Young@Heart

Ein Senioren-Chor interpretiert Rock- und Pop-Nummern von The Clash bis David Bowie und feiert damit auf beiden Seiten des Atlantiks beachtliche Erfolge. Die Musik-Doku Young@Heart bringt uns die Protagonisten dieses ungewöhnlichen Projekts näher.

Young@Heart

„Wer rastet, der rostet“ sagt der Volksmund und damit hat er wohl nicht ganz Unrecht. Vor allem im Alter, wenn der Mensch aus dem Berufsleben ausscheidet, verfällt er nicht selten in Apathie. Das Gefühl, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden, führt in schlimmen Fällen zu Altersdepression und Isolation. Dieser zugegeben tristen und extremen Sicht auf den letzten Lebensabschnitt setzt die Dokumentation Young@Heart (Young at Heart) den wohl größtmöglichen Kontrast entgegen.

Der britische Filmemacher Stephen Walker begleitete über mehrere Wochen einen Chor rüstiger Senioren bei ihren Proben für ein neues Show-Programm, mit dem sie nach der Premiere an ihrem Alterswohnsitz im beschaulichen Massachusetts durch die USA und Europa touren wollen. Das Besondere hierbei: Die Rentner geben keineswegs alte Volkslieder oder Frank-Sinatra-Songs zum Besten. Stattdessen interpretieren sie Klassiker der Rock- und Pop-Geschichte sowie Punk- und Alternative-Songs wie Sonic Youths „Schizophrenia“ oder Nirvanas „Come as You Are“.

Young@Heart

Young@Heart, das ist zugleich der Name dieses ungewöhnlichen Musikprojekts, wurde Anfang der 80er Jahre vom heutigen Chorleiter Bob Cilman ins Leben gerufen. Cilman, der aushilfsweise in einem Altersheim arbeitete, wurde seinerzeit von einigen Bewohnern darauf angesprochen, ob er sie nicht auf dem Klavier begleiten wolle. So unspektakulär fing alles an. Heute singt der Young@Heart-Chor ein Repertoire, das zumindest für diese Altersklasse einmalig sein dürfte. Unzählige Auftritte in Europa und den USA, in TV-Shows und Radio-Sendungen folgten. Ihre Konzerte sind fast immer ausverkauft.

Der bereits auf dem Sundance Film Festival gefeierte Dokumentarfilm dürfte seinen Teil dazu beitragen, dass das „Phänomen“ Young@Heart noch bekannter wird. Regisseur Stephen Walker unternimmt erkennbar alles, damit der Funke garantiert auf den Zuschauer überspringt. Hierzu erweist sich im Allgemeinen eine Personalisierung und Emotionalisierung des Themas als dienlich. In diesem Fall begleitete Walker acht Chor-Mitglieder auch abseits der gemeinsamen Proben und Auftritte. Dabei ergaben sich immer wieder erfrischende Momente voller Ironie und Intimität, beispielsweise wenn der charismatische, von einer schweren Herzkrankheit gezeichnete Fred Knittle über 54 Jahre Ehe spricht und seiner Frau quasi im Vorbeigehen eine wunderbare, weil so spürbar ehrliche Liebeserklärung bereitet.

Young@Heart

Die Impressionen von den Proben, zu denen sich die Senioren kurz vor der Premiere dreimal die Woche einfinden mussten, verdeutlichen, dass der Spaß auf der Bühne gerade im Vorfeld einiges an Anstrengung und Mühe kostet. Ohne eine gewisse Disziplin, wie sie Chorleiter Cilman von seinen betagten Schützlingen immer wieder höflich aber bestimmt einfordert, gäbe es keine Show. Dass hierbei dennoch nicht alles perfekt oder so wie geplant abläuft, macht den besonderen Charme der Young@Heart-Combo aus. So gelingt es dem 77jährigen Stan Goldman selbst nach unzähligen Wiederholungen nicht, sich die richtigen zwei Zeilen Text aus James Browns „I Feel Good“ zu merken, womit er weniger seine Duett-Partnerin als Chorleiter Cilman in die Verzweiflung zu treiben scheint.

Was einst als harmlose Nachmittagsunterhaltung in einer Senioren-Residenz begann, funktioniert längst wie ein professionell gemanagtes Unterhaltungsprodukt. Neben zahlreichen Auftritten in In- und Ausland und ausverkauften Tourneen wartet die eigene Internetpräsenz mit diversen Merchandising-Artikeln wie CDs, DVDs und T-Shirts auf, die man sich als Fan der fidelen Rentner zulegen kann. Sogar eigene Musikvideos hat der Chor mittlerweile abgedreht. Die Clips fanden auch im Film Verwendung, wo sie wie im Fall von „Stayin’ Alive“ und „Golden Years“ vorrangig als ironischer Kommentar auf das fortgeschrittene Alter ihrer Interpreten funktionieren.

Young@Heart

Die kommerzielle Seite spart Walker jedoch geflissentlich aus. Er setzt lieber auf das Charisma seiner Protagonisten und ihre wahrlich ansteckende Lebensfreude. Es dauert nicht lange, bis der Funke überspringt und man Fred, Stan und die anderen in sein Herz schließt. Auch die nach dem plötzlichen Tod zweier verdienter, langjähriger Chor-Mitglieder etwas überstrapazierten Taschentuch-Momente können daran nichts ändern. Selbst wenn es von Walker – nüchtern betrachtet – reichlich kalkuliert erscheint, die Gruppe nur kurz darauf bei einem Auftritt in einem Gefängnis zu filmen, wo sie noch unter dem Eindruck der Nachricht „Forever Young“ anstimmen.

Aus einem insgesamt energiegeladenen, lebensbejahenden Film ragt sodann auch ein stiller Moment besonders heraus. Wenn ein sichtlich bewegter Fred Knittle Coldplays „Fix You“ für seinen kürzlich verstorbenen Duett-Partner und Freund Bob Salvini interpretiert, muss man als Zuschauer schwer schlucken. „When you get what you want but not what you need, when you feel so tired you can’t sleep, stuck in reserve“ heißt es da und weiter „Lights will guide you home and ignite your bones. And I will try to fix you.” Jeder dürfte sich wünschen, auf diese Art einmal verabschiedet zu werden.

Trailer zu „Young@Heart“


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