Die Enttäuschten
„Ein guter Kerl verhält sich wie ein Arschloch, während sich zugleich ein Arschloch wie ein guter Kerl verhält.“ Mit diesen Worten beschrieb Claude Chabrol die Handlung seines Debütfilms, dessen Erfolg ganz wesentlich zum Aufbruch der Nouvelle Vague beitrug.
Als Außenseiter waren die Nouvelle-Vague-Regisseure (zumindest in den Anfängen) gezwungen, ihre Filme außerhalb des etablierten Systems über unkonventionelle Wege zu finanzieren. Der Weg des selbst produzierten Films wurde von Claude Chabrol eröffnet, der eine Erbschaft seiner Frau in die Finanzierung seiner beiden Debütfilme Die Enttäuschten (Le beau Serge, 1958) und Die Cousins (Les cousins, 1959) steckte, zwei unmittelbar hintereinander gedrehte und veröffentlichte Filme. Weil er der erste Film gewesen ist, der mit dem Etikett „Nouvelle Vague“ in die französischen Kinos kam, hat Die Enttäuschten damals einen entsprechenden medialen Rummel hervorgerufen; aus heutiger Sicht ist der romantisch-melodramatische Film vor allem noch wegen des Naturalismus interessant, der durch Chabrols Produktionsmethode hervorgerufen wird. Aus pragmatischen Gründen situierte er die Geschichte in ein kleines Dorf im Departement Creuze, wo Chabrol in einem Haus in Familienbesitz während des Krieges große Teile seiner Kindheit verbracht hatte. Gedreht wurde in natürlichen Dekors; das gesamte Dorf war mit viel Enthusiasmus als Statisten in die Dreharbeiten eingebunden.
Entsprechend ernüchtert war ihre Reaktion auf den fertigen Film, in dem sie ein wenig schmeichelhaftes Bild von sich vorfanden. Nach mehreren Jahren der Abwesenheit kommt François (Jean-Claude Brialy) in sein Dorf zurück, um sich von einer Tuberkulose-Erkrankung zu erholen. Er findet dort seinen Freund Serge (Gérard Blain) wieder, der sein Leben in Alkohol ertränkt und unglücklich mit Yvonne (Michèle Méritz) verheiratet ist, die eine Fehlgeburt erlitten hat. François versucht Serge wieder auf die Beine zu helfen und drängt ihn, seine erneut schwangere Frau zu verlassen. Gleichzeitig beginnt er eine Affäre mit Serges Schwägerin und ehemaliger Geliebten Marie (Bernadette Lafont). Im Laufe des Films stilisiert sich François auf recht zwiespältige Weise zu einem Märtyrer für das Wohl von Serge und riskiert geradewegs seine Gesundheit, um den betrunkenen Serge im Schnee zu finden und zur Geburt seines neuen Kindes zu schleifen.
Mit den Tabuthemen Alkohol und Inzest schockierte der Provokateur Chabrol bereits bei seinem Debütfilm die Öffentlichkeit und kassierte eine Ausladung vom Festival in Cannes. Zwiespältig ist die Sympathielenkung des Zuschauers zwischen den männlichen Protagonisten und aus heutiger Sicht schwer erträglich das reaktionäre Frauenbild. Die Enttäuschten beeindruckt aber durch seine realistische Darstellung des Dorfes und den modernen Naturalismus seiner Detailbeschreibungen, in dem die zeitgenössische Kritik sogar eine Parallele zum italienischen Neorealismus sah. Dass es Chabrol aber in eine ganz andere Richtung ziehen würde, beweist das weitere Werk des Regisseurs.
Kritik von Almut Steinlein
Fotos: © Collection AlloCiné
Veröffentlicht am 18.11.2009
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Film-Angaben:
Titel: Die Enttäuschten (Le beau Serge)
Frankreich 1958
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol
Produktion: Claude Chabrol
Darsteller: Gérard Blain, Jean-Claude Brialy, Michèle Méritz
Kamera: Henri Decaë
Musik: Emmile Delpierre, Géo Legros
Schnitt: Jean Cotet
Kinostart: k.A.
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