Das Leben der Anderen
Eine Sonate vom guten Menschen oder das Porträt eines Unbelehrbaren? Fest steht, dass Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck schon jetzt eines der Glanzlichter des Kinojahres 2006 gesetzt hat.

„Manche Menschen ändern sich nie!“ lautet eine Parole, die von den drei Weltverbesserern in Die fetten Jahre sind vorbei (2004) an Hauswände gemalt wird. Wenn manche sich nie ändern, muss es auch die anderen geben, die bereit sind über ihre Fehler nachzudenken und daraus die richtigen Konsequenzen für sich selber zu ziehen. Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) lässt sich nur schwerlich in eine dieser beiden Kategorien stecken. Als ein folgsamer, verlässlicher Diener und Anhänger des real existierenden Sozialismus soll er in einem zunächst routinemäßigen Überwachungsauftrag den Schriftsteller Georg Dreymann (Sebastian Koch) auf dessen wahre Loyalität und Linientreue hin untersuchen. Nach außen gibt sich Dreymann nämlich gerne als der pflegeleichte Liebling der Mächtigen, doch was denkt er, wenn kein staatlicher Aufpasser ihm zur Seite steht?
Genau das muss Wiesler im Auftrag seines Vorgesetzten, Oberstleutnant Grubitz (Ulrich Tukur), herausfinden. Dazu wird Dreymanns Wohnung verwanzt, mit Überwachungskameras im Eingang versehen und rund um die Uhr im Schichtbetrieb observiert. Mit der Zeit taucht der Stasi-Mann immer tiefer in das Leben des Anderen ein. Er protokolliert, wann sein Zielobjekt was mit wem redet und macht. Sogar die gemeinsamen Liebesnächte mit der Theaterschauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) werden von Wiesler abgehört. Dabei weiß er nur zu gut, dass die gesamte Operation eigentlich nur einem einzigen Zweck dient: Kulturminister Hempf (Thomas Thieme) möchte im Kampf um die attraktive Christa-Maria einen unliebsamen Nebenbuhler aus dem Verkehr ziehen. Diese Tatsache lässt ihn zunehmend an der Legitimität der Operation zweifeln. Er beginnt, die Berichte an seinen Vorgesetzten zu fälschen, damit Dreymann keine Repressalien fürchten muss.

Mit Das Leben der Anderen setzt Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck einen wichtigen Kontrapunkt zum vielfach ostalgischen Zeitgefühl der Post-Good Bye Lenin! (2003)-Ära. Wie schon der kürzlich angelaufene Der rote Kakadu (2005), thematisiert sein Film die übermächtige Schattenseite des selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaates. Die Erzählung beginnt mit einer Einführung in die Schulungs- und Verhörtaktiken der Stasi. Da züchtet ein Unrechtsregime mit deutscher Präzision neue Verteidiger der Unfreiheit und des Terrors heran, mit dem von Ulrich Mühe brillant verkörperten Hauptmann Wiesler als willigen Ausbilder und Vollstrecker. Er ist überzeugt von seiner Arbeit, weil er überzeugt von den Werten dieser Diktatur ist, die er selber nicht als Diktatur empfindet. Umso interessanter ist es dann mitzuerleben, wie für ihn während der Überwachungsaktion mit jedem Tag ein Stück aus dieser noblen Fassade einer angeblich gelebten sozialistischen Utopie herausbricht. Das legt den Blick frei auf ein marodes, kaputtes System.
