Wonder Woman

Das Wunder der Empathie: Wonder Woman besinnt sich auf die Schauwerte der Vorlage und bastelt mit Kitsch und Camp an einem Gegenmodell zu den Männlichkeitsbildern der Konkurrenz.

Ein Mann bringt den Krieg nach Themyscira. Dort wird er eine Frau finden, die den Frieden bringt. Er ist Steve Trevor (Chris Pine), ein Spion aus dem 20. Jahrhundert. Sie ist Diana (Gal Gadot), eine in der Antike geborene Amazone, Wonder Woman. Dass sie keine einfache Frau ist, wird er eingestehen, noch bevor sie ihn mit dem Lasso der Hestia festbindet und so die Wahrheit über die Welt erfährt, die den Krieg nach Themyscira brachte.

Entzückend deplatziert, und unverzichtbar

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Diese Welt ist das Europa des Jahres 1918. Das Gegenbild des antiken Paradieses, ein Kontinent, befallen vom Wahnsinn des Krieges, in dem Diana den Gott und Erbfeind der Amazonen Ares zu erkennen glaubt. Wonder Woman zeigt diesen Krieg in digital eingenebelter Industriezeitalter-Ikonographie. In seinem Zentrum steht London, ein Dreck und Rauch spuckender Moloch, dessen schäbiges Grau die grünen Hänge von Dianas Heimat ablöst. Die Begegnung mit dieser fremden, in die Moderne gedampften Welt ist das Zentrum von Wonder Womans Geschichte. Diana ist hier eine Außerweltliche: als Frau, als Halbgöttin, als Archetyp. Regisseurin Patty Jenkins nutzt das geschickt für eine Außenperspektive auf dieses von Generälen geführte und von Artillerie geformte Europa. Spielerisch, fast beiläufig inszeniert sie, wie die Wunderfrau sich einer Welt annähert, in der sie selten willkommen, oft entzückend deplatziert, aber eben auch unverzichtbar ist. Als fish out of water muss sie sich im London der 1910er Jahre zurechtfinden, das, gemessen an heutigen Wertvorstellungen, mitunter deutlich antiquierter wirkt als das antike Matriarchat. Wonder Woman hält dieser Welt stets ihre Empathie entgegen, die den Film durchzieht wie das Grün die Amazoneninsel.

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Das tut besonders dort gut, wo die Geschlechterrollen beider Welten aufeinander treffen. Wonder Woman ist ein angenehmes Gegenbild zum alten Comic-Klischee der damsel in distress, ohne deshalb gleich das ebenso ärgerliche, naheliegende, wenn auch modernere Klischee der „starken Frau“ zu festigen, die sich beweist, indem sie fehlerfrei eine erlesene Auswahl von männlich konnotierten Albernheiten vollführt. Jenkins sieht sich nicht gezwungen, jede Situation, in der ihre Protagonistin belächelt wird, durch direkte Konfrontation in ihr Gegenteil zu hämmern. Sie gibt ihr vielmehr die Souveränität, derartige Konflikte, zusammen mit der modernen Etikette der Männerwelt, spielerisch und mit beeindruckend beiläufiger Situationskomik beiseite zu wischen.

Eine Heldin im Großen Krieg

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Die spielerische Leichtigkeit findet ihre Grenzen in den Gräben der Westfront. Eben dort, wo der Krieg nicht mehr mit den Waffen der Antike geführt wird, sondern ein Fleischwolf der Kriegsmaschinen geworden ist (zu denen der Film noch eine kriegstraumatisierte Nebenfigur und ein paar Verweise auf den Genozid als Fußnoten addiert), gilt es nicht, die Zerstörung der Welt durch einen Superschurken zu verhindern, sondern einen Grund zu finden, die Welt zu retten. Der Große Krieg prasselt mit solcher Gewalt auf Wonder Woman ein, dass sie nur ihren Schild heben und die Kugeln abwehren kann, und ansonsten gemeinsam mit dem Rest der Welt zusehen muss, wie die pazifistische Utopie zerstört wird. Jenkins inszeniert das nicht mit düsteren, entsättigten Bildern, sondern hält auch im Grabenkrieg am Ton der der Marston-Vorlage fest. So dürfen nicht nur die Kontraste bleiben, sondern auch die schön überdrehten Superschurken. Als potenzielle Verkörperung des Kriegsgottes Ares tritt General Erich Ludendorff (Danny Huston) persönlich auf, der hier schon vor dem Hitlerputsch ganz in der Rolle des Nazi-Bösewichts aufgeht und freudig, mit Hilfe seiner Fritz-Haber-Ersatz-Giftmischerin Dr. Maru (Elena Anaya), den Rest des Militärstabs vergast.

Empathie und Pathos statt graue Industrie

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Gebremst wird Wonder Woman nur von faden Action-Sequenzen, die meist in der von Zack Snyder etablierten Stop-and-Go-Methode inszeniert sind und sich im stumpfen Wechsel aus CGI-lackierten Superzeitlupen und anschließenden Beschleunigungen erschöpfen. Doch der Film bricht eben nicht unter der Last mediokrer Actionszenen zusammen, wie seine DC-Franchise-Vorgänger. Dafür zeichnet zunächst die Wunderfrau selbst verantwortlich, die sich als strahlende Halbgöttin gleichermaßen leidenschaftlich und verschmitzt gegen das Heer des Kaiserreichs und die alten Herren des britischen Unterhauses behauptet und nebenbei die Zeit findet, ein Softeis zu genießen. Wonder Woman ist nicht nur das sanfte Gegenmodell zu den Maskulinitätsbildern der Comicwelt, als das W.M. Marston sie einst erfand, sondern auch ein Film, der die Schauwerte seiner Vorlage, die tief bis in die Welt von Kitsch und Camp reichen und andernorts gerne übergebügelt werden. Und sie selbstverständlich auf die Leinwand überträgt, dass von ihnen eine Empathie ausstrahlt, dessen Pathos selbst das Grau des Industriezeitalters überdeckt.

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