzlich ist die naheliegende Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Worüber müssen wir reden?“ aus Sicht der unabhängigen Kritik wohl auch: Einen Redebedarf gibt es gar nicht – jeder für sich und alle für den Film.

Mit dem Fluchtpunkt „Deutscher Filmpreis“ – zu dem ein kleiner Kreis von Redakteuren am Tag zuvor einen offenen Brief veröffentlicht hatte – gab es eine Art MacGuffin, der zusätzlich dafür sorgte, dass die alltägliche Arbeit der Filmbranche an dem Abend nie thematisiert wurde. Denn obwohl ausgiebig über die Frage debattiert wurde, ob Kritik im einzelnen „unfair“ sei, wurde mit keinem Wort erwähnt, dass die Presse- und Marketing-Arbeit etwa eines Schweiger, aber auch einer Firma wie X-Verleih – die beide auf dem Podium vertreten waren – ebenso in Frage zu stellen wäre.

Der Luxus der Kritik

Wenn von Einflüssen auf die Kritiker die Rede war, dann in der Form von redaktionsinternen Fragestellungen nach „Platz“ für bestimmte Themen oder der Konkurrenzsituation zwischen unterschiedlichen Zeitungen. Aus dem Publikum thematisierte Rüdiger Suchsland die Boulevardisierung vieler Zeitungen und den bei Lokal- oder Regionalzeitungen existierenden Druck, positive Besprechungen zu veröffentlichen, damit der jeweilige Kinobetreiber die Annoncen nicht zurückziehe. Dass es den gleichen Druck auch bei überregionalen Medien geben könnte, schien niemanden zu tangieren. Peter Körte bestätigte aber immerhin, er befinde sich in einer „luxurierenden“ Position bei der FAS. Das sehe ich ähnlich: Die von den drei Printredakteuren geschilderte Realität scheint weitgehend abgekoppelt von dem Umfeld, das ich persönlich kenne. In der Folge möchte ich daher mit sechs Thesen beschreiben, wie ich die Lage aus der Warte der Online-Filmpublizistik einschätze – im Wissen, dass die Situation auch auf manch andere Bereiche übertragbar ist, allerdings ohne mir anzumaßen, einschätzen zu können, worauf sich die grundlegenden Sorgen der Filmbranche richten.

These 1: Kritik kann kein Teil der „Branche“ sein

Ich verstehe die Filmbranche als eine Gruppe von wirtschaftlichen Akteuren, deren primäres und verbindendes Ziel die Erhaltung, Festigung und Optimierung der eigenen Produktions- und Distributionsverhältnisse ist. Deren Interessen überlagern sich zwar von Zeit zu Zeit mit denen von Kritikern, haben aber grundsätzlich wenig gemein, weil die einen im Modus der Affirmation gegenüber den eigenen Werken und dem Umfeld operieren müssen (oder bestenfalls „konstruktiv kritisieren“ dürfen), die anderen im Modus der Analyse und des kritischen Auseinandernehmens das Gegenüber aus einiger Distanz betrachten. Obgleich es also temporäre Bündnisse geben kann, wie zum Beispiel für bessere Sendezeiten für Spielfilme im Fernsehen, sind diese aufgrund des stets unterschiedlichen Ansatzes nur beschränkt möglich und oftmals fragwürdig. Für die Kritik besteht immer die Gefahr, sich für fremde Zwecke einspannen zu lassen. Für Branchenmitglieder wiederum kann die Sorge bestehen, sich von potenziellen Auftraggebern und Geschäftspartnern zu entfernen.

These 2: Versuche der Verbrüderung sind für beide Seiten heikel

Die grundlegende Spaltung zwischen Kritik und Branche wird ständig und von beiden Seiten unterwandert. Doch so sehr es akzeptable Praxis zu sein scheint, dass die Filmbranche für den eigenen Vorteil Filmkritiker umwirbt, so anrüchig muss es bleiben, wenn Journalisten die Nähe der Macher suchen. Dies ist ein Dilemma, weil andererseits der Austausch mit Filmschaffenden durchaus lehrreich sein kann und es überhaupt erst ermöglicht, informiert über die Branche zu berichten. Das amerikanische Branchenblatt Variety hat dafür eine möglicherweise vorbildhafte Trennung der Ressorts eingerichtet, sodass jeweils unterschiedliche Leute Interviews führen und Kritiken schreiben. Ob das letztlich auf alle Medien angewandt praktikabel wäre, ist natürlich zweifelhaft. Auch sind die Honorare in vielen Fällen so gering, dass die Verknüpfung unterschiedlicher Tätigkeiten ohnehin zum Berufsalltag der meisten freien Journalisten gehören muss. Davon unberührt bleibt, dass die Referenzsysteme von Branche und Kritik nicht in Einklang zu bringen sind – und dort, wo sie dies regelmäßig scheinen, sollten wir wohl besser nicht von Kritik sprechen, sondern von Journaille.

Dass es im Übrigen vereinzelte Filmemacher gibt, die sich auch einer Sphäre der cinephilen Auseinandersetzung mit Film verbunden fühlen, ist mir durchaus bewusst und muss auch ausdrücklich gewürdigt werden. Diese Akteure bilden allerdings schon rein wirtschaftlich eine Ausnahme, dadurch dass ihre kulturelle Distinktion sie oftmals (mehr oder weniger freiwillig) daran hindert, neben der Aktivität als Autorenfilmer etwa auch Werbung oder Doku-Soaps zu inszenieren. Insofern verstehen sich diese Filmemacher in Deutschland auch nicht in gleichem Maße als ein Teil der Branche und werden außerdem von anderen ausgegrenzt. Diese Position verbindet sie wiederum strukturell und oft auch persönlich mit einigen Kritikern, die sich etwa zu einer Verbundenheit mit bestimmten ästhetischen Strömungen oder Haltungen bekennen und sich für diese stark machen. Und selbstverständlich ist eine solche Distinktionslogik der affirmativen Assoziationen, quasi unvermeidbar, auch Abspaltung von einem wie auch immer gelagerten Mainstream.