Die parallel montierten Szenen zwischen Dachboden, wo Wiesler inmitten einer Bespitzelungsapparatur Tag und Nacht verbringt, und Künstlerwohnung, in der Dreymann Rachepläne gegen die ihm plötzlich feindlich gesonnene Obrigkeit schmiedet, zeugen von einer unglaublichen Intensität und Spannung. Intensiv ist es deshalb, weil Ulrich Mühe ein Mienenspiel gelingt, das die ganze innere Zerrissenheit seines Filmcharakters meisterlich dokumentiert. Die Spannung entsteht aus einem Zusammenspiel von Schnitt, Kamera, Gabriel Yareds sehr atmosphärischem Score und der dunklen Vorahnung, dass diese Geschichte, so wie sie angelegt ist, kein gutes Ende nehmen kann. Ein vergleichbares flaues Gefühl in der Magengegend kreierte Vadim Perelmans Haus aus Sand und Nebel (House of Sand and Fog, 2003), ebenfalls ein Film über den Zusammenprall zweier unterschiedlicher Welten und Weltanschauungen. Während dort Roger Deakins mythisch aufgeladene Bilder vom nebelbedeckten San Francisco für eine bedrückende Stimmung sorgen, folgt hier Kameramann Hagen Bogdanski einem stringenten düsteren Farbkonzept. Dreymanns Welt erstrahlt in der ersten Filmhälfte in warmen meist bräunlich gelben Farben, wohingegen Wieslers Plattenbaudomizil im kühlen Blau und Grau lebensfeindlich und unbewohnt wirkt.

Die beiden Protagonisten in Das Leben der Anderen scheinen zunächst nicht viel miteinander gemein zu haben. Einerseits lernt der Zuschauer einen selbstbewussten, den Verlockungen des Lebens nicht abgeneigten Intellektuellen kennen, dem ein Mann ohne Eigenschaften gegenüber steht, der im Mausgrau seiner Arbeitskleidung eine durch und durch angepasste Existenz führt. Henckel von Donnersmarck erweist sich als genauer Beobachter dieser ungewöhnlichen und komplexen Beziehung. Die Kamera folgt dazu beiden Männern bis in Momente größter Intimität. Auf diese Weise erhält auch der Zuschauer eine entfernte Ahnung davon, was es heißt, in einem Klima der Angst und des Misstrauens leben zu müssen.
Gegen Ende stellt der Film dann ganz direkt die entscheidenden Fragen: Wer war dieser Gerd Wiesler eigentlich? Ist der Mann, der nach der Wende durch die Straßen Berlins schlurft und Zeitungen austrägt, noch die gleiche Person, die früher ihren Studenten an der stasieigenen Hochschule eine rücksichtslose Verhörtechnik predigte? Und war er nicht trotz all seiner Taten im Dienste des staatlichen Terrors im Grunde genommen doch ein guter Mensch? Eine Antwort hierauf fällt nicht leicht.
Kritik von Marcus Wessel
Fotos: © Buena Vista
Veröffentlicht am 09.03.2006
Film-Angaben:
Titel: Das Leben der Anderen (Das Leben der Anderen)
Deutschland 2005
Laufzeit: 137 Minuten
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck
Produktion: Quirin Berg, Max Wiedemann
Darsteller: Ulrich Mühe, Sebastian Koch, Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Thomas Thieme
Kinostart: 23.03.2006
DVD-Angaben:
Titel: Das Leben der Anderen
Vertrieb: Buena Vista
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 132 Minuten
Extras: Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck; Audiokommentar von Hauptdarsteller Ulrich Mühe; Zusätzliche Szenen mit optionalem Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck; Neues, exklusives Making Of „Das Leben der Anderen“; Hörfilmfassung für Sehbehinderte
Verleih ab: 16.11.2006
Verkauf ab: 16.11.2006
Kommentare
Jocki
Samstag, 04-10-08 17:20
Andreas Böhme
Dienstag, 28-08-07 19:25
Ich kann nur sagen: ganz großes Kino, wenn auch an manchen Stellen etwas überzogen. Und das kann ich sagen als ehemals Betroffener, der mit der STASI in Berührung kam und aufgrund des christlichen Glaubens lange Zeit überwacht wurde. Dieser Film hat mich tief getroffen und beschäftigt mich seither jeden Tag.
Niki
Donnerstag, 05-04-07 10:22
Der Film sollte ein Homage an Menschlichkeit, Ehre und Idealismus sein. Warum müssen die vermeintlichen "Fehler" immer so (typisch für die Deutschen) kritisiert werden? Es ist das erste deutsche Film mit so viel Wärme und Emotionalität, den ich gesehen habe. Die Deutschen könnten noch viel mehr solche Filme brauchen. Es ist Zeit, dass deutsche Kino sich von albernen Komödien und lächerliche mehr ...
