You Were Never Really Here

Ein der Welt überdrüssiger Killerkörper schleppt sich ein letztes Mal durchs Bild und räumt auf. Der Wettbewerb von Cannes endet mit einem müden, unfertigen Film. Und seinem vielleicht besten.

Irgendwann ist’s dann völlig zerborsten. Durch die verspiegelte Zimmerdecke geht nicht einfach der berühmte Riss, da sind gleich mehrere Sprünge, Einschusslöcher, weggefetztes Glas. Und was da noch restgespiegelt wird, das ist das gleiche Chaos in Körpern: Joe liegt am Boden, neben ihm sein erledigter Widersacher, eine weitere Leiche ragt noch ins Bild. Das soeben veranstaltete Massaker an einem Kinderhändlerring gemahnte ans Ein-Mann-Kommando gegen die Übel unserer Stadt aus Taxi Driver (1976), aber das Bild ist unfertig, Travis Bickle ist niemals hier gewesen, und Joe ist kein Subjekt, sondern nur noch Hülle: der theoretisch wuchtige, aber praktisch träge Körper von Joaquin Phoenix, dessen Gesicht von einem wuchernden Kinnbart eher notdürftig eingehegt denn begrenzt wird. Fortan wird auch Jonny Greenwoods Score experimenteller, schriller, berstender klingen. Ein Film ist zusammengebrochen.

Ein müder Witz

You Were Never Really There 1

Nicht, dass davor die Sache eine stabile gewesen wäre. Lynne Ramsey desorientiert uns in You Were Never Really Here von Anfang an, auch wenn wir zunächst noch hoffen, die uns gelieferten Bilder in bekannte filmische Strukturen übertragen zu können. Irgendwie geartete Kindheitstraumata haben wohl einen irgendwie beschädigten Mann produziert, die Flashbacks sprechen vom Luftanhalten, also vom Überleben, ein Voice-over zählt einen Countdown runter, und die Plastiktüte, mit deren Hilfe Joe immer wieder zwanghaft seinen Sauerstoff verknappt, erinnert an die Gardine, die das Kind in Ramseys Ratcatcher (1999) umhüllte. Was außerdem klar ist: Der beschädigte Mann mit den wulstigen Narben am Körper arbeitet säuberlich als Profi für Schmutziges, räumt ja in der Anfangssequenz gewissenhaft ein Hotelzimmer auf, verlässt das Gebäude durch die Hintertür, steigt in ein Taxi, flüstert in ein Flughafentelefon, dass die Sache erledigt ist. Geht heim zu seiner Mama, die aussieht wie die in Psycho (1960) und gerade im Fernsehen Psycho guckt. Ein müder Witz in einem müden Film. Mutter und Sohn sind wie schon lange tot. Der Frischkäse im Kühlschrank von 1972, die Freundin, von der du noch sprichst, Mama, das war vor 20 Jahren.

(Kein) Mensch und (keine) Maschine

Zu einer kohärenten Sache werden sich diese Bilder, diese Sätze, diese Komplexe, diese Geister nicht mehr fügen, ein ganzer wird dieser Körper nicht mehr. Joaquin Phoenix schleppt sich durchs Bild, der Film will ihn fassen, ganz genreklassisch zwischen Maschine und Mensch. Die Maschine kalkuliert Gewinne: 50.000 $ für den nächsten Auftrag, eine Minderjährige aus der Hölle retten, „I want you to hurt them“, sagt der Auftraggeber, der Vater, ein Senator, also minus 16,99 $ für den Hammer, mit dem die Kinderschänder ihre Schädel eingeschlagen bekommen werden. Die Maschine arbeitet sich durch die Nacht, immer wieder, Phoenix mit Hoody und Brille, ein Outfit aus Schwarz, Grau und Dunkelblau. In diesen Szenen arbeitet sich auch dieser Film gewissenhaft wie Michael Mann durch Außenaufnahmen, begleitet von einem peitschenden Beat und aufgewühlten Synthesizern. Der Mensch aber kommt der Maschine immer wieder in die Quere, im ermüdenden Kunstlicht verliert sich die Nacht, und in den routiniert arbeitenden Film tragen sich wirre Flashbacks ein, die nichts mehr mit Kindheit zu tun haben. Da sieht was nach Krieg aus, und einmal trägt Joe eine FBI-Jacke und öffnet die leichengepflasterte Ladefläche eines Lieferwagens. Aber so wenig, wie sich aus der Gegenwart ein Thriller bildet, entsteht aus den Bildern der Vergangenheit eine verstehbare Psyche.

Ein paar Schlager und sonst nur Fragmente

Ramsey fragmentiert, will uns an die Nerven, mit Detailaufnahmen von scheinbar bedeutsamen Dingen eher irritieren als ernsthaft puzzlen. Und mit Gewalt verstören, natürlich, aber es ist eine Gewalt, der niemals affektive Autorität zugestanden wird. Das Ein-Mann-Kommando gegen die Menschenhändler beobachten wir durch indifferent zwischen verschiedenen Perspektiven wechselnde Überwachungskameras, die manchmal live dabei sind, wenn Joe zuschlägt, meistens aber zu spät kommen, und dann liegt da nur noch einer.

Irgendwann liegt auch Joe wieder, die Sache geht schief, wie im Genrefilm. Der Senator auf einmal tot, angeblich Selbstmord, das eigentlich schon gerettete Kind wieder in Gefahr. Schleppt sich der Film also weiter, den Bösewichten, den Machenschaften hinterher. Im Hintergrund laufen immer mal wieder alte Schlager, aus irgendwelchen Dudelradios. Hits aus anderen Zeiten, vielleicht 1972, manchmal mit Humor in den Film gewebt: „All I need is the air that I breathe“, dudelt es, als Joe einem Widersacher im Bodenkampf die Luft abschnürt. Das Lied scheint zu beruhigen. Kurz danach liegen die beiden nebeneinander und halten sich die Hände. Ein Film, der sich immer wieder so gern hinlegen würde, aber dann doch nochmal weiter muss. Als Joe irgendwann die Tür zum Showdown aufmacht, ist aber auch der längst geschehen.

In Trance

Verdrängte Kindheit, Krieg und Elend, Gewaltfantasien, den Üblen der Welt wehtun, die Psychos der Filmgeschichte beschwören, den Score ausrasten lassen, in politische Intrigen und Menschenhandel verwickelt werden, alles das wie in Trance, die Augen von Joaquin Phoenix drohen immer zuzufallen, der Film damit zusammenzubrechen. Weder Film noch Protagonist sind expressive Körper, wie es noch die New-Hollywood-Filme waren, mit ihren rechtschaffenen Rächern, ihren Veteranen, deren Traumata zumindest noch gut waren als Freibrief für Selbstjustiz und filmische Eskalation. Hier ist alles ausdruckslos. Keine methodgeacteten Selbstmordfantasien vor einem unversehrten Spiegel, sondern sich im Tagtraum den Schädel wegpusten, und zwar so richtig.

Ein allem überdrüssiger Film. Keine Katharsis, keine Erlösung, nur im Coffeeshop hocken, mit dem geretteten Mädchen, wie einst der coole Robert De Niro mit der hübschen Jodie Foster, aber ohne was zu sagen. Statt dem Abspann nur ein schwarzes Bild und noch ein bisschen Score, der Film ist nicht rechtzeitig für Cannes fertig geworden, heißt es, und wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird er das auch nicht mehr, sondern irgendwo zerbersten, aber immer und immer wieder.

Trailer zu „You Were Never Really Here“


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