These 3: Kritik jenseits des Mainstreams ist fragil

Ein Magazin zu betreiben, das sich für Auseinandersetzungen mit Filmen jenseits von Story und Schauspiel interessiert, ist eine marginale Angelegenheit. Ethische Leitsätze der Filmkritik durchzuhalten, ist fast unmöglich. Sich ein solches Ideal aber überhaupt zu geben, ist ein Versprechen, quasi außerhalb der Ordnung von verlegerischen Zwängen zu operieren, aus Leidenschaft und nicht selten auf ehrenamtlicher Basis. Auch critic.de hat bereits mehrfach auf Einladungen von internationalen und nationalen Filmfestivals zurückgegriffen, die im Gegenzug zur Berichterstattung Reise- und Unterkunftskosten übernahmen. Zwar sind die Einladungen de facto nie an konkrete Forderungen geknüpft, und eine Besprechung der gezeigten Filme ist ohne Rücksicht auf deren Interessen möglich, dennoch ist dies im engen Sinn nicht unproblematisch. Obgleich diese Debatte womöglich eine falsche Unterstellung suggeriert – nämlich dass Journalisten bereits mit einem Freigetränk hier oder da milde gestimmt würden –, kommt man solchen ethischen Fragen wohl nur mit grundsätzlichen Regeln bei, egal wie wenig sie praktikabel sind. Andere Redaktionen, wie neuerdings die des Springer-Verlags seit der Diskussion über Vorteilsnahmen des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff, verzichten offiziell in einer Übereinkunft der Chefredakteure „freiwillig“ auf solche Einladungen. Tatsächlich hat es das Problem aber lediglich verschoben, nämlich auf die Schultern freier Journalisten, die dann an die Stelle der Redakteure treten, weil sie von den internen Leitlinien nicht betroffen sind und wirtschaftlich noch angreifbarer sind.

These 4: Kritik ist käuflich

Die Klagen der Filmemacher über negative Kritiken scheinen geradezu zynisch, wenn man darum weiß, wie Verleiher regelmäßig die Form der Besprechung direkt an Werbebuchungen koppeln. Bei critic.de habe ich mehrfach die Erfahrung gemacht, dass Verleiher mit dem Verweis auf eine negative Kritik keine Werbung gebucht haben. Auch gezielte Anfragen von PR-Agenturen, die bei uns Texte „kaufen“ wollten, haben wir bereits erhalten (und abgelehnt). Da verwundert es nicht, dass die umsatzstärkeren Portale allesamt andere Strategien fahren. Von freien Autoren und ehemaligen Mitarbeitern erfährt man recht unverblümt, aber leider nicht zitierfähig, wie die Medien (das gilt dezidiert auch für Printfachzeitschriften) sich alle Mühe geben, Werbekunden zu halten, und im Zweifelsfall kritische Berichterstattung dafür opfern. Und obwohl ich hier aus rechtlichen Gründen keine Namen nennen kann, sei darauf verwiesen, dass die reichweitenstärksten Filmportale alle ähnlich operieren, oftmals genügt aber ohnehin ein Blick auf die Werbebanner und die daneben stehenden Texte. Gleichzeitig nimmt die Vermischung von redaktionellen und werbenden Inhalten mit allerlei „Aktionen“ und „exklusiven Trailer-Premieren“ zu. Zwar könnte man argumentieren, es handele sich hier lediglich um vorauseilenden Gehorsam. Fakt ist aber, dass viele mir bekannte Verleiher dies einfordern. Nur leicht verzögert tragen letztere insofern eine Mitschuld am Zustand der unabhängigen Filmkritik, indem sie einen unlauteren Wettbewerb zwischen Publikationen fördern, die sie vor die Wahl stellen: Werbung oder Kritik. Wäre die Lage eine andere, dann hätte möglicherweise das Filmmagazin Schnitt nicht gerade seine Türen schließen müssen.

These 5: Wir brauchen Gegenmächte in der Diskursökonomie

Es gibt eine gewissermaßen natürliche Machtverteilung zugunsten des Mainstreams, das gilt sowohl für Filme als auch für Medien. Wer viel hat, dem wird viel gegeben: Aufmerksamkeit, Zuschauer, Leser. Kritik muss sich daher immer auch als Korrektiv verstehen, den Blick subjektiv und engagiert auf Interessengebiete zu fokussieren jenseits von Marktzwängen. Im Alltag heißt dies: Sich gegen Klicks und für Unbekanntes entscheiden. Für die Analyse, gegen den Bericht vom roten Teppich. Denn im Netz ist die Logik von Nachfrage und Angebot noch direkter als anderswo zu spüren: Gegoogelt wird nur nach Bekanntem, geklickt wird auf reißerische Überschriften – der flanierende Leser ist die absolute Ausnahme. Man muss sich deshalb noch lange nicht in jeder Hinsicht den Aufmerksamkeitsmechanismen verwehren, aber es ist wichtig (und ein guter Ansporn), einen Gegenpol zu bilden, der sich bewusst gegen PR-Floskeln und thematische Moden entscheidet. Selbstverständlich müsste man sehr naiv sein, um zu glauben, es sei möglich, als einzelner Akteur etwas gegen millionenschwere Marketingetats auszurichten. Aber gerade aufgrund der Übermacht und Allgegenwart von Werbung und als Kritik getarnter PR gibt es mindestens eine Nische, wenn nicht gar ein Bedürfnis für Gegenstimmen.

These 6: Wenn die Qualität des Diskurses sinkt, sollte das die Filmbranche beunruhigen

Es ist kein Geheimnis, dass die Qualität der öffentlichen Diskussion systemischer Fragen der Kinoproduktion in Deutschland zu wünschen übrig lässt. Von den Branchenblättern, die in ihren Kommentarspalten sich damit begnügen, der Filmwirtschaft nach dem Mund zu reden, ist in dieser Hinsicht wohl ohnehin nichts zu erwarten, zu sehr sind sie zerrieben zwischen der Notwendigkeit, keine weiteren Anzeigenkunden zu verlieren, und dem Bedürfnis, sich selbst als Teil der Branche zu verstehen. Und dort, wo noch ein solcher investigativer Diskurs in Ansätzen geführt wird, geschieht das in einem stets prekären Rahmen, der mit dem meist ungenutzten Potenzial von großen Verlagshäusern in keinem Verhältnis steht. Der Branche selbst wird ein solcher Mangel langfristig schlecht zu Gesicht stehen, denn der Ansporn, den reger Austausch über Film und dessen Herstellung auslösen kann, ist unschätzbar wertvoll. Dafür braucht der Diskurs Freiheiten, die er sich nur selbst nehmen kann. Unterdessen nimmt die Gefahr nicht ab, dass er wegen mangelnder Solidarität abgewürgt wird. Auch dagegen könnte sich die Deutsche Filmakademie einsetzen und als vermittelndes Organ innerhalb der Filmbranche aktiv werden. Und obwohl der souveräne Redakteur eigentlich nur den Film, seinen Kopf und einen Stift braucht, vielleicht hat der Kritiker im Elfenbeinturm doch tatsächlich in unserer heutigen Medienlandschaft mehr denn je ausgedient. Wenn beide Seiten zusammen kämen für eine ernsthafte Diskussion, die sich jenseits von Kritikerbashing und Opferrollen den zentralen Problemen beider Sphären widmen würde, dann müsste womöglich die Frage nach den Vergabekriterien des Deutschen Filmpreises gar nicht auf den Tisch.

Kommentare zu „Wer marschiert mit der Filmbranche?“


Ekkehard Knörer

Sehr schön. Finde ich alles völlig richtig, wenngleich es mir etwas zu defensiv klingt. Gerade aus der marginalen Position kann man doch das Selbstbewusstsein ziehen, dass einem der ganze korrupte Scheiß wirklich wurscht sein kann. Andere Verhältnisse kann man sich wünschen, aber herbeiführen lassen sie sich, wirft man nur einen kurzen Blick auf die aktuell dagegenstehenden Interessen, Geschmäcker und Kräfte, sicher nicht.