Nikolai
Mittwoch, 07-02-07 16:41
Der Film "das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmark ist, filmisch betrachtet, wohlgelungen. Er hat einen guten Erzählrythmus, atmosphärische Kulissen, eine gute Kameraführung, fantastische Schauspieler und wirkt eigentlich nicht so lang, wie er in Wirklichkeit ist. Und doch hat der Film einen entscheidenden Schwachpunkt: Er wirkt unglaubwürdig. Er beginnt zwar mit einem trockenen mehr ...
Regina Schneider
Freitag, 29-12-06 16:23
Das Leben der Anderen war ganz anders! Donnersmarck hat tatsächlich den ehemaligen höchsten Stasikader für ZTersetzungsfragen und die politische Untergrundarbeit der Stasi als Berater an seiner Seite zugelassen. Das Riesenbaby ist wie ein Depp mit seiner Story auf die Fälschungen der Stasi hereingefallen und hat eine lächerliche Version der Stasi gezeigt. Das soll der beste Film sein? Das ich mehr ...
Bene
Dienstag, 31-10-06 20:58
Schön das es Leute gibt die uns so eindrinlich auf ach so auffalllende Fehler in einem Film aufmerksam machen. Dazu kann ich nur sagen: könnte es nicht Bilder geben, die dem Zuschauer etwas ganz bestimmtes vermitteln wollen und deren Sinn von machen Leuten, auch wenn sie noch so genau hinschauen leider nicht entdeckt werden? z.B. zu "Fehler" 1): Könnte es nicht sein, dass der gewaltige Abhörapparat mehr ...
gudrun
Freitag, 25-08-06 21:52
Ich wollte mir diesen Film ÜBERHAUPT NICHT ansehen. Nun diese Woche das Erlebnis. Natürlich, uns Ossis holt dann doch die Vergangenheit ein. Dies tut aus den verschiedensten Gründen weh. Aber es war gut, es tat gut. Endlich ein wirklich guter Film, eine wunderbare Geschichte, geniale Schauspieler, ohne eine Zeit/ Geschichte albern darzustellen, sondern mit dem notwendigem Ernst und Respekt. Es war mehr ...
MoritzvonMühlhausen
Donnerstag, 25-05-06 17:58
Die Fehler im „Leben der Anderen“ Die auffälligsten Fehler : 1) Falsches Haus: Die Stalinbauten in der Wedekindstraße (im Film das Wohnhaus des Schriftstellers von Außen) haben keine großräumigen, spitzen Dachböden, sondern Flachdächer. (Diese sollten als Kampfposten der NVA und der Betriebskampfgruppen der Arbeiterklasse dienen , weil sie, wie die Häuser in der Karl-Marx-Allee/Frankfurter mehr ...
wiesner
Samstag, 20-05-06 15:40
Der Film ist mehr als nur Gut, ich habe einen Teil meines Lebens etwas übertrieben dargestellt gesehen. Ich heiße zwar nicht Wiesner, war aber in einer solchen Position und kann bestätigen, das es viele Wiesner´s gab und - hoffentlich noch gibt. Das Details falsch sind, den Dachboden gab es nicht, dort stand im Keller irgendwo ein Verschlüsselungsgerät (SIR) genannt und die Aufzeichnungen mehr ...
Stefan Scheffka
Dienstag, 09-05-06 12:47
Zunächst solltet Ihr wissen, dass ich seit 20 Jahren überzeugter Wessi bin. Ich kann also definitv nicht beurteilen "wie" es wirklich im Arbeiter- & Bauernstaat zugegangen ist und auch nicht wie das "Schild und Schwert" der SED - also das MfS- gearbeitet hat. Ich habe aber immerhin vor 2 Jahren die zu Filmende auftauchende Berliner Gauckbehörde besucht und dort einen Einblick in Stasi- Über-wachungstechnik mehr ...
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Ich habe den Film gestern zum erstenmal im TV gesehen. Hatte mich eigentlich schon lange darauf gefreut. Schließlich sollte es ja den Ehrungen und Preisen zufolge, einer der besten deutschen Filme sein. Aber ich war tief enttäuscht von der hahnebüchenen Story. Ich bin in der DDR aufgewachsen und ich behaupte: so einen lieben, guten STASI-Offizier hat es niemals gegeben!! Von wegen Opfer schützen mehr ...