Anvil!
Voller Enthusiasmus in leeren Hallen: Sacha Gervasis Dokumentation über eine notorisch erfolglose Metal-Legende ist so tragikomisch wie liebevoll.
Auf einem großen Platz unter blauem Himmel steht ein riesiger weißer Amboss. Ringsherum Masten mit der kanadischen Flagge, vergleichsweise winzig, und, noch winziger, ein paar Spaziergänger. Kaum jemand verirrt sich noch hierher. Dieses Gemälde findet man im Haus von Robb Reiner, Schlagzeuger und Gründungsmitglied von Anvil, der in seiner Freizeit gerne Bilder im Edward-Hopper-Stil malt. Es zeugt von einer so selbstbewussten wie realistischen Eigenwahrnehmung: Groß ist man, ein Denkmal, ja, aber kaum einen interessiert das noch.
Dabei entsprächen die Enden der Anvil-Laufbahn einer klassischen Rockbiografie: Zwei Musikfreaks aus der Nachbarschaft werden Freunde, verschreiben sich mit Haut und Haaren dem Metal und hängen gegen alle guten Ratschläge Schule und Ausbildung an den Nagel. Zwei Musiker um die fünfzig, unzertrennlich geblieben über die Jahre, gehen für ihre Comeback-CD mit einem Starproduzenten ins Studio. Der Schönheitsfehler sind die dreißig Jahre dazwischen: Die Anvil-Laufbahn vollzog sich größtenteils in der Versenkung. Etappen dieses Wegs zeigt Gervasis Film.
Formal bewegt sich Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft (Anvil! The Story of Anvil) mit seiner Mixtur aus Interviews und Dokumentaraufnahmen in konventionellen Bahnen. Aber Auswahl und Anordnung der Szenen sind durchaus geschickt. Zunächst steckt Gervasi die Fallhöhe ab. Damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, preisen Stars wie Lars Ulrich, Lemmy Kilmister und Tom Araya die wegweisende Rolle der Band für die Entwicklung des Thrash Metal. Archivaufnahmen zeigen Anvil auf großen Festivalbühnen, auf denen sie einst, Anfang der 1980er, gleichberechtigt neben Superstars spielen durften.
Unkundige, und das dürften viele sein, könnten diesen Anfang für einen Fake halten. Mit ihrem Bühnengebaren bewegen sich die Typen – Frontmann Steve „Lips“ Kudlow bearbeitet seine Gitarre mit einem Dildo – hart am Rande der Parodie. Tatsächlich hat sich Gervasi in der Eröffnung bewusst an die berühmte Mockumentary This is Spinal Tap (1984) angelehnt. Damit etabliert er zugleich die komische und die tragische Fluchtlinie der Erzählung. Man mag die Metal-Klischees belächeln, die Anvil verkörpern, doch die Leidenschaft, mit der sie ihr Image und ihre Bandbiografie gegen alle Widrigkeiten ihres realen Lebens weiterspinnen, muss man mehr und mehr bewundern.
In diesem realen Leben fährt „Lips“ heute Essen für Schulen aus, vor der Kamera doziert er sarkastisch über den Unterschied zwischen Hackbraten und Hackbällchen. Kein Zweifel, dieser Brotjob ist für ihn nur eine Überbrückungsphase, und wenn er ihn noch einmal zwanzig Jahre machen muss. Während er den Typus des großen Kindes verkörpert – die liebevoll-resignativen Kommentare seiner Familie tragen ihren Teil dazu bei –, erfüllt Reiner den Part des besonneneren älteren Bruders. Als Paar funktionieren die beiden perfekt (sie sind das Herz der Band, die anderen Mitglieder wurden mehrfach ausgetauscht). Bei bescheidenstem Auskommen leben sie noch heute in ihrem Heimatviertel in Toronto. Hier ist ihre Fangemeinde, manchmal spielen sie auch auf Hochzeiten.
Herzstück des Films ist eine als Comeback gedachte Europatournee, die als totale Katastrophe endet. Mit Irrfahrten, Verspätungen, vorenthaltenen Gagen, einer heillos überforderten Managerin und vor allem: einem leeren Club nach dem anderem. Auf dem rumänischen „Monsters-of-Transylvania“-Festival scheint sich das Blatt zu wenden. Kurz lässt uns der Konzertmitschnitt glauben, Anvil spielten nun endlich vor vollem Haus. Die Halle, wissen wir, fasst 10.000 Gäste. Aber nur 174 waren da.
Gervasi ist bekennender Anvil-Fan. Doch sein Film ist eine Heldenverehrung ohne falschen Heroismus. Weder verbissener Durchhaltewillen noch selbstmitleidiges Klagen über die Ungerechtigkeit des Musikbusiness ist hier zu sehen – oder wenn doch, dann in erträglichen Dosen –, sondern zwei Besessene, die lieben, was sie tun, und die gar nicht anders können, als so oder so weiterzumachen. Und dabei sogar die meiste Zeit ihren Humor bewahren (wenn auch gewiss keine Selbstironie; die ist mit Heavy Metal so unvereinbar wie mit Fußball).
Erst später droht der Film kurzfristig seinen Charme zu verspielen. Wenn Kudlow und Reiner vor der Kamera (von der sie natürlich wissen) erst pathetisch einen Streit austragen und sich dann kurz darauf wieder versöhnt umarmen, fühlt man sich unangenehm an Metallicas monströs narzisstische Therapieschau Some Kind of Monster (2004) erinnert. Gerade das ausgestellt Authentische, dieser Dokumentarfilmfalle entgeht Gervasi nicht, enthüllt sich umso mehr als Inszenierung. (Das gilt auch für die Beinahe-Schlägerei in dem Prager Club.)
Viel bewegender sind die Momente in den Interviews, in denen der Enthusiasmus der Protagonisten selbst bricht und Wehmut und Resignation Platz macht. Dass die Jahre wie im Flug vergehen und das Leben, bevor es richtig gelebt wurde, unter den Fingern zerrinnt, solche Worte hört man sicherlich nicht zum ersten Mal. Aber selten von so glaubwürdigen Zeugen.
Kritik von Maurice Lahde
Fotos: © Rapid Eye Movies
Veröffentlicht am 24.01.2010
Weiterführende Links:
Film-Angaben:
Titel: Anvil - Die Geschichte einer Freundschaft (Anvil! The Story of Anvil)
USA 2008
Laufzeit: 80 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Sacha Gervasi
Drehbuch: Sacha Gervasi
Produktion: Rebecca Yeldham
Darsteller: Steve „Lips“ Kudlow, Robb Reiner, G5 , Ivan Hurt, Lemmy , Slash , Lars Ulrich, Scott Ian, Tom Araya, Tiziana Arrigoni, Kevin Goocher, Chris Tsangarides
Kamera: Chris Toos
Musik: David Norland
Schnitt: Jeff Renfroe, Andrew Dickler
Kinostart: 11.03.2010
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