Frédéric Jaeger

Danke. Klar, schwer einen solchen Impetus zu vermeiden. Mir war es nur wichtig, nicht beim "jeder für sich"-Punkt aufzuhören. Denn so ganz kann man sich ja nie aus den Verhältnissen herauslösen. Obwohl natürlich am besten dann, wenn man sich eh schon tendenziell an den Rändern bewegt. Egal ist mir das Umfeld freilich sowieso nicht.


Christoph Hochhäusler

Danke für den Text. Ergänzen könnte man vielleicht, dass es durchaus Filmemacher gibt, die Kritik als GEGENÜBER sehen, als KORREKTIV und HERAUSFORDERUNG. Ich habe das mal aus meiner Perspektive für DIE ZEIT aufgeschrieben, kann man hier lesen ((die Überschrift ist nicht von mir): http://www.zeit.de/online/2008/47/Filmkritik-heute/komplettansicht

Ausserdem wollte ich noch auf Revolver Heft 14 verweisen, Schwerpunkt Filmkritik, das weiterhin kostenlos heruntergeladen werden kann, und zwar hier:

http://www.revolver-film.de/Inhalte/Rev14/html/Revolver_Heft_14_download.pdf

Grüße,

C


Ekkehard Knörer

Naja, ist ja sichtlich und zum Glück unvermeidbarer Weise eine Form von "egal", die mit Wut nicht inkompatibel ist. Ich meine eher: Bloß keine Rücksichten auf irgendwelche Empfindlichkeiten.


Ekkehard Knörer

Und ist es nicht auch ein Teil des Problems, dass sich in Kommentarfeldern wie diesen immer nur die üblichen Verdächtigen (Christoph, ich) zu Wort melden - und zum Beispiel nicht Katja Nicodemus, eine der Initiatorinnen des offenen Briefes, die hinter den Kulissen ja offenbar einige Aktivitäten entfaltet, aber - soweit ich weiß - nicht nur nicht auf die Idee kam, Onlinekritiker einzubeziehen, sondern wohl auch im Traum nicht daran dächte, sich mal offen einer Diskussion im Netz zu stellen? Es gibt da einige kritische Fragen auch an die Kritik als medienkonservative Bruder- und Schwesternschaft zu richten. (Vgl. auch Rüdiger Suchslands Artikel http://www.heise.de/tp/blogs/6/153014)


James Findling

Christoph Waltz hat nach seiner Oscar-Prämierung viel von sich gegeben, aber ein Satz beschreibt die Lage ziemlich gut, auch wenn ich ihn nur sinngemäß wiedergeben kann:

"In Deutschland werden Filme gemacht wie Produkte und vermarktet wie Kunstwerke, in den USA ist es umgekehrt."

Ziemlich pauschal, aber nicht ganz falsch. Filmkritik sollte ein besonderes Augenmerk auf einheimische Produktionen legen, aber bitte keine unterschiedlichen Maßstäbe bei der Bewertung anlegen. Wenn wir statt Meryl Streep und Kevin Spacey nur Christine Neubauer und Uwe Ochsenknecht vorweisen können und unsere Drehbücher nicht von Charlie Kaufman sondern von Leo P. Ard geschrieben werden, sollten wir nicht so tun, als befänden sich diese Personen auf einer künstlerischen Ebene. Die Folge dieser in Deutschland gern praktizierten Doppelmoral ist lediglich, dass Veronika Ferres, Til Schweiger und Co. zu glauben beginnen, sie wären große Stars und junge, tatsächlich talentierte deutsche Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren so mit Lob überschüttet werden, dass sie glauben, sie hätten es bereits geschafft, während sie in Hollywood kaum Fuß gefasst hätten. Das Problem ist nicht, dass deutsche Produktionen zu positiv besprochen werden, sondern nicht kritisch genug! Qualität setzt sich durch und solange deutsche Feuilletons Mittelmäßiges für herausragend halten und bei Unterdurchschnittlichem mehrere Augen zudrücken, wird sich in unserem von den finanziellen Rahmenbedingungen her weltweit einzigartig gut ausgestatteten Filmparadies wenig ändern.


Ciprian David

Danke für diesen essenziellen Beitrag zum Diskurs, Frédéric!

Zum letzten Kommentar von Ekkehard Knörer und vielleicht als Zuspitzung der 5. These von Frédéric:

Habe ich unrecht, wenn ich die Nicht-zu-Wort-Meldung der Unterzeichner hier der Tatsache zuschreibe, dass Filmkritik im Print und Online sich unterscheiden müssen?

Im Print hat sie noch die klassische Rolle: Zeitung am Donnerstag aufgeschlagen wird über Filme gelesen und daraufhin geht es ins Kino. Also Dienstleistung.

Im Internet ist die erreichte Öffentlichkeit keineswegs mehr als eine Nische. Mit Ausnahme der Großen Seiten, die, wie Frédéric absolut richtig hinweist, dank finanziellen Drucks zur Prothese der PR-Maschinerie umfunktioniert wurden. So kann Kritik im Online nur noch die Funktion bedienen, den Mainstream zu umgehen, und sich als Wegweiser zu verstehen zwischen Zuschauer und dem, was abseits des Kinos unentdeckt bleibt. Das muss sie ja tun, um sich auch von den unzähligen schlechten Blogs zu distanzieren, die Kinobesuche oder den DVD-Markt verschriftlichen. Also Vermittlung einer Leidenschaft für gewisse Filme. (mit der erzieherischen Komponente, die Frédéric erwähnt)

Denn, so leid es auch tut, und so respektabel man schreibt, man kann im Online in Deutschland keine große Öffentlichkeit erreichen, die eine einzige Seite liest, bevor es ins Kino geht. Also wie im Print kann es nicht funktionieren.

Das heißt nicht, dass ich uns in dieser Diskussion vom Tisch weggefegt sehe. Aus dieser Perspektive gehört man als Online-Kritiker wohl zu diesem Diskurs (was man den Offlinern natürlich noch verclickern muss). Bloß, dass ich vermute, die Offliner sehen hier nicht einen Ort dafür, sondern eher in den Kommentaren unter einer der Veröffentlichungen des offenen Briefs. Dort, wo sie eben Öffentlichkeit sehen.

Und das würde natürlich die interne Debatte über den Ernst wecken - Offliner im Artikel, Onliner mit dem Publikum, in den Kommentaren. Und darum müssten die Offliner den Schritt hierher machen und den Graben endlich mal überqueren.


Elisabeth Maurer

Vielen Dank für den Text. Die Veranstaltung hätte ich sehr gerne besucht. Was in der Debatte meiner Meinung nach zu kurz kommt bzw. absichtlich nicht miteinbezogen wird, ist das Publikum. Die Wechselwirkungen zwischen Branche und Kritik finden nicht in einem System aus zwei Kräften statt, die Zuschauerschaft (Leserschaft) ist in diesem Gefüge die dritte, die eigentlich entscheidende Kraft (ohne zu vernachlässigen, dass auch Filmemacher und Kritiker Zuschauer sind, aber sie bilden eben doch nur einen sehr speziellen Kreis). Erzieherische Funktion schön und gut (klar gibt es sie, sowohl bei Kritik als auch in der Branche, und sie ist wichtig und eine große Verantwortung), wir stehen keiner unmündigen Masse gegenüber. Und dann trägt das Publikum eine nicht zu vernachlässigende Verantwortung dafür, was für Filme gemacht werden und was für Kritiken es gibt. Daher darf man es in einer solchen Diskussion nicht außen vorlassen und sollte auch die Beziehungen zwischen Branche und Publikum sowie zwischen Kritik und Publikum beleuchten. Natürlich könnte dabei am Ende herauskommen, dass wir uns alle umsonst bemühen, weil die große Mehrheit des Publikums hochzufrieden ist bzw. wenig Interesse an den Fragestellungen hat...


Frédéric Jaeger

Danke für die Hinweise und Ergänzungen. Zu dem Punkt der Feuilletonisten kann ich selbst noch hinzufügen, dass ich die Initiative auch inhaltlich nicht komplett teile, ich halte u.a. den Adressaten für verkehrt: Der Beauftragte für Kultur und Medien bei der Bundesregierung, also Bernd Neumann, kann und müsste regelmäßig überprüfen, ob die Mittelvergabe durch die unabhängige Institution Deutsche Filmakademie noch gut vereinbar ist mit dem Förderzweck, der ja kultureller Natur ist. In meinem Artikel hab ich ja schon darauf verwiesen, dass ich andere Probleme für wichtiger erachte, nicht etwa, weil ich denke, dass 3 Millionen wenig wären, aber weil ich darum weiß, wie oft auch Jury- und Gremienentscheidungen daneben gehen. Ich würde mich insofern persönlich weniger an Einzelentscheidungen aufhängen, sondern am Grundprinzip: Ich habe wenig Vertrauen in eine gruppendemokratische Entscheidung, selbst wenn sie mit dem neuen, sicherlich weniger für Manipulationen anfälligen Abstimmungssystem nach Condorcet-Methode durchgeführt wird.
http://de.wikipedia.org/wiki/Condorcet-Methode
Das ist aber ja sowieso ein neuer Komplex.
Zur Selektion der Unterzeichner beim offenen Brief und der Ausgrenzung anderer durch Bekanntschaft: Einerseits ist es schon auch nachvollziehbar, dass sich da Kollegen gegenseitig fragen, die sich kennen und zutrauen, während der internen Diskussion ihn nicht schon publik zu machen. Andererseits ist es ein klares Symptom einer Garde an Feuilletonisten, die zumindest allem Anschein nach sich nur untereinander über Filmkritik verständigen. Zwar habe ich aufgrund des Einwurfs von Rüdiger Suchsland inzwischen auch nachgeschoben eine Einladung erhalten, den Brief noch mitzuzeichnen, habe mich aber wegen der inhaltlichen Punkte dagegen entschieden (und wie Ekkehard anderswo bemerkte: Mir ist er auch zu lasch formuliert.). Natürlich hängen viele Redakteure auch noch einem bei allem "Einmischen" über offene Briefe o.ä. veraltetem Bild von Filmkritik als unidirektionalem Medium hinterher. Ich will das nicht allzu sehr kritisieren, weil wir auch bei critic.de oft mitbekommen, dass die Kommentare wenig einladen zu einer Diskussion und eher schnippische Retourkutschen darstellen von Lesern, die ihre Meinung nicht bestätigt sehen. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn der ein oder andere bereit wäre, die aktuelle Print/Online-Kluft (und über elektronische Medien wie Radio und Fernsehen könnten wir auch reden, obwohl Fernsehen vielleicht weniger als Radio) zu überwinden. Nur zu.
Elisabeth: Ja, wo bleibt das Publikum. Ich weiß das selbst nicht, glaube aber, dass es sich hier einerseits um eine sehr spezielle Frage, nämlich eine berufsethische, handelt, die insofern selten weitere Kreise ziehen kann. Andererseits sind meine Ausführungen zu den Problemen der Filmkritik, frei zu bleiben von Marketing-Einflüssen (im weiten Sinn) schon genau an sie gerichtet. Denn das ist ja für uns irgendwie selbstverständlich, wahrzunehmen, dass da bei den großen Portalen Kritiken gekauft sind. Aber wir sollten schon auch regelmäßig drauf hinweisen. Denn nur weil die Leser das irgendwie hinnehmen, können sich die Betriebe das leisten.


Edda Bauer

Nach rund 15 Jahren als freier Filmjournalist für Printmedien habe ich vor 3 Jahren einfach das Handtuch geworfen. Das hatte nur zum Teil etwas mit den Filmverleihern zu tun. Mal im Ernst, ich kann doch einem Film-Produzenten, -Verleiher und womöglich auch -Macher keinen Vorwurf daraus machen, dass er mich als Filmkritiker nicht mag. Im Gegenteil, das muss sogar so sein! Schließlich bin ich ein potenzieller ihm-in-die-PR-Suppe-Spucker. Zu meiner Überraschung nahmen mir das weniger Verleiher krumm als ich gedacht hätte. Ich bekam weiter Einladungen zu Pressevorführungen und Interviews. Kann natürlich gut sein, dass hinter meinem Rücken ein Verleih Druck auf die Anzeigenabteilung gemacht hat. (Mir ist diesbezüglich nur ein Fall aus dem Jahr 1992, meiner Anfangszeit, bekannt.) Offiziell hat mir nie (bis auf den einen Fall) jemand was von Druck seitens der Verleiher erwähnt. Irgendwas muss aber passiert sein, denn es mehrten sich die Fragen seitens der Redakteure, Kulturchefs und in einem Fall sogar des Chefredakteurs, wie es denn käme, dass ich eine andere Meinung hätte als etwa der Spiegel oder gar die Tagesthemen. In solchen Momenten schwankt man als Kritiker zwischen einer längeren Lobrede auf die Individualität des Menschen an sich oder der kurzen Erwähnung von Art.5 des GG. Zweifellos macht man sich weder mit dem einen, noch mit dem anderen Freunde unter den zunehmend unter wirtschaftlichem Druck stehenden Redakteuren.
Derweil zeigten sich auch bei den Filmverleihern erste Anzeichen von wirtschaftlicher Paranoia. Erste Opfer waren bei den Großverleihern die Presseabteilungen, die teilweise bis weit in die 90er hinein lustig und unabhängig vor sich hindümpelten, um dann plötzlich den PR-Abteilungen unterstellt zu werden. Von da an wehte in der Tat ein anderer Wind für den Filmjournalismus. Nicht zuletzt auch, weil damit Agenten von Schauspielern und Produktionsfirmen ein Mitspracherecht erhielten. Das Gegenlesen und Zensieren von Interviews gehört seitdem vor allem in Deutschland zur Regel.
Wie gesagt, ich kann den PR-Leuten beim Film keinen Vorwurf machen, dass sie mich als Kritiker nicht mögen, weil ich ihnen die Tour vermassle, indem ich ganz subjektiv (anders geht's nämlich gar nicht!) behaupte, dass der von ihnen vermarktete Film gar nicht das Tollste, Beste, Schönste, Tiefsinnigste, Innovativste, Lustigste/Ergreifenste, [an dieser stelle bitte einen nachhaltig positiven superlativ ihrer wahl einsetzen] ist.
Ich mache vielmehr den Verlagen den Vorwurf, dass sie zunehmend ängstlich klein beigeben, keine nicht-autorisierten Interviews mehr abdrucken, um gar nicht erst in irgendeinen juristischen Hickhack zu geraten und (in dem von Frédéric schon erwähnten) vorauseilenden Gehorsam lieber nichts abdrucken, was nicht schon von "höherer" Stelle (hierzulande Spiegel und spiegel.de, manchmal auch sz) gesagt wurde, um sich im Notfall (also Schimpfe von Verleih und/oder Kinobetreiber) darauf berufen zu können.
Muss ich noch erwähnen, dass sich bei dieser Gleichung das Publikum ganz rauskürzt? Es soll vor allem Mal eines: zahlen!!! Und damit es das auch viel und gerne tut, braucht es PR-Anreize in Form von großer Werbung und netten Jubelartikeln, die keinem wehtun.
Egal wie oder wo, Filmkritik (s.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Filmkritik) passt in diese Gleichung nicht rein.
In dieser Gleichung ist aber von vornherein auch gar nicht erst das Internet bedacht. Es gilt bei Verleihern und Verlagen gleichermaßen als "das konzentrierte Böse", das es zu vernichten (achnee, geht nicht mehr), zu bändigen gilt, weil es einen Strich durch die Gleichung macht, die so schön jahrlang mehr oder minder glatt aufgegangen ist.
Welcher Ort wäre also besser für die klassische Filmkritik im eigentlichen Sinn geeignet als das Internet?
Als Ort, wo Filmkritiker (die ja nicht einfach nur kritiker sind, weil sie sich sonst auf kosten des staates in der nase popeln müssten, sondern weil sie film lieben) auf Kinogänger (die ja nicht einfach nur ins kino gehen, weil ihnen sonst nur mülleimer umtreten in der örtlichen fußgängerzone einfällt, sondern weil sie film lieben) treffen und im Bestfall auch auf Filmemacher (die ja nicht nur filme machen, weil sie fürs finanzamt einen investitionsverlustposten für den schotter der erbtante brauchen, sondern weil sie film lieben). Einem Diskurs, wie er in prä-online Zeiten auch in Print/Hörfunk/TV möglich war, sollte damit nichts mehr im Wege stehen.
Nein, eigentlich kann es nur besser werden, trotz Troll- und Shit-Storms, die da womöglich drohen.


Berthold Schwarz

zur These 6: "Der Branche selbst wird ein solcher Mangel langfristig schlecht zu Gesicht stehen, denn der Ansporn, den reger Austausch über Film und dessen Herstellung auslösen kann, ist unschätzbar wertvoll."

Dieses Wertvolle ist meiner Meinung nach zu kurz gekommen in den Thesen. Denn das der Film nicht in einer luftleeren Blase schwebt, in der er das einzige Medium ist, scheint bei solchen Diskussionen leicht unterzugehen. Das Wertvolle der Kritik liegt doch idealiter in der Föderung von Interesse, das mehr ist als die werbegenerierte Aufmerksamkeit, aber durchaus ähnliche Wirkungen hat, nämlich mehr "Filmkonsum". Das der jedoch schlechter steuerbar ist, muss selbstverständlich den BWL-Strategen ein Graus sein, aber die sind nur ein Teil der Branche. Dass Filmkritik einen unschätzbaren Dienst für ein substantielles Interesse am Film fördert, wird leider von den Kritikern selbst nicht oft genug betont, dabei ist dies durchaus eine Schnittmenge mit dem "Gegenüber" der Produzenten.


Körte

Es ist eher nicht Teil der Lösung, wenn man hier mit leicht weinerlichem Unterton formuliert, dass immer dieselben sich hier zu Wort meldeten; es ist, um mal Frau Merkel zu zitieren, auch „nicht hilfreich“, aus einer unübersichtlichen Konfliktanordnung sofort eine binäre Opposition zu machen, also ständig mit Ein- und Ausschluss zu arbeiten (die da drüben, wir hier drinnen; online vs. Print usw.); und wem ist schließlich gedient, wenn hier erläutert wird, warum man einen Brief nicht unterzeichnet hätte, den zu unterschreiben man gar nicht gefragt wurde? Und vermutlich wird es Euch eher enttäuschen in Eurem Weltbild, dass der eine oder andere Printjournalist tatsächlich diese Seite besucht oder das Blog von Christoph Hochhäusler. Ich persönlich bin nur leider mit meinem Fußballblog zu beschäftigt, um neben der Lektüre auch noch dauernd Kommentare zu posten.

Illusionen über das Format des offenen Briefs haben wir im Übrigen nicht, wir sind sogar erstaunt, dass sich in Zeiten des Internets noch diese Wirkung hat erzielen lassen. Und jeder, der mal politisch aktiv geworden ist, für ein besseres Schulessen, einen breiteren Radfahrweg oder andere Ziele dieses Kalibers, der weiß natürlich auch, wie schwierig und nervenzerfetzend es ist, die Vorstellungen von etwa zwei Dutzend Menschen so zu formulieren, dass alle unterschreiben mögen. In diesem Forum spricht jeder für sich; wir haben dagegen über einzelne Formulierungen des Briefes gestritten, und natürlich ist am Ende der Ton verbindlicher, ist Schärferes stumpfer geworden, sind Differenzen der Unterzeichner eingeebnet. Das ist halt so. Das haben wir gewusst und gewollt. Und abgesehen davon steht es jedem frei, in seinem jeweiligen Medium seine spezifische Sicht der Dinge darzustellen.

Ich würde sofort dafür plädieren, Geld und Ehre zu entkoppeln, also die Dotierung aufzuheben; dann kann die Akademie gerne auszeichnen, wen sie will, ich habe mir schon sehr, sehr lange abgewöhnt, mit der Entscheidung einer Academy oder von Festivaljurys zu hadern, spüre aber eine gewisse Streitbarkeit erwachen, wenn eine Akademie, deren primäres Ziel es ja nicht sein müsste, Preise zu vergeben, sondern das öffentliche Sprechen über Kino und Film in diesem Land mit allen Kräften und in aller Vielfalt zu fördern, wenn diese Einrichtung ein Förderapparat sui generis ist.

Und, dies als Schlusswort, was ich auch schon bei dieser ominösen Veranstaltung gesagt habe: Bislang habe ich in mehr als 20 Jahren als Film- und Literaturkritiker noch mit jedem reden können (nicht müssen!), dessen Arbeit mich interessiert hat, von Uwe Boll bis Tom Tykwer. Marschiert bin ich allerdings noch mit keinem.


Frédéric

Ein paar Antworten, nochmal zurückgespult:

Christoph: Zu Deiner Ergänzung: So optimistisch war ich da für den Augenblick nicht mehr, aber klar, diese Filmemacher gibt es auch in Deutschland (ich kriege nur recht wenig von der Auseinandersetzung mit dem Korrektiv und der Herausforderung mit). Danke auch für die Links. Ich habe mir Deinen Essay gerade nochmal durchgelesen. Er fasst auf oft noch etwas konzisere Weise, woran die Filmpublizistik krankt. Im Übrigen sehe ich da, entgegen etwa Ciprian, keine grundsätzliche Print/Online-Dichotomie, sondern würde Dir beipflichten, dass es eben hier und da Medien gibt, die sich den grassierenden PR-Mächten weniger beugen.
Ein Zitat: "Insbesondere mit der Unabhängigkeit gegenüber den Machtpolen der Branche ist es im Filmjournalismus nicht weit her, egal ob Print oder online. Investigativer Journalismus, der zum Beispiel nach der Realität der Förder- und Subventionspolitik fragt, existiert praktisch nicht."
Dazu einen Tipp: Enttäuscht von den Fachzeitschriften habe ich in der Hinsicht eine Ausnahme entdeckt: Black Box - Filmpolitischer Informationsdienst (nur Offline, winziges Archiv online: http://www.blackbox-filminfo.de/). Die Zeitschrift ist zwar selten investigativ in dem Sinne langer, intensiver Recherchen (das können die sich sicherlich nicht leisten), aber bietet doch regelmäßig interessante Debattenbeiträge, wie bei vielen Medien ist die Qualität sehr von den einzelnen Kritikern/Journalisten/Autoren abhängig, in jedem Fall aber einen Blick wert, weil es eben zugleich Branchenzeitschrift und hinterfragend ist.

James: Danke für diesen kleinen Exkurs. Mir erscheint die Perspektive manch eines Filmemachers da bisweilen auch absurd. Ich kann mich dennoch mit der Haltung anfreunden, sich als Kritiker ersteinmal und immer wieder eine wohlwollende Offenheit gegenüber den Filmen zu erhalten und erarbeiten. Diese Vorbehaltlosigkeit begründet dann in meinen Augen auch alle Rechte: Wenn ich mich bemüht habe, mich einzulassen auf einen Film, dann darf ich auch eine extreme Ansicht entwickeln.

Ciprian: Das Problem mit den Verallgemeinerungen ist, dass unklar ist, wovon die Rede ist: Sowohl online als auch gedruckt ist ja der größte Teil "Filmkritik" eine Form von Serviceleistung (Film-TÜV). Hier sprechen wir ja nicht davon - selbst wenn sich dieser Aspekt überall mal stärker mal weniger einschleicht. Auf der Ebene der Auseinandersetzung mit Film (grob: gesellschaftlich-ästhetisch) sehe ich nicht die Spaltung von Feuilletonisten und Onlinern. Eher schon was die Mittel angeht und die (potenzielle und schwindende) Macht sich gegen PR aufzubäumen.
Und, hier will ich nicht missverstanden werden: Ich bin überhaupt kein Verfechter von einer Selbstbeschränkung auf Kino-Ränder. Weder zur Distinktion noch als Rückzug oder sonstwie.

Edda: Danke für die Einblicke! Habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, inklusive Paranoia. Der positive Ausblick ist zwar erfrischend, aber zumindest in einer Hinsicht ein Trugschluss: Wenn Filmkritik auch investigativ sein soll (was ich mir sehr wünsche), dann kann sie gerade nicht als Hobby betrieben werden.

Berthold Schwarz: Stimmt, das Wertvolle des Austauschs gerade für Filmemacher verdient sehr viel mehr Aufmerksamkeit. Ich hatte gehofft diesem Aspekt zumindest durch die prominente Platzierung am Schluss etwas Gewicht zu verleihen. Danke aber für den Einwand, denn allein dieser Punkt wäre einen eigenen Artikel wert.

Peter Körte: Ich weiß nicht, ob ich da im Visier bin, fühle mich aber (in leichter Abwandlung Ihrer Aussage auf dem Podium) nicht getroffen. Ich habe mich bemüht, fair zu sein, und auch mein Verständnis für bestimmte Prozesse geäußert. Dass es - ob gewollt oder nicht - zu bestimmten Inklusionen und Exklusionen kommt, finde ich da nicht skandalös aber doch zumindest symptomatisch. Wie ich im obigen Kommentar schrieb, wurde ich nachträglich gefragt, ob ich mit unterschreiben möchte. Da fand ich es nur logisch, zu erklären, wieso ich mich dagegen entschieden habe. Ich teile den Eindruck, wir können alle miteinander reden, wenn wir uns für das, was der andere zu sagen hat, interessieren. Ich weiß zwar von vielen anderen Kritikern, die nicht primär im Internet aktiv sind, dass sie mitlesen. Aber die Diskussion kann doch nur dann beginnen, wenn man über das Lesen hinausgeht, ab und an (von regelmäßig oder dauernden Debatten sind wir eh weit entfernt). Das muss nicht online passieren, aber das erlaubt es, Gespräche, die sonst vielleicht in kleinen persönlichen Kreisen stattfinden, zu öffnen, weil noch andere mitlesen und hereinplatzen können, die nicht unbedingt eingeladen waren.
Noch ein Letztes: Ich weiß, das ist in der deutschen Zeitungslandschaft so üblich, aber Teil des Grundes dafür, dass so ein Eindruck entstehen kann, dass viele Feuilleton-Kritiker sich nur innerhalb dieser Sphäre verständigen, hängt sicherlich damit zusammen, dass Rückkopplungen nicht sichtbar gemacht werden, weder in Kommentaren noch in den eigenen Medien. Mir fehlt da das im Internet verbreitete aber Offline seltene "Teilen/Verlinken" und das Zitieren insbesondere von Onlinequellen. (Und gestehe gleich mit ein, dass ich selbst genauso medial sozialisiert wurde.)

PS: Bitte entschuldigt, dass meine Antworten aktuell etwas dauern, ich verbringe gerade meine Tage bei einer Konferenz und die Abende bei einem Filmfestival.


Körte

@Frédéric Jaeger:
Im Auge hatte ich niemanden persönlich, sondern eher eine Haltung. Exklusion und Inklusion plus daraus folgende Distinktionsgewinne sind natürlich nichts Skandalöses, das tun wir ja alle in der einen oder anderen Form, wenn wir Texte schreiben, Lesarten favorisieren oder Deutungen abweisen, also in unserer alltäglichen Praxis als Kritiker. Ich glaube nur, wenn man sich die Empörung, Gereiztheit,Nervosität und all die anderen Reaktionsformen der Akademiemitglieder anschaut, sobald Teile der Filmkritik sie direkt ansprechen und nicht nur in Artikeln über sie sprechen, dann wird klar, dass der (wie immer definierte) Vorrat an Gemeinsamkeiten unter Kritikern belastbarer ist als der Konsens, den Filmbranchenmitglieder mit Kritikern erzielen können, wenn es ernst wird.


Frédéric Jaeger

Peter Körte: Danke für die Erklärung. Im Artikel ging es mir sowieso mehr um Unterschiede, die sich aus bestimmten Feldern ergeben, in denen wir operieren und die unsere Möglichkeiten und auch Denkmuster bzw. -reflexe beeinflussen. Einen Vorrat an Gemeinsamkeiten sehe ich auch, freilich eher mit bestimmten Kritikern denn mit allen. Da treffen wir uns dann vielleicht wieder bei den Zweifeln an der repräsentativen Funktion eines Verbandes der deutschen Filmkritik.


Ekkehard Knörer

@Peter Körte "Leicht weinerlicher Unterton", das kann ja (der Beteuerung zum Trotz) nur persönlich gegen meine Beschwerde gehen. Aber nur fair, sie war auch persönlich gemeint. Vielleicht hätte ich formulieren sollen: "Kriegt endlich mal euren Arsch hoch bzw. raus aus dem Redaktionssessel und diskutiert mit, wo auch alle, die wollen, mitlesen und mitdiskutieren können.", das wäre dann als weinerlich eher nicht misszuverstehen gewesen. Aber: Auftritt Peter Körte, also alles prima. Ich habe übrigens nie bezweifelt, dass Sie und andere mitlesen, gerade drum finde ich es so schade, dass fast nie mitdiskutiert wird.

Und zwar gerade deshalb, weil in der Tat die Diskussion im Grunde nur da Sinn hat, wo es einen "Vorrat an Gemeinsamkeiten" gibt - und man um vergleichsweise kleine Unterschiede ums Ganze streiten kann. Es wäre, finde ich, viel interessanter gewesen, um diesen Offenen Brief und seine Formulierungen auch in einem Offenen Forum zu ringen. Da hätte man dann nämlich genau sehen können, wo Linien verlaufen (sicher nicht per se zwischen Online und Print), wie gravierend die Unterschiede sind und wie breit und tragend der gemeinsame Grund derer ist, die am Ende dann zum Unterschreiben Lust gehabt hätten. Man sieht ja hier, in dieser Kommentarspalte, wie gesittet so etwas zugehen kann. Many happy returns!


Körte

@Ekkehard Knoerer, diesmal echt ad personam und gezielt: Hätten wir den Brief sich kollektiv in einem Forum schreiben lassen, wäre es mit dem Überraschungseffekt vorbei gewesen, auch Akademiemitglieder lesen womöglich in Kritikerforen oder werden darauf hingewiesen. Dass wir sie auf dem falschen Fuß erwischt haben, dass keiner zuvor etwas ausgeplaudert hat, hat mich angenehm überrascht; dass wir die dissenting votes, den exakten Verlauf der Linien, wie Sie es nennen, nun nicht dokumentieren, müssen wir uns schon deshalb vorhalten lassen, weil wir nämlich selber diese Idee hatten, auf der Webseite einer Zeitung neben dem Brief auch darzustellen, wie sich nicht nur jeder Unterzeichner, sondern auch alle anderen Interessierten die Zukunft des Filmpreises vorstellen. Wir haben, so simpel ist das oft, es zeitlich, technisch, organisatorisch nicht hinbekommen. So, und hier muß ich leider abbrechen und wieder meinem Primärgewerbe nachgehen, welches Zeitungmachen mit gelegentlichem Abfassen von Kritiken heißt.


Edda Bauer

@Frédéric
"Wenn Filmkritik auch investigativ sein soll (was ich mir sehr wünsche), dann kann sie gerade nicht als Hobby betrieben werden."
Ich halte mit der in diesem Kreis vermutlich recht vermessenen These dagegen: Gerade wenn Flimkritik und Filmjournalismus investigativ sein soll, muss er/sie als Hobby betrieben werden.
Jede hauptberufliche Beschäftigung mit Filmkritik führt zwangsläufig zu einer Abhängigkeit, sei es von Verleih- oder Produktionsfirmen oder Medien, die ihrerseits abhängig sind von Anzeigen-, Trailer- und Werbeeinnahmen von Filmverleihern und Kinobetreibern. Meine These fußt auf jahrelange Erfahrung mittendrin und Beobachtungen nun aus der Distanz.
Immer mehr Filmjournalisten beziehen einen beträchtlichen Teil ihrer Einnahmen durch das Schreiben von Pressematerial, und es sind beileibe nicht mehr nur freie. Immer mehr Magazine mischen ihrem Filmteil gekaufte "Kritiken" bei. Immer weniger Tageszeitungen leisten sich einen hauptberufllichen Filmredakteur, und wenn, sitzt dieser am Newsdesk, wo er drei bis fünf Titel verwaltet und bestückt.
Und da soll ernsthaft noch Leidenschaft fürs Kino und der Drang zum investigativen Blick hinter die Kulissen übrig bleiben?
Noch Mal ein kleiner Exkurs in eine Zeit der Filmkritik im Print, bevor die PR die Macht übernahm und Zeitungen sich noch nicht in dem Maß als gewinnbringendes Produkt begriffen (also auch vor meiner Zeit beim Print): Eine seriöse Tageszeitungen druckte ihre Filmkrtiken nicht am Donnerstag zum Filmstart, sondern am Samstag. Schlicht, damit der Kritiker sich am Donnerstag ins Kino setzen konnte, zusammen mit zahlendem Publikum. Das Eintrittsgeld wurde vom Verlag übernommen. Damit war zumindest eine finanzielle Einflußnahme das Verleihs verhindert.
Tatsächlich waren es dann zunächst die Kinobetreiber, die mehr oder minder die Chance zu Einflußnahme sahen, indem sie die Kritiker mit Jahreskarten bzw Ausweisen ausstatteten.
Dass heutzutage kaum noch ein Verlag oder Sender irgendwelche Kosten für Eintrittskarten oder Reisen in Sachen Film übernimmt, ist ja wohl kein Geheimnis.
Ist es da ein Wunder, wenn die Filmkritik heute fast in der Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, wenn sie sich selbst alle Mittel der Unabhägigkeit aus der Hand nehmen ließ?
Für diese tiefe, fast tödliche Wunde ist nicht nur der finanzielle Aspekt verantwortlich, sondern auch die zeitliche und räumliche Trennung von Kritiker und Publikum.
(Kein Theater- oder Opernkritiker könnte so arbeiten. Auch wenn er es manchmal wahrscheinlich gerne würde.)
Ist diese uralte Art des sich Eindruck über einen Film Verschaffens und schreibend Festhaltens wirklich so uralt und heute nicht mehr möglich?
Ich meine ja, dass es mit dem Internet heute mehr möglich ist, als es in den letzten 15 Jahren war. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, aber das Internet vergisst nicht. Es muss gar nicht schneller sein, aber dafür hält es länger frisch.

Und überhaupt, was macht denn einen Filmkritiker aus, wenn nicht die Tatsache, dass Film sein Hobby ist, das weit über im Kino sitzen hinausgeht und noch nicht Mal beim es/sich Mitteilen aufhört?


Ekkehard Knörer

@Peter Körte: Danke für die Erklärung. Sicher eine Abwägungsfrage, was einem wichtiger ist. Und zuzugestehen wäre sicher: Die Diskussion gibt es ja nun, hier nicht zuletzt.

@Edda Bauer: Vielen Dank für Ihren Realismus, den mancher wahrscheinlich als Idealismus missverstehen würde.

Was ich übrigens von Printredakteuren immer wieder höre - Peter Körte ist da sogar noch die Ausnahme, weil er sich ja nun tatsächlich, wenn auch mit Verweisen auf sein "eigentliches", "primäres" Tun, eingemischt hat -, was ich also wieder und wieder höre ist: "Wo käme ich denn hin, wenn ich ständig auch noch im Internet lesen und kommentieren sollte? Mein Job ist aufreibend und anstrengend genug und besteht in etwas ganz anderem, nämlich Kritikenschreiben, Zeitungproduzieren, Festivalsbesuchen etc."

Ich habe das, ehrlich gesagt, noch nie so recht nachvollziehen können. Wir haben alle viel zu tun - und mehr ist es, das kann ich aus eigener Kenntnis sagen, in einem doch immerhin meist (sehr) okay dotierten und vergleichsweise sicheren Redakteursjob auch nicht als für die meisten derer, die im Netz sich zu Wort melden. Ich sehe wohl: Man kann keinen zwingen. Aber die Diskussions- und Transparenzkultur hierzulande ist (etwa verglichen mit den USA) gerade dieser Haltung wegen eine weithin traurige Angelegenheit. Es ist, davon bin ich fest überzeugt, in erster Linie eine Einstellungssache, der Verweis auf die viele Arbeit, die man im "eigentlichen" Job hat, letztlich eine Ausrede. Keine Ahnung, ob mir jetzt wieder Weinerlichkeit unterstellt wird. Ich finde das aber in erster Linie schade und in zweiter ärgerlich und in dritter verstehe ich es nicht wirklich.


Frédéric Jaeger

@Edda: OK - das ist ein wichtiger Punkt, den ich gerne zugestehe. Ich bin sowieso Verfechter von Filmkritik als Hobby, auch weil es mir wichtig erscheint, etwas pathetisch gesagt: den Weltbezug nicht zu verlieren. Ich dachte gerade daran, wie es möglich sein soll, wochenlange oder monatelange Recherchen zu einem Thema zu realisieren, ohne dass es dafür Job-Freistellungen und Abnehmer gibt, die das entsprechend ermöglichen. Wahrscheinlich ist die Antwort aber ganz einfach: Durch private Cross-Subvention, akademische Anstellungen, projektbezogene Arbeit ...
Und sicherlich stellen wir auch zu selten in Frage, dass es ständig Vereinbarungen geben muss zwischen Verleihern und Kritikern gerade wegen den Pressevorführungen, Reisen für Interviews etc. Andererseits wünsche ich mir natürlich auch eine Filmkritik als Gegengewicht zum massiven Marketing auf alle Kanälen, deshalb auch schon vor Start.
Und eins würde ich noch gerne in die Runde werfen: Ein Werbeverbot für Kinofilme im Fernsehen wäre durchaus eine Überlegung wert.


Brent Debecker

Ja schöner Beitrag, leider ist die gute Diskussion dazu bald abgebrochen. Was ich ein wenig vermisse, ist die Sicht hinter die Kulissen des Films, der Filmindustrie grundsätzlich, die Macht- und Markt-verhältnisse, die wirtschaftlichen Zusammenhänge, das Leben was Film abbildet. Und grade da ist doch das überaffirmative Da-Sein in Deutschland, (der größten Wirtschaftsmacht in Europa) das im Deutschen Film zusehends nur bebildert werden soll, oder auf reines naives Entertainment reduziert wird, wie inTil Schweigers Filmen.

Das sich jener (ist ein anderes Thema) darin wie ein „Großer“ fühlen darf, (weil er verkauft und Kasse macht, wie „PEmmWeh“ hängt sicher auch mit der neuerdings verbreiteten flachen Provinzialität des deutschen Films zusammen, (die aber schon Fassbinder beklagte,..) eine Filmlandschaft, die seit Achternbusch, Schamoni, Wenders, Spils, Fassbinder, etc. großen Zeiten, kaum noch etwas zu bieten hat, was an (Gesellschafts-/ System-) Kritik und differenzierter Erkenntnis über den bunten Anspruch des Warencharakters der Filmproduktionen hinausreicht.

Auch hier ist das Primat der allgegenwärtigen Ökonomie anzutreffen, brachialer als anderswo, aber auch besser getarnt. Gängige Online Filmkritiker tun sich ebenso schwer substanziell wertvolle Produktionen zu erkennen (oder werten sie diese bewusst ab?) und raten Filmfreunden (also eigentlich nur den Konsumenten, anstatt den verständigen Kennern) immer den nächsten, den neuesten Film zu KAUFEN, um ihn wieder nur in das Regal neben die anderen, 150 Dvd's zu stellen. Sie bewerten kaum Inhalte sondern machen PR und Produktmarketing. (wie auch im Text oben bereist beschrieben,..)

Aber was macht die Vermittlungsebene, was ist mit den Inhalten, was ist mit der Gesellschaft, dem Staat der/die sich in diesem Medium wieder-spiegelt? Was wird dazu gesagt. Alles was in den politisch-kulturellen Bereich herüber wabert, wird entweder nicht gesehen, nicht erkannt, herunter gespielt oder ignoriert. Das ist dann so wie im obigen Waltz Zitat, Film und besonders die aus Deutschland, sind keine Kunstwerke mehr und vermitteln kaum lebenswerte kritische oder tiefer gehende Inhalte, Alternativen etwa, oder Bewusstwerdung, sondern sind nur noch bunte Warenhülsen einer Filmindustrie, die sich das Gebrauchswertmonopol an filmischer Darstellung gesichert hat. (frei nach W F Haug)